Streaming, LTE und freies WLAN – Mobilfunkmärkte im Vergleich

Das Geschäft mit dem mobilen Internet

User weltweit profitieren von aktuellen Mobilfunkstandards – schnellem mobilem Internet sowie adäquater Sprachübertragung. Zunächst nur auf Ballungsräumen fokussiert, müssen Provider noch den einen oder anderen weißen Flecken ausmerzen und gleichzeitig aufpassen, im Zuge der Verbreitung mobiler Zusatzservices – etwa von Facebook, Google & Co. –, nicht auf der Strecke zu bleiben.

Long Term Evolution (kurz LTE oder 4G) gilt derzeit als aktueller Mobilfunkstandard für die schnelle Übertragung von Datenpaketen. Mit Voice over LTE (kurz VoLTE) sollen nun auch Sprachnachrichten deutlich zügiger als bisher übermittelt werden können. Die Vorteile dieses Verfahrens liegen laut Christian Lehmann vom Deutschen Verband für Post, Informationstechnologie und Telekommunikation e.V. (DVPT), auf der Hand: „Anders als bei der Sprachübertragung im 2G- oder 3G-Netz wird Sprache bei VoLTE nun auch über Voice over IP (VoIP) transportiert, was für den Netzanbieter weniger Bandbreite beansprucht.“ Überdies zählen ein schnellerer Rufaufbau von ein bis zwei Sekunden sowie eine klarere Sprache insbesondere für die Endnutzer zu den weiteren Pluspunkten.

Gemäß der Einschätzung vieler Marktexperten befindet sich VoLTE momentan nicht nur in Europa, sondern auch in den USA sowie in Asien auf dem Vormarsch. Arno Brausch, Director Development bei dem Netzspezialisten Amdocs, verweist auf konkrete Zahlen: Demnach investieren laut GSM Association (GSMA) weltweit rund 90 Service-Provider in VoLTE, wobei 21 davon die Technologie bereits eingeführt haben – insbesondere in Nordamerika sowie im ostasiatischen Raum mit Japan, ­Südkorea, Singapur und Hongkong. „Dabei verfügen die Märkte, in denen VoLTE eingeführt wurde, nicht nur über eine hohe 4G-Abdeckung, sondern dementsprechend sind dort auch viele LTE-fähige Geräte im Einsatz. Zudem gibt es einen wachsenden Kundenstamm, der an neuen Technologien und zusätzlichen Services interessiert ist“, erläutert Arno Bausch. Speziell in Deutschland haben Vodafone und seit vergangenem April auch Telefónica die neuen VoLTE-Standards bereits flächendeckend umgesetzt. Bei der Telekom hingegen verzögert sich die Inbetriebnahme noch, allerdings wollen die ­Bonner im Laufe dieses Jahres nachziehen, heißt es aus Anbieter­kreisen.

Abschied von weißen Flecken

Charakteristisch für die Mobilfunkmärkte – innerhalb Europas sowie erst recht weltweit – ist generell eine extreme Fragmentierung. Einen Unterschied zwischen den Märkten westlicher Industriestaaten und denen in Entwicklungsländern bemerkt denn auch Christoph Müller-Dott, Managing Director beim IT-Dienstleister Orange Business Services. Während in Industriestaaten „mobile“ ein – immer weiter an Bedeutung gewinnendes – Zusatzangebot zu bestehenden stationären Diensten in den Bereichen Telefonie wie auch Internet ist, existiert in Entwicklungsländern etwa in Teilen Asiens und Afrikas eine ganz andere Ausprägung. „Hier sind mobile Geräte oftmals der einzige Zugang zu Informationen und dominieren bereits Branchen, die in Industriemärkten noch eher traditionell beherrscht sind: So haben dank Mobile Banking und Mobile Payment manche Länder Afrikas mangels Infrastruktur das Bankfilialgeschäft europäischer Prägung komplett übersprungen“, skizziert Müller-Dott die Entwicklung.

Demnach stellt für viele der über sieben Milliarden Menschen auf unserer Erde der Zugang zu den mobilen Netzen eine wichtige Versorgungsgrundlage dar. Doch glaubt man aktuellen Erhebungen, besitzen mindestens drei Milliarden von ihnen keinen Internetzugang. Vor diesem Hintergrund gibt es mittlerweile weltweit verschiedenste Anstrengungen, um das World Wide Web auch in die entlegensten Winkel zu bringen. Es gilt insbesondere, die berühmt-berüchtigten weißen Flecken an entlegenen Stellen dieser Erde auszumerzen. Denn weder in den weitläufigen Urwäldern Brasiliens noch in Wüstenregionen wie der Sahara ist an ein stationäres Mobilfunknetz zu denken. Von den Weltmeeren ganz zu schweigen. Bislang konnten diese Regionen nur per Satellitenkommunikation versorgt werden. „Das ist jedoch mit horrenden Kosten verbunden“, berichtet Christian Lehmann. Überdies seien die Gerätschaften zu groß und die Leistungsfähigkeit der Datenübertragung zu schmalbandig.

Derzeit laufen verschiedene Initiativen, um dem Großteil der Weltbevölkerung Zugang zum Internet zu verschaffen. Eine davon verfolgt das Unternehmen „Other three billion, O3b“. Der Hintergrund: Die erwähnten drei Milliarden Menschen, die bislang noch keinen Zugang zum Internet haben, sollen diesen bis spätestens in 25 Jahren erhalten. Hierzu forscht Firmengründer Greg Wyler seit wenigen Monaten gemeinsam mit den Investoren Richard Branson von Virgin Records und Paul Jacobs von Qualcomm unter dem Projektnamen „One Web“. 648 Minisatelliten im Weltall, die eine besonders niedrige Umlaufbahn haben, sollen auch die entlegensten Winkel der Erde mit schnellem Internet versorgen. „Unser Ziel ist es, ein erschwingliches Internet für alle zu ermöglichen“, so Wyler. Dabei soll die Übertragungsgeschwindigkeit höher sein als sie derzeit das Breitbandkabel bieten kann.

Facebook baut Drohnenflotte

Nicht auf Satelliten, sondern auf Heißluftballons setzt hingegen ein laufendes Google-Projekt. Um die Versorgung ländlicher und abgelegener Gegenden mit dem Internet zu gewährleisten, sollen gasgefüllte Ballons in der Stratosphäre zum Einsatz kommen, an denen solarbetriebene Relaisstationen angebracht sind. Um unabhängig vom Wetter agieren zu können und keine Gefahr für den Flugverkehr darzustellen, sollen die Ballons bis auf eine Höhe von 20 Kilometer über dem Erdboden aufsteigen. Zu Testzwecken wurden bereits im Juni 2013 in Neuseeland erstmals 30 Ballons gestartet.

Eine weitere Initiative, die derzeit hohe Wellen schlägt, basiert auf dem ehrgeizigen Ziel von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, mittels „Internet.org“ Entwicklungs- und Schwellenländer mit kostenfreien Online-Diensten zu versorgen. Was zunächst als ein hehres Vorhaben erscheint, ist Kritikern zufolge nichts anderes als eine Farce, die sämtliche Prinzipien der Netzneutralität aushebelt. Denn den Menschen wird kein vollständiger, freier Zugang ins World Wide Web geboten, sondern allein zu dezidierten Diensten. Selbstredend handelt es sich hierbei um die gesamte Facebook-Palette, während andere Web-Service-Anbieter in die Röhre schauen.

Doch damit nicht genug steht bei Facebook schon das nächste Zukunftsprojekt an: Angeblich arbeite man bereits an Drohnen mit einer extrem großen Flügelspannweite. Eine Flotte von bis zu 1.000 Drohnen soll per Lasertechnologie unterversorgte Gebiete mit schnellem Internet „beschießen“. Aufgrund diesem sowie der anderen beschriebenen Szenarien darf man gespannt sein, was die Zukunft noch so bringen wird.

Wer zahlt die Zeche?

Trotz der bislang noch immer existierenden weißen Flecken ermöglichte die Etablierung von LTE sowie dessen Vorgängern wie 3G und UMTS in der Vergangenheit vielen Menschen einen bequemen Zugriff auf das mobile Internet. Dies wiederum  spielt im nächsten Schritt der zunehmenden Verbreitung sogenannter Over-the-Top-Dienste in die Karten. Hierzu zählen datenhungrige Applikationen unterschiedlichster Couleur wie IP-TV (Telekom, Vodafone, 1&1), Gaming, Streaming-Dienste (Netflix, Spotify, Vivendi, Sky Go), Videokonferenzen (Skype, Facetime) oder branchenspezifische Dienste wie die Anbindung von Smart Meters. Ebenso werden vermeintlich kostenfreie Messenger-Dienste wie Whatsapp oder iMessage dazu gezählt. Solche Services erscheinen jedoch nur vordergründig kostenfrei. Denn man zahlt zwar keine Gebühren, dennoch stimmt man in der Regel der breiten Nutzung seiner privaten Daten durch den jeweiligen Anbieter zu. Nichtsdestotrotz nutzen viele Kunden die Angebote von OTT-Playern gerne und wie selbstverständlich, wobei die erwähnte Kostenfreiheit nur ein Baustein des Erfolges ausmacht. „Denn grundsätzlich bieten diese Services eine einfache Benutzeroberfläche und viele praktische Features an“, erklärt Arno Brausch. Zudem stellt er fest, dass die Nutzer bei Diensten, an die sie sich bereits gewöhnt haben, in Zukunft sicherlich keine Einschränkungen oder Kompromisse hinnehmen würden.

Vor diesem Hintergrund wird schnell das Dilemma der stetigen Verbreitung von Over-the-Top-Diensten offensichtlich: „Insbesondere für die Nutzung von Videoservices wird zunehmend Kapazität nachgefragt. Die Netze müssen mit dieser Nachfrage mithalten können, weshalb auch weiterhin große Investitionen seitens der Netzbetreiber erforderlich sein werden“, betont Timo von Lepel, Director B2B bei Telefónica in Deutschland. Wie akut dieses Problem ist, bestätigt eine aktuelle Studie des Netzwerk­spezialisten Cisco, wonach bereits 2019 der Anteil von Video 80 Prozent des gesamten Datenverkehrs ausmachen wird. Nicht zu vergessen die Verbreitung des „Internets der Dinge“ oder der Machine-to-Machine-Kommunikation (M2M), die den Netzverkehr weiter krass nach oben schießen lassen wird.

Hierbei werden wohl gerade Musik- und Video-Streaming-Lösungen den klassischen Telekommunikationsanbietern schlaflose Nächte bereiten. „Denn Streaming-Dienste wie Netflix oder Spotify werden bei den Endnutzern immer beliebter. Dadurch – sowie auch durch andere Angebote – wird der weltweite Datenverkehr über die nächste Jahre exponentiell wachsen“, glaubt Johannes Weicksel, Bereichsleiter für Telekommunikationstechnologien beim Hightech-Verband Bitkom e.V. Er ist sich überdies sicher, dass die Carrier und Telekommunikations-Provider dieser Entwicklung mit dem weiteren Ausbau ihrer Infrastrukturen Rechnung tragen müssen.

Aspekte, die Dr. Bettina Horster, Direktorin Mobile im Eco – Verband der deutschen Internetwirtschaft e. V., nur unterstreichen kann. Da insbesondere Streaming-Dienste unglaublich viel Last verursachen, müssen die Netzbetreiber ständig nachrüsten und ihre Netze ausbauen. „Damit verbunden sind immense Investitionen, über die sich die OTT-Anbieter freuen, an denen sie sich aber praktisch nicht beteiligen. Das ist ein echtes Problem für die Netzbetreiber – sei es im Mobilfunk oder klassisch übers Festnetz“, beschreibt Bettina Horster die Lage. In dieselbe Kerbe schlägt Ron ­Barker von der FH München, der gar eine noch krassere Formulierung findet: Seiner Ansicht nach würden sich OTT-Dienste immer mehr als lästige Parasiten im Mobilfunkmarkt erweisen. Dies bedeute gleichzeitig, dass die traditionellen Telkos eine IP-basierte Datenübertragung nicht mehr mit Sprachdiensten querfinanzieren können. Denn während das Datennetz für sie selbst kaum noch Gewinne abwirft, streichen Dienstanbieter wie Whatsapp, Skype und Facebook selbst bekanntlich fette Umsatzsteigerungen ein.

Vor dem Hintergrund solcher Einschätzungen lautet eine begründete Frage, wer eigentlich die Zeche für den künftigen erforderlichen Netzausbau zahlen sollte. Kommen allein die traditionsreichen Telkos dafür auf? Gibt es staatliche Finanzspritzen oder gar eine alleinige Finanzierung aus Steuermitteln? Oder werden die Anbieter, die für ihre OTT-Services hohe Übertragungsraten benötigen, in Zukunft selbst zur Kasse gebeten?

Netzneutralität bewahren

Diese und weitere Fragen werden aktuell unter dem Mantel der „Netzneutralität“ vielerorts heiß diskutiert. Eine für alle Seiten zufriedenstellende Lösung scheint jedoch noch in weiter Ferne zu sein. Doch klar ist, dass ein tragfähiges Zukunftskonzept benötigt wird, das sowohl den Ansprüchen von Netz-betreibern als auch Dienstanbietern gerecht wird. Eine in diesem Zusammenhang im vergangenen Frühjahr aufs Tapet gebrachte Option von Günther Oettinger, seines Zeichens EU-Kommissar für die Digitale Wirtschaft, sieht die Regulierung von OTT-Diensten vor. „Ende April 2015 machte er Überlegungen publik, bis Ende des nächsten Jahres eine Regulierungsbehörde für OTT-Dienste einzurichten, um die dahintersteckenden Anbieter an den Infrastrukturkosten zu beteiligen“, berichtet Ron Barker. Eine Strategie, die bereits Nachahmer findet. So will man in Indien künftig für Facebooks kostenfreien Internet.org-Dienste eine Regulierung anwenden. Einen weiteren Fürsprecher findet der EU-Kommissar im Branchenverband Bitkom. „Generell begrüßen wir innovative neue Anwendungen wie OTT-Ser­vices. Um für etablierte TK-Provider als auch OTT-Dienstanbieter einheitliche Bedingungen in der Gestaltung ihrer Produkte zu gewährleisten, sprechen wir uns für ein Level-Playing-Field aus. Eine regulatorische Harmonisierung würde unserer Meinung nach die Innovationskraft der gesamten Branche stärken, da die Verzahnung von Infrastruktur und Diensten immer enger wird“, betont Johannes Weicksel.

Doch nicht alle betrachten eine Regulierung als Allheilmittel. So warnt Bettina Rotermund, Unternehmensberaterin bei Iskander Business Partner, eingehend vor staatlichen Maßregelungen: „Einer Regulierung folgt meist eine organische Deregulierung durch die Nutzer selbst. Denn schaltet man das Netz ab, organisieren sich die User schnell in alternativen Mesh-Netzwerken.“ Reguliert man also ein Netzwerk, finden kreative Nutzer in der Regel Möglichkeiten, solche Einschränkungen zu umgehen. Oftmals entstehen undurchsichtige und unkontrollierbare Parallelwelten. „Demgegenüber lehrt uns die Netzwerkökonomie, dass Regeln – gerade wenn sie aus den Netzwerken selbst stammen – akzeptiert werden, eine Überregulierung hingegen meist von kurzer Dauer ist“, fasst Rotermund zusammen. Auch für Arno Brausch ist die Regulierung definitiv nicht das Mittel der Wahl. Vielmehr glaubt er an den Erfolg einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit. „Da Service-Provider vor allem auf die Bedürfnisse der Kunden sowie eine gute Nutzererfahrung ausgerichtet sind, verfolgen sie die Strategie, mit OTT-Playern zusammenzuarbeiten und ihren Kunden dadurch ein differenziertes Angebotsspektrum liefern zu können“, betont Brausch.

Daneben verweist Bettina Horster darauf, dass die Diskussionen um die Finanzierung vielleicht bald obsolet sein könnten. Spätestens dann, wenn die Bedeutung des Mobilfunknetzes zugunsten der Verbreitung öffentlicher Wireless Area Networks zurückgeht. Denn WLAN sei hierzulande deutlich auf dem Vormarsch und gerade für Streaming-Dienste sei WLAN besser geeignet als die Nutzung über das normale Mobilfunknetz. „Im Zuge dessen werden WLAN-­Installationen immer weiter ausgebaut, es entstehen immer mehr Hotspots. Das kann künftig, je nach Nutzerverhalten, eventuell auch manche Prepaid-Angebote überflüssig machen“, glaubt ­Horster. Für dieses Szenario spricht etwa gerade das Vorgehen des TK-Anbieters Telstra, der in Australien und Neuseeland just rund 1.500 neue Zugangspunkte mit kostenlosem WLAN ausbaut.

Nicht zuletzt betont auch Ron Barker, dass der bislang existierende Mobilfunkmarkt bald Vergangenheit sein könnte. Nämlich dann, wenn die bisherigen monolithischen Netzstrukturen auseinanderbrechen – und zwar in eine Vielzahl dedizierter Netze. „So könnte man spezielle Netze etwa für Smart Grids im Energiebereich, für die Notfall-Gesundheit-Versorgung oder für eine auf die Car-to-Car-Kommunikation basierende Verkehrssteuerung betreiben“, blickt Barker nach vorne.

Bildquelle: Thinkstock/ iStock

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