Adrenalinlastiges 5G-Projekt

Bretter, die die Welt bedeuten

Noemi Ristau ist Spitzensportlerin – und sehbehindert. Im Interview erklärt die Skirennläuferin, wie digitale Technologie und 5G ihr helfen, ihren Alltag, auf und neben der Piste, selbstbestimmt zu gestalten.

Skirennläuferin Noemi Ristau

Noemi Ristau ist Topathletin – und sehbehindert. Mittels 5G-Technologie konnte sie nun erstmals seit ihrer Erkrankung wieder alleine eine Abfahrt meistern.

Wenn Noemi Ristau die Piste herunterjagt, käme niemand auf die Idee, dass sie kaum sehen kann. bislang war sie immer auf einen Guide angewiesen – Nun nahm die Paralympionikin an einem Vodafone-Projekt teil, bei dem sie mittels 5G-übertragung erstmals allein eine rasante Abfahrt absolvierte. Im Interview erklärt sie, wie Technik ihr den Alltag erleichtert.

Frau Ristau, wann haben Sie den Skisport für sich entdeckt?
Noemi Ristau:
Als ich drei Jahre alt war, hat mein Vater mich das erste Mal auf Skier gestellt – allerdings war das zu dieser Zeit immer nur im Rahmen des Familien-Skiurlaubs. Als ich dann im Alter von knapp 14 an den Augen erkrankte, bin ich an eine Blindenschule gewechselt, die Skifreizeiten organisierte. So habe ich wieder damit angefangen. Beim Marburger Skiclub, dem ich mich dann angeschlossen habe, ist mein Talent aufgefallen. Als Teenager hatte ich damals jedoch erstmal andere Prioritäten. Richtig angefangen habe ich erst später und mein erstes Rennen bin ich 2015 gefahren. Bei der WM 2017 in Tarvisio konnte ich mir Bronze sichern und wurde so auch in die Nationalmannschaft aufgenommen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Eine andere, „ungefährlichere“ Sportart wäre für Sie auch nach der Diagnose nicht in Frage gekommen?
Ristau:
Tatsächlich hatte ich kurzzeitig mal mit dem Blindenfußball angefangen, habe es dort sogar bis in die Nationalmannschaft geschafft. Das hat mir zwar auch Spaß gemacht, aber ich habe schnell gemerkt, dass mir das auf diesem Niveau keine Freude bereitet – in so einer großen Gruppe steht man ja auch ständig unter Leistungsdruck.

Wie haben Sie reagiert, als man wegen des 5G-Projekts auf Sie zugekommen ist, und konnten Sie sich sofort vorstellen, wie das ablaufen sollte?
Ristau:
Im letzten September ist man mit der Frage auf mich zugekommen, ob ich nicht mithilfe einer neuen Entwicklung eine Abfahrt allein, ohne meinen Guide, fahren wolle. Mit meinem früheren Guide hatte ich bereits ausprobiert, wie es ist, wenn er mal ein bisschen weiter vorausfährt und mich von unten aus lotst. Die Erfahrung, wie es ist nach Gehör zu fahren hatte ich bereits. Und genau genommen fahre ich ja jetzt auch schon über Technik – ich bin dauerhaft über ein Headset verschaltet und sobald ich nichts mehr höre, halte ich einfach an. Der Unterschied war nun allerdings, dass mein Guide nicht mit mir auf der Piste war.

Sind Sie denn auch ganz generell technischen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen oder haben Sie eher Vorbehalte?
Ristau:
Nein – solche Innovationen erleichtern mir spürbar das Leben. Noch vor acht Jahren hätte ich mir z.B. nie vorstellen können, mal alleine eine Stadt zu bereisen. Durch das Navi auf meinem Handy kann ich jetzt auch selbstständig das Hotel finden. Mein Handy und mein iPad sind echte Hilfsmittel für mich, da diverse Apps und die Kamerafunktion es mir ermöglichen, alleine einkaufen zu gehen oder mit der Bahn zu fahren.

Ihrer Sehbehinderung zum Trotz sind Sie examinierte Ergotherapeutin. Gibt es „digitale Helferlein“, die Ihnen den Weg dorthin erleichtert haben?
Ristau:
Aktuell kann ich den Beruf zwar nicht ausüben, da der Profisport sehr viel Raum einnimmt. Während meiner Ausbildung habe ich allerdings einige Praktika absolviert – dabei kam mein iPad stark zum Einsatz. Ich habe auch eine spezielle Brille, die abfotografiert, was ich anschaue, und es mir dann vorliest.

Das Projekt mit Ihnen als Spitzensportlerin war auch eine PR-Aktion für den 5G-Standard. Denken Sie dennoch, dass Menschen mit Behinderung in Zukunft von dieser Technologie auch in ihrem Alltag profitieren können?
Ristau:
Ich denke, ein schnelles Netz, das eine sehr präzise Navigation erlaubt, kann z.B. im Straßenverkehr enorm hilfreich sein – ich denke dabei vor allem an das autonome Fahren. Und wer weiß, vielleicht mache ich dadurch auch irgendwann mal den Führerschein!  

Bild: Karen John

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