Auf dem Weg aus der Nische

Crowdinvesting wird akzeptierte Finanzierungsform

Im Interview berichtet Dr. Ralf Becker, Betriebswirt und Crowdinvesting-Experte an der FH Dortmund, über positive Tendenzen von Crowd-Kampagnen.

„Eine Crowdinvesting-Plattform muss die einzelnen Projekte gut vermarkten, damit ausreichend Investoren kommen“, meint Dr. Ralf Beck, BWL-Professor an der FH Dortmund und Experte für Crowdinvesting.

Herr Prof. Beck, wo steht ihrer Meinung nach das Crowdinvesting heute?
Prof. Ralf Beck:
Crowdinvesting ist gerade auf dem Weg von der Nische zur allgemein akzeptierten Finanzierungsform und Geldanlage. Die Bedeutung von Banken und Großinvestoren wird dadurch nach und nach sinken. Das ist eine Art Demokratisierung der Unternehmensfinanzierung. Das Potential ist enorm und wird sich erst in Zukunft richtig entfalten.

Was ist das Besondere am Crowdinvesting?
Beck:
Neben dem erzielbaren Finanzierungsbetrag ist für die Unternehmen das Marketing durch die Medienreichweite wichtig. Beim Aufbau unserer eigenen Plattform Geldwerk1 dachten wir anfangs nur an eine kleine Marketingabteilung. Wir haben aber schnell festgestellt, dass es gut die Hälfte des Aufwands ausmacht. Eine Plattform muss die Projekte gut vermarkten, damit ausreichend Investoren zusammenkommen.

Werden nicht viele Start-ups scheitern, sodass Anleger ihr Geld verlieren?
Beck:
Natürlich kann das eingesetzte Kapital vollständig weg sein, doch bisher ist die Ausfallquote erstaunlich gering. Sie liegt bei etwa zehn Prozent. Manch ein Experte hat 50 Prozent erwartet. Zwar liegen viele Projekte hinter den Planungen zurück, doch Insolvenzen und Firmenaufgaben sind bislang eher selten.
Der Grund ist sicher die vernünftige und vorsichtige Auswahl durch die Plattformen. Allerdings wird die Ausfallquote sicherlich noch steigen, ohne aber in bedenkliche Größenordnungen zu gelangen. Venture Capitalists und Business Angels geben an, mehr Totalverluste verzeichnen zu müssen.

Woran liegt das? Gehen die Analysten der Plattformen anders vor?
Beck:
Die Crowdinvesting-Plattformen prüfen weniger intensiv als Business Angels und Venture Capitalists. Eigentlich müsste es also mehr Problemfälle geben. Vermutlich schlägt der das Crowdinvesting begleitende Marketingeffekt sehr positiv auf den Projekterfolg durch. Es gibt allerdings noch keine gezielten Untersuchungen, die das bestätigen. 

Was ist bei der Beurteilung der Projekte das Wichtigste?
Beck:
Zumeist wird darauf herumgeritten, wie wichtig das Alleinstellungsmerkmal eines Unternehmens ist. Natürlich sind Geschäftsmodell und Alleinstellung sehr wichtig. Das Team ist aber noch wichtiger als das Geschäftsmodell. Gute Leute können fast jedes halbwegs passable Geschäftsmodell nach vorn bringen, schlechte werden nicht selten selbst mit sicher geglaubten Geschäften scheitern.

Aber trotzdem kann noch einiges schiefgehen.
Beck: Die Crowdfunding-Plattformen sammeln noch Erfahrungen und verbessern ihr Vorgehen bei der Projektauswahl. Ein etwas undurchsichtiger Ausfall wie bei dem Projekt Vibewrite wird wohl in Zukunft nicht mehr so leicht passieren. Das Start-up war bereits drei Monate nach einem Crowdinvestment insolvent. Vermutlich gab es zu diesem Zeitpunkt erhebliche finanzielle Probleme bei Vibewrite, die nicht angemessen kommuniziert wurden.
Die Gründe für einen ausbleibenden Erfolg bei Start-ups können ganz vielfältig sein: Streitigkeiten im Team, unerwartete technische Probleme, die Konkurrenz ist stärker als gedacht, eine geplante Anschlussfinanzierung gelingt nicht und vieles mehr. Richtig guten Teams gelingt es zumeist, die Schwierigkeiten auszuräumen oder gar nicht erst entstehen zu lassen.

 

 

 

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok