Mobiles Bezahlen

Corona verleiht Schubkraft

Fakt ist: Deutschland liebt sein Bargeld. Und dennoch erfahren mobile Bezahlmethoden dieser Tage einen wahren Aufschwung – Corona sei Dank, muss man wohl sagen. Händler und Finanzdienstleister sollten jetzt die Chance nutzen und mit digitalen Lösungen auf den fahrenden Zug aufspringen.

Brennendes Eurosymbol

Das mobile Bezahlen erhält durch die Corona-Krise neuen Aufschwung – doch was wird nun aus dem Bargeld?

Eine gewisse Skepsis gegenüber digitalen Bezahllösungen scheint bei den meisten Deutschen tief verwurzelt. Dennoch ist seit geraumer Zeit ein Trend hin zu vermehrter Kartenzahlung sowie mobilen und kontaktlosen Zahlungsmethoden auszumachen. Durch die Corona-Krise wird dieses Umdenken nun sowohl bei Kunden als auch Händlern positiv beeinflusst, beobachtet Gunnar Hartmann. „Gerade jetzt, wo doch verstärkt auf Hygiene geachtet werden muss, sind wohl alle sehr dankbar für die bereits vorhandenen kontaktlosen und Mobile-Payment-Technologien“, so der Senior Sales Manager von Sumup. „Immer mehr Leute erkennen, wie schnell und unkompliziert ein Bezahlvorgang schon jetzt sein kann und wie sicher diese Art des Zahlungsprozesses ist.“

Das stellt auch Fin Glowick, Head of Business bei Invoiz, fest: Die Händler und Nutzer hätten sich infolge der Kontaktbeschränkungen und Hygienevorschriften zuletzt noch einmal genauer mit der Thematik auseinandergesetzt. Bei allen Discountern wurde plötzlich darum gebeten, so wenig wie möglich mit Bargeld zu bezahlen. Große Discounter wie Aldi oder Lidl seien an dieser Stelle schon recht gut ausgestattet – kontaktloses Bezahlen sei bei den meisten möglich. „Man merkt, wie einfach und bequem Mobile Payment ist, und gewöhnt sich auch nach der Krise weiterhin daran“, ist sich der Experte sicher. Wenn sich der Trend weiter fortsetze, würden Banken, die noch kein M-Payment unterstützen, natürlich unter Zugzwang geraten, warnt er. Ein Problem sieht er auch bei eher kleineren, „privaten“ Läden. „Bäckereien waren und sind auch noch immer so eine Sache“, meint Glowick. Er habe mittlerweile aber schon die ersten Bäcker entdeckt, wo mobiles Bezahlen möglich sei, „und es hat mich sehr gefreut. Ich finde es lästig, Bargeld mit mir herumzuschleppen. Mein Smartphone und meine Smartwatch habe ich immer dabei und sie nehmen keinen ‚zusätzlichen Platz‘ weg“, argumentiert er.

Die technischen Gegebenheiten für Zahlungen mithilfe mobiler Endgeräte sind spätestens seit der Einführung von Apple Pay und Google Pay in Deutschland im Jahr 2018 vorhanden – sowohl die benötigte Infrastruktur als auch die entsprechende Hardware. Lösungen wie Apple Pay und Google Pay „verwenden im Grunde die gleiche Technologie wie herkömmliche Zahlungskarten mit integrierter NFC-Technologie“, erklärt Alexander Emeshev, Mitgründer von Vivid Money. Der Vorteil jener mobilen Bezahlmethoden sei, dass diese Lösungen mit den meisten bestehenden Zahlungsterminals funktionieren würden. „In Deutschland haben wir rund 870.000 Kartenterminals. Mehr als 800.000 von ihnen unterstützen bereits kontaktlose Zahlungsmethoden – und somit auch mobiles Bezahlen“, weiß Emeshev. Allerdings seien die Kartenterminals in Deutschland nicht flächendeckend verbreitet. Zwar würden alle größeren Einzelhändler und Supermarktketten damit arbeiten, doch Bäckereien, Obstläden, kleine Boutiquen und sogar viele Restaurants würden noch oftmals keinen bargeldlosen Zahlungsverkehr unterstützen. Klar sei aber – und damit schließt er sich der Meinung von Glowick und Hartmann an –, dass der Bedarf auf Kundenseite da ist – aufgrund der Covid-19-Pandemie sogar noch stärker als bisher.

Zahlreiche Bedenken


Die häufigsten Bedenken von Nutzern mobiler Payment-Lösungen bestehen darin, dass sensible Daten mit Unternehmen wie Apple oder Google geteilt werden könnten. Laut Alexander Emeshev gehören diese Payment-Lösungen jedoch dank modernster Technologie mit zu den sichersten Zahlungsmethoden überhaupt. „Bei der Verwendung einer Kredit- oder Debitkarte bei Mobile Payment werden die eigentlichen Kartennummern weder auf dem Gerät noch auf Servern gespeichert“, versichert er. Stattdessen werde ein verschlüsselter virtueller Token mit einer individuellen Nummer generiert. Somit hätten weder Apple noch Google Zugriff auf die eigentlichen Kreditkartendaten. Zudem müssten sich Kunden per Fingerabdruck oder Gesichtserkennung auf ihrem mobilen Gerät authentifizieren, um die Zahlung freizugeben.

Neben den Sicherheitsbedenken gibt es aber auch noch einen anderen Faktor, welcher der Einführung und Nutzung von Mobile-Payment-Lösungen bislang im Wege stand und auch immer noch steht, weiß Philipp A. Pohlmann: „Bargeld hat – anders als in anderen Ländern – in Deutschland traditionell einen hohen Stellenwert“, so der Country Manager Germany von Qonto. „Menschen fühlen sich oft ‚frei‘, wenn sie mit Bargeld bezahlen können und nicht auf ein mobiles Endgerät angewiesen sind.“ Darüber hinaus seien Händler oft aufgrund von Kosten und Limitierungen mit den vorhandenen Lösungen unzufrieden. Beispielsweise sei die Verrechnung von Trinkgeld über Point-of-Sale-Lösungen (POS) nicht richtig darstellbar, so Pohlmann. Die Abrechnung müsse nachträglich manuell erfolgen. Auch fürchten vor allem Klein- und Kleinsthändler bei der Anschaffung eines Kartenzahlungsterminals lange Vertragslaufzeiten bzw. monatliche Kosten, ergänzt Gunnar Hartmann. Dabei gebe es bereits neben den tatsächlich sehr teuren und initial eher aufwändig einzurichtenden traditionellen Lösungen auch sehr flexible Angebote ohne Fixkosten. Nachweislich erfolge durch die Option der Kartenzahlung für den Händler ein gesteigerter Umsatz – durchschnittlich um 40 bis 60 Prozent.

Ein dritter Faktor, warum das mobile Bezahlen in Deutschland nur langsam an Fahrt aufnimmt, scheint wohl eine noch immer herrschende, häufig falsche Vorstellung der Händler zu sein, dass die Zurverfügungstellung von M-Payment-Lösungen mit hohem Recherche- und Installationsaufwand sowie komplizierten Vertragsabschlüssen verbunden ist. „Dabei ist es für Händler sowohl momentan als auch ganz generell tatsächlich dank verschiedenster, flexibel einsetzbarer Lösungen sehr einfach, mobiles Bezahlen anzubieten“, versichert Hartmann. Es gebe auf dem Markt Geräte und Techniken, die eine schnelle und einfache Implementierung ermöglichen würden. Letztlich seien die Herausforderungen für die konkrete Umsetzung ähnlich wie vor der Corona-Krise, ergänzt Philipp A. Pohlmann.

Mit digitalen Lösungen attraktiv bleiben


Einen positiven Einfluss auf den deutschen Mobile-Payment-Markt könnte hier ein einheitliches Bezahlsystem der heimischen Banken haben, eine Lösung „made in Europe“ sozusagen, die mehr Vertrauen unter den Nutzern schafft. „Vielleicht ist gerade die aktuelle Lage der entscheidende Moment, der die Entwicklung hin zu einem einheitlichen Bezahlsystem vorantreiben kann“, hofft Gunnar Hartmann. Für einen nachhaltigen Erfolg müssen am Ende jedoch alle an einem Strang ziehen, d.h., auch die Finanzdienstleister müssen diese Entwicklung gesamtheitlich wollen und vorantreiben. Auch Pohlmann ist der Meinung, dass die Corona-Krise und die jüngsten Entwicklungen im Zahlungsverkehr den Fokus auf eine Vereinheitlichung nochmals verschärft haben. „Zentral ist hier sicher die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Kreditwirtschaft“, so der Experte. Allerdings seien bestehende Systeme in Deutschland wie z.B. die Online-Bezahlsysteme Paydirekt und Giropay im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz nur mäßig erfolgreich. „Daher ist es für mich schwer einschätzbar, welche Akzeptanz ein einheitliches Bezahlsystem erlangen könnte“, so der Country Manager Germany von Qonto.

Um für Kunden auch während der Krise attraktiv zu bleiben, legt sein Unternehmen im Firmenkundengeschäft den Fokus auf offene Schnittstellen und die Integration bestehender Software-as-a-Service-Lösungen (SaaS), „um so unseren Kunden das Finanzmanagement zu erleichtern“. Geschlossene Systeme findet er langfristig nicht zielführend, da sich der individuelle Anspruch an Finanzprodukte kontinuierlich ändern würde. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, sollten Banken hierzulande die Integration zu neuen Lösungen erleichtern, empfiehlt er.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 07-08/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.


Fin Glowick hält es schon mal für ein großes Plus, „wenn Banken ihre Reaktionszeiten verbessern würden“. Banken sind ein großer Komplex und seiner Ansicht nach oft sehr steif. Das heißt, Anpassungen ziehen lange Entscheidungs- und Umsetzungsprozesse nach sich. Das ist natürlich wenig förderlich bei akuten Themen. Zugleich sollte aber auch ein gewisser Standard zwischen „alten“ Offline-Banken und den neueren Online-Banken herrschen. Das mache die Integration für Firmenkunden deutlich einfacher und unkomplizierter, ist sich der Experte sicher.

„Um für Kunden attraktiv zu bleiben, ist es wichtig zu wissen, was diese im Jahr 2020 von ihrer Bank erwarten“, ergänzt Alexander Emeshev. „Wir wissen, dass die Menschen mehr Flexibilität und eine Bank wollen, die ihre Bedürfnisse erfüllt. Und wir sehen, dass Menschen in einer immer komplexeren Welt erwarten, dass auch ihr Banking intuitiv und unkompliziert ist.“ Digitale Dienstleistungen wie Smartphone- oder Video-Banking seien dabei unerlässlich, wenn man Kunden attraktive Bankdienstleistungen anbieten möchte. „In Zeiten, in denen wir in der Lage sind, unser Leben vollständig mithilfe unseres Mobiltelefons zu organisieren, muss das Bankgeschäft genauso einfach zu bedienen sein, wie etwa ein Ferienhaus über Airbnb zu buchen oder Einkäufe über unsere bevorzugte Shopping-App zu tätigen“, argumentiert der Gründer von Vivid Money.

Das Angebot an digitalen Lösungen im Bankenwesen ist vor allem auch für die heranwachsenden Generationen interessant, wenn nicht sogar schon Voraussetzung. Das kann Fin Glowick nur bestätigen: „Ich habe selber Freunde, die die Bank gewechselt haben, weil es kein Smartphone-Payment bei ihrer alten Bank gab oder weil noch ‚altmodische‘ Kontoführungsgebühren verlangt wurden.“

Eine Welt ohne Bargeld?


Glowick würde es sich gar wünschen, dass Scheine und Münzen komplett aus der Welt verbannt werden. „Bargeld ist lästig, schwer und schmutzig“, findet er und betont nochmals: „Mein Handy bzw. meine Uhr habe ich sowieso immer dabei und kann mit ihnen einfach und bequem bezahlen.“ Die Nutzung von Mobile-Payment-Lösung scheint aber vor allem eine Generationsfrage zu sein. Millenials sind mit Smartphones und somit auch kontaktlosem Bezahlen aufgewachsen bzw. so technikaffin, dass sie es schnell lernen. Ältere Menschen sind mit Bargeld aufgewachsen und werden dieses wahrscheinlich auch noch weiterhin nutzen wollen.

Gunnar Hartmann kann sich dennoch eine Welt ganz ohne Bargeld vorstellen, „wenngleich diese Vision in Deutschland wohl erst in einigen Jahren Realität werden wird“, vermutet er. „Aber wir sehen“, fügt Alexander Emeshev an, „dass weltweit bereits mehr als 750 Milliarden Transaktionen bargeldlos abgewickelt wurden und dass diese Zahl bis 2022 potenziell auf 1.000 Milliarden bargeldlose Transaktionen ansteigen wird.“ Auch er ist optimistisch, dass es eine Zukunft ohne Bargeld geben und dass Deutschland bald zu anderen Ländern aufschließen wird, für die bargeldloses Zahlen heute schon Standard ist. 

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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