Kupfer wird zu Gold

Bundesnetzagentur will Telekom Vectoring erlauben [Update]

Breitband kommt, aber ohne Glasfaser. Die Telekom propagiert als Zwischenlösung VDSL2-Vectoring. Aber die Konkurrenten wird sie nicht los.

[Aktualisierung 8.12.2015]

Die Überlegungen der Bundesnetzagentur zum Vectoring treffen auf unerwarteten Widerstand: Ein aktuelles Gutachten zur Telekommunikationsregulierung der Monopolkommission spricht sich dafür aus, grundsätzlich allen ausbauwilligen Unternehmen Vectoring zu ermöglichen - auch im Nahbereich der Hauptverteiler und ohne Bedingungen.

Der Regulierungsentwurf der Bundesnetzagentur setzt nach Ansicht der Monopolkommission zu hohe Hürden für eine Beteiligung der Wettbewerber. Prof. Daniel Zimmer, der Vorsitzende der Monopolkommission, befürchtet, dass es auf diese Weise nicht gelingt, das Technologiemonopol der Telekom auf der "letzten Meile" zu verhindern.

[Ursprünglicher Artikel:]

Wer im Leben etwas erreichen will, sollte ganz schnell die taktische Finesse der Doppelargumenation lernen. Bestes Anschauungsmaterial liefert die Telekom beim Aufbau der Breitband-Infrastruktur. Glasfaser bis in die Wohnzimmerwand (FTTH, Fiber To The Home) ist hierbei der weltweit erprobte Standard.

Doch die Telekom meint: Erstens brauchen wir das nicht vor 2026 und zweitens kommt es zu spät, weil der Ausbau mindestens bis 2030 dauert. Und aus beiden Gründen ist die Vectoring-Technologie der Telekom die Lösung aller Probleme. Spötter meinen, sie löse vor allem das alte Alchimistenproblem, wie man Kupfer in Gold verwandelt.

Mit dieser Sache beschäftigt sich auch die Bundesnetzagentur, die Regulierungsbehörde für den TK-Markt. Vor einigen Monaten hat die Telekom beantragt, in 8.000 Hauptverteilern Vectoring einzusetzen und dazu von der Verpflichtung befreit zu werden, Wettbewerbern dort VDSL-Anschlüsse zu ermöglichen.

Konkret geht es um das VDSL2-Vectoring für die so genannte letzte Meile - die Strecke zwischen Hauptverteiler und Hausanschluss. Hier liegt in Deutschland meist noch Kupfer und keine Glasfaser. Die Bandbreite der vergleichsweise dünnen Kabel ist begrenzt und nur durch technische Tricks erweiterbar. Die neue Technologie soll eine Geschwindigkeit zwischen 50 und 100 Megabit bringen.

Bisher waren nur in einigen Regionen, vor allem in den Ballungszentren Bandbreiten bis 50 Megabit möglich. Dies galt jedoch nur für eine Minderheit der Anwender. Vectoring erlaubt höhere Bandbreiten bis 100 Megabit für eine größere Anzahl an Kunden. In der nächsten Ausbaustufe "Super Vectoring" sollen sogar 250 Megabit möglich sein.

Der Punkt dabei: Zum Teil müssen die vorhandenen VDSL-Anschlüsse von Mitbewerbern abgeklemmt werden. Die beiden Technologien in den Hauptverteilern sind zueinander nicht kompatibel, so dass immer nur eine davon genutzt werden kann. Dies ist von Kritikern als eine heimliche Re-Monopolisierung der Telekom bezeichnet worden.

Der Entwurf der Bundesnetzagentur ist ein Kompromiss zwischen möglichst raschen Ausbau der Breitband-Infrastruktur und einem (einigermaßen) chancengleichen Wettbewerb. Grundsätzlich bleibt die Telekom auch in Zukunft dazu verpflichtet, ihren Konkurrenten den Zugriff auf die Teilnehmeranschlüsse zu gewähren.

Telekom-Konkurrenz muss jetzt loslegen

Eine Ausnahme sind die Anschlüsse mit der VDSL2-Vectoring-Technologie. Und es gibt eine Ausnahme von der Ausnahme: "Ein Wettbewerber kann auch künftig in einem Nahbereich auf die "letzte Meile" zugreifen, wenn er sich in einem Gebiet bisher in stärkerem Maße bei der DSL-Erschließung von Kabelverzweigern, den grauen Schaltkästen am Straßenrand, und damit flächendeckender als die Telekom engagiert hat. Dort kann er die Nahbereiche selber mit VDSL2-Vectoring erschließen, um so sein Versorgungsgebiet zu vervollständigen. Hierfür muss er bis Ende Mai 2016 eine verbindliche Ausbauzusage vorlegen."

So die stark verklausulierte Darstellung in der Pressemitteilung der Bundesnetzagentur. Konkret bedeutet dies für die Telekom-Konkurrenz: Sie muss jetzt schnell aktiv werden und in kürzester Frist eine eigene VDSL2-Vectoring-Strategie entwerfen. Dies gilt aber wohl nur für Regionen, in denen sie bereits aktiv sind. Damit wird zwar möglicherweise ein Quasi-Monopol bei Breitband verhindert, doch eine zukunftsfeste Infrastruktur entsteht dadurch sicher nicht.

Kritiker der Telekom betonen, dass der Ausbau der Glasfasernetze nur aufgeschoben wird. Die Telekom kontert mit ihrer internen Analyse, nach der in den nächsten zehn Jahren praktisch niemand ein Glasfaseranschluss benötigt. Diese Argumentation riecht ein wenig nach "Self-Fulfilling Prophecy": Was nicht angeboten wird, kann auch nicht genutzt werden.

 

Auch die Zukunftsträume von "Super Vectoring" haben nur wenig mit einer flächendeckenden Breitbandinfrastruktur zu tun, denn die hohen Geschwindigkeiten werden nur in den ohnehin bevorzugten Ballungszentren möglich sein. Das Problem des Leistungsabfalls über eine längere Strecke bleibt grundsätzlich auch bei Vectoring bestehen.

Der teils erbärmliche digitale Rückstand auf dem Land wird dadurch zementiert. Vor allem Regionen außerhalb der Speckgürtel der Großstädte werden noch stärker in den Abwärtsstrudel geraten. Wer auf dem Dorf lebt, wird dann schnelles Internet nur von seinen Urlauben in den Nachbarländern kennen.

Bildquelle: Günther Gumhold / pixelio.de

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