Der erste Hack eines Krankenhauses in Düsseldorf war noch ein Versehen, mittlerweile sehen Cyberkriminelle in diesen Institutionen attraktive Ziele.
Dass mit dem Sicherheitsproblem auch die Angst vor Cyberangriffen steigt, zeigt eine aktuelle deutschlandweite Bitkom-Studie: Rund 80 Prozent der Befragten gaben an, dass sie Angst vor Datenmissbrauch haben. Ebenso groß ist die Sorge, wenn es um Schadprogramme geht. Auch die tatsächlichen Begegnungen mit kriminellen Vorfällen im Internet nehmen zu: 61 Prozent der befragten Internetnutzer hatten vor Kurzem entsprechende Erfahrungen gemacht.
Vor allem Firmendaten sind durch die Cyberkriminellen gefährdet – dieses Problem ist durch die Corona-Krise noch verschärft worden. „Zu Beginn der Pandemie ging es in vielen Unternehmen darum, die Mitarbeiter im Homeoffice arbeitsfähig zu halten. Security wurde deshalb zu oft nicht an erster Stelle priorisiert“, berichtet Joe Weidner, HP Sales Specialist Security Solutions CE. „Egal, ob Notebooks, Drucker oder Router – die meisten Endgeräte waren schlecht bis gar nicht gesichert.“
Das Problem dabei: „Die Pandemie hatte eine vermehrte Zuwendung zu den sogenannten ‚Neuen Arbeitsweisen‘ zur Folge, was bessere Sicherheitsmaßnahmen definitiv nötig gemacht hat“, betont Sven Moog, Geschäftsführer der Cognitum Software Team GmbH. Den Grundstein dafür hätten viele Unternehmen zwar bereits vor der Pandemie gelegt, aber: „Leider zeichnet sich immer häufiger ab, dass der bisherige Schutz nicht ausreicht.“
Bei vielen Anbietern von Security-Lösungen hat sich die Nachfrage entsprechend erhöht. „Erstens waren es insbesondere Lösungen für den sichere Fernzugriff wie Firewall/VPN-Lösungen, die durch die plötzliche und sehr umfangreiche Remote-Arbeit unmittelbar eine sehr hohe Nachfrage erzeugten“, erinnert sich Michael Veit, IT-Security-Experte bei Sophos. Im selben Zuge sei auch die Nachfrage nach Next Gen Endpoint Protection gestiegen. „Zweitens und nicht zu unterschätzen waren die verstärkten Aktivitäten der Cyberkriminellen, welche die besonderen Umstände der Pandemie ausnutzten und teils auch großen Schaden anrichteten. Diese Art von Angriffen wurde sehr schnell bekannt und sensibilisierte Unternehmen in der eher schon komplexen Umbruchsituation zusätzlich.“
Viele Angestellte arbeiten noch immer im Homeoffice – häufig sind sie dadurch leichte Beute für Cyberkriminelle, da viele private PCs und Smartphones nutzen, um zu arbeiten oder um mit Kollegen in Kontakt zu bleiben. Diese sind jedoch oft nicht angemessen abgesichert und öffnen so Tür und Tor u.a. für Ransomware. Auch die Bitkom-Studie zeigt: Nur 39 Prozent der Befragten fühlen sich in der Lage, ihre Geräte vor Angriffen durch Internetkriminelle zu schützen. 63 Prozent sagen, sie würden nicht bemerken, wenn der Computer oder das Smartphone ausspioniert würde.
„Es ist davon auszugehen, dass viele der Homeoffice-Umgebungen auch langfristig bestehen bleiben. Daher bleibt das Thema einer dafür geeigneten Security bestehen“, meint Michael Veit. Denn: „Im Homeoffice fehlen nicht nur technische Schutzmechanismen im Netzwerk oder wenn nötig die physischen Zugangsbeschränkungen wie bei Büroräumen. Vielmehr fehlen auch sozialen Kontakte mit Kollegen.“ So könnten Kollegen normalerweise z.B. schnell gefragt werden, ob sie „diese komische Mail“ auch bekommen haben. „Im Homeoffice müssen Mitarbeiter die Entscheidungen allein treffen, ob der Anhang an einer mögliche Phishing-E-Mail geöffnet wird oder nicht.“
Dem pflichten auch Sven Moog und Joe Weidner bei. „Entscheidend ist es, die Sicherheitsstrategie an die neuen Herausforderungen des hybriden Arbeitens anzupassen. Viele Unternehmen haben das verstanden und entsprechende Hardware mit integrierten Schutzmechanismen an ihre Mitarbeiter ausgerollt“, erklärt Weidner. Dabei sei jede IT-Kaufentscheidung eine Entscheidung für oder gegen Sicherheit. „Moderne Notebooks und Drucker bieten bereits eine Vielzahl an Schutzmechanismen ab Werk.“ Wichtig sei, dass die Maßnahmen der Unternehmen in eine Security-Strategie eingebettet sind, die neben den Endpunkten auch Server, Cloud und Netzwerk integriere. „Nur so lassen sich die digitalen Unternehmenswerte sicher vor unbefugtem Zugriff schützen.“ Sven Moog fordert, dass bei allen Mitarbeitern ein Bewusstsein für Eigenverantwortung geschaffen werden solle. Hilfreich seien außerdem Identity- und Access-Management-Lösungen, die nur vereinzelte und korrekte Berechtigungen für Netzwerke mit sensiblen Daten erteilen.
Alle drei Experten betrachten vor allem die Mobile Security mit Sorge, da Smartphones, Tablets und Co. häufig nicht genauso abgesichert sind wie etwa PCs – vor allem, wenn z.B. statt Firmenhandys Privattelefone genutzt werden. „In vielen Unternehmen hat sich – wie auch teilweise bei der Hardware – ein Paralleluniversum entwickelt“, meint Weidner. Meist entstehe dies, wenn Angebote des Unternehmens fehlten. „Entsprechend ist es essenziell, auch die Bedürfnisse der Mitarbeiter an eine effektive Arbeitsumgebung zu berücksichtigen und von Unternehmensseite freigegebene Lösungen etwa für die sichere und effiziente Kommunikation anzubieten“, betont er.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Auch der Sophos-Experte fordert Unternehmen auf, Mobilgeräte aufgrund der darauf befindlichen Unternehmensdaten und dem Zugang zum Unternehmensnetzwerk genauso zu schützen wie die klassischen Windows- und Mac-Plattformen. „Dazu gehört im ersten Schritt ein Unified Endpoint Management (UEM), das die moderne Form des Mobile Device Management (MDM) darstellt“, informiert er. Mit UEM könnten nicht nur Einstellungen für E-Mail, Wlan, Apps, etc. auf Mobilplattformen wie iOS und Android unternehmenskonform gesteuert werden. „Mit UEM können jetzt auch Plattformen wie Windows 10 oder MacOS diesbezüglich verwaltet werden.“ Mit Containern oder mit integrierten Funktionen moderner Mobilbetriebssysteme ließen sich geschäftliche und private Daten so trennen, dass Messenger wie Whatsapp nur auf die privaten Kontakte zugreifen könnten und geschäftliche strikt von privaten Daten getrennt würden. Zudem sei es unabdingbar, dass der Sicherheitsaspekt auf Mobilgeräten zusätzlich mit einer Mobile-Threat-Protection-Lösung andressiert werde, welche die Geräte genau wie auf normalen Notebooks vor Bedrohungen schützt.
Vor allem in Ransomware sehen die IT-Profis ein immer häufiger auftretendes Problem. „Die Anzahl an Malware – und speziell Ransomware – hat rasant zugenommen“, erklärt Weidner. Er rät Unternehmen daher, auf eine ganzheitliche Security-Strategie zu setzen, die dem Schutz der Endgeräte eine höhere Priorität einräumt „als in der Vergangenheit üblich“. Auch Sophos-Experte Veit sieht in Ransomware die größte Bedrohung: „Ein einziger, mit dem Unternehmensnetzwerk direkt oder aus dem Homeoffice per Fernzugriff verbundener PC kann Hackern als Sprungbrett dienen, um die Daten des gesamten Unternehmens zu verschlüsseln.“
Als größte Bedrohung für Angriffe über mobile Endgeräte bezeichnet Sven Moog versteckte Apps: „Vor allem getarnt als Mobile Games schleusen sie ihre Codes auf die jeweiligen Devices ein und spionieren diese anschließend aus oder legen ganze Systeme lahm. Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass wir noch abhängiger von mobilen Endgeräten werden.“ Sei es für Kommunikation oder bloße Unterhaltung – die erhöhte Nutzung steigere auch immer das Risiko.
Vor allem der Gesundheitssektor hat in den vergangenen Monaten viele Angriffe von Hackern erlebt. Betroffen sind neben Krankenhäusern auch Gesundheitszentren und andere systemrelevante Institutionen. Nach Meinung des Cognitum-Experten ist einer der Gründe dafür, dass der Gesundheitssektor in den Jahren vor der Pandemie den digitalen Absprung verpasst hat. „Zudem waren alle systemrelevanten Einrichtungen während der Krise hochgradig ausgelastet und boten auch deshalb ein leichtes Ziel.“ Deshalb bestehe in der nun wieder etwas ruhigeren Zeit dringender Verbesserungsbedarf. „Der erste bekannt gewordene Hack eines Krankenhauses in Düsseldorf war noch ein Versehen, aber mittlerweile sehen Cyberkriminelle diese Institutionen als attraktive Ziele“, informiert Weidner. Entscheidend sei, auf Entwicklungen schnell zu reagieren und den Schutz der Endgeräte nicht zu vernachlässigen, da jeder ungeschützte Endpunkt ein potenzielles Einfallstor ist. Besonders schlimm sind diese Angriffe, wenn es um Menschenleben geht: „Die Notaufnahme des Uniklinikums Düsseldorf musste aufgrund eines Ransomware-Angriffs einen Rettungswagen mit einer schwerkranken Patientin abweisen, die auf der 30 Minuten längeren Fahrt in ein anderes Krankenhaus verstarb“, sagt Veit. Gerade deshalb müssten z.B. Office-Systeme sowie aus dem Internet zugreifbare Systeme mit moderner Schutztechnologie inklusive EDR/XDR ausgestattet werden, um Hackeraktivitäten auch nach dem Überwinden einzelner Schutztechnologien zu erkennen und zu stoppen. „Die Security der Vergangenheit, bei der eine Firewall und ein Antivirus Angriffe relativ zuverlässig gestoppt haben, sind vorbei.“
Da die Security der Vergangenheit nun wortwörtlich Vergangenheit ist, bleibt die Frage, wie die Zukunft der Cybersecurity aussehen kann – vor allem auch nach der Ära „Corona“. Werden aktuelle Sicherheitslösungen bestehen bleiben – oder sich gar weiterentwickeln? „Veränderungen, welche die Pandemie hervorgerufen hat, begleiten uns zu einem großen Teil auch in die Zukunft“, ist sich Cognitum-Software-Experte Sven Moog sicher. Das Remote-Arbeiten habe sich längst im Unternehmensalltag etabliert – also müssten auch die neuen Security-Strukturen beibehalten werden. „Was sich hoffentlich am stärksten festsetzen wird, ist das neue Bewusstsein für die Gefahren von Cyberattacken, denn Letztere werden auch nach der Pandemie nicht enden.“ Für den IT-Profi steht fest, dass vor allem die Authentifizierungstechnologie einen großen Schritt nach vorne gemacht hat und für den Schutz sensibler Daten auch in Zukunft eine große Rolle spielen wird.
Joe Weidners Meinung nach wird Zero Trust das Gebot der Stunde sein: „Unternehmen müssen das Security-Perimeter auf alle Endgeräte – auch im Homeoffice – ausdehnen. Nur so können die digitalen Unternehmenswerte, Daten und Anwendungen geschützt werden.“ Zudem mutmaßt auch er, dass die bisherigen Sicherheitsmaßnahmen Bestand haben werden. „Voraussetzung: Sie werden ergänzt und an die aktuelle Bedrohungslage angepasst. Der Nachteil: Je mehr unterschiedliche Anbieter integriert werden müssen, umso mehr steigt die Komplexität des Sicherheitssystems und damit die Aufwendungen für deren Administration.“ Machine Learning (ML) und Künstliche Intelligenz (KI) können seiner Ansicht nach unterstützen, Anomalien schneller als der Mensch zu erkennen und zu melden. „Sicherheitsmaßnahmen müssen End-to-End implementiert werden – der Fokus auf mobile Technologien oder Sicherheitslösungen deckt nur einen Teil der Endgeräte ab. Empfehlenswert sind Endgeräte, die ab Werk mit entsprechenden Sicherheitskonzepten ausgestattet sind.“
Michael Veit rät Unternehmen, die IT-Security als System zu betrachten, das menschliche Spezialisten mit einbezieht. „Zukünftig müssen Sicherheitslösungen viel enger zusammenarbeiten, um Bedrohungen besser erkennen und schneller reagieren zu können“, ist er sich sicher. Essentiell sei, dass auch menschliche Experten so eingebunden werden, dass sie die von KI vorqualifizierten Ereignisse mit menschlicher Intelligenz bewerten und die richtigen Schritte einleiten können. Künftig werde es auch bei einzelnen Technologien neue Ansätze geben. Ähnlich wie Joe Weidner rechnet er damit, dass Zero Trust eine große Rolle in den nächsten Jahren spielen wird. Weitere Entwicklungen sieht er in den Bereichen Infrastruktur, Entwicklungsumgebung und genutzte Dienste in der Cloud. „Da es sich teilweise um für Unternehmen und deren Mitarbeiter komplett neues Terrain handelt, ist es wichtig, dass Unternehmen dabei bestmöglich unterstützt werden – sowohl von menschlichen Experten als auch von Werkzeugen, die beispielsweise auf unsichere Cloud-Konfigurationen hinweisen.“
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