09.01.2018

Das Orakel von Stamford, Connecticut

Von: Ingo Steinhaus

Was 2018 in der IT im Trend ist, sagt der Hypecycle von Gartner. Aber er ist wie jedes Orakel interpretationsbedürftig.

Emerging Technologies im Angebot

Emerging Technologies im Angebot

Wer vor zwei Jahrtausenden in die Zukunft schauen wollte, befragte das Orakel von Delphi. Heute haben wir die Technologieberatung Gartner mit ihrem berühmten Hypecycle for Emerging Technologies. Ähnlich wie die Weissagungen der Priesterin Pythia müssen auch die Prophezeiungen der Berater gedeutet werden. Denn sie können auch in die Irre führen, da der Hypecycle auf der Basis von Medieninformationen zusammengestellt wird. So findet sich nicht jede vielversprechende Technologie im Hypecycle und viele verschwinden sehr rasch wieder daraus. Zudem bleiben einige Trends für lange Zeit aktuell, ohne dass sie weithin eingesetzt werden, wie VC-Experte Michael Mullany in seinem Überblick über die Hypecycles seit 1995 betont.

Vom Hype in kleinen Schritten zur Produktivität

Ein gutes Beispiel dafür ist das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT), das als Diskussionsthema schon recht alt ist. Bereits 1999 wurde der Begriff erstmals verwendet. Trotzdem dauerte es ein gutes Dutzend Jahre, bis er auch im Gartner Hypecycle auftauchte. Es gab schlicht keine geeignete Technologie und das IoT war lediglich ein schönes Versprechen. Erst 2011 erschien es ganz links unten im Abschnitt „Innovation Trigger“. Dort finden sich Technologien, die eine größere Medienaufmerksamkeit erreichen. Die Kurve des Hypecycle geht anfangs steil in die Höhe, denn die Y-Achse steht für die Erwartungen an die jeweilige Innovation. Üblicherweise sind sie ziemlich hoch, da die Marketingabteilungen der Unternehmen ganze Arbeit leisten und jeden Trend als mindestens grundstürzend und weltverändernd bezeichnen.

Im nächsten Jahr fand sich das IoT ein wenig höher an der Steilwand zum Gipfel der übersteigerten Erwartungen und erreichte ihn 2013. Dort hing die Technologie dann für die nächsten drei Jahre fest, immer kurz vor dem Durchbruch. Diese lange Pause im „Overhype“ endete abrupt 2016: Das IoT verschwand aus dem Hypecycle. Was war passiert? Während der Hype lustig weiter lief, machten sich Wissenschaftler und Entwickler Gedanken zu seiner Verwirklichung. Diese Phase brachte zwei wichtige Erkenntnisse: Erstens gibt es mindestens den Unterschied zwischen dem Internet der Dinge für Privatleute und dem Industrial IoT und zweitens ist das IoT ein Sammelsurium aus unterschiedlichen Technologien, neben unterschiedlichen Geräten wie Wearables oder Smart Watches gehören beispielsweise IoT-Plattformen in der Cloud ebenfalls dazu. Und genau dieses Stichwort taucht erstmals 2016 im Hypecycle auf, schon knapp vor dem Gipfel.

Der Hypecycle von 2017 kennt nur noch eine Vielzahl unterschiedlicher IoT-Technologien, etwa Edge Computing, Digital Twin, 5G, autonome Fahrzeuge und vieles mehr. Daraus lässt sich schließen, dass das Internet der Dinge zumindest in einer Frühform bereits existiert. Nicht jedem Technologie-Hype geht es so, einige arbeiten sich über Jahre hinweg in kleinen Schritten durch das Tal der enttäuschten Hoffnungen bis zum Plateau der Produktivität vor. Die Rede ist von Virtual Reality, dem Über-Hype der letzten zwei Jahrzehnte. Gartner ordnet ihn jetzt kurz vor dem Produktivitätsplateau ein, die Technologie ist also nach Ansicht der IT-Beratung im Alltag angekommen.

Optimisten und Skeptiker - auf Trends reagieren

Sobald eine Technologie den ganzen Hypecycle durchlaufen hat, kann sie von Unternehmen in der Praxis eingesetzt werden - vorausgesetzt, dass sie tatsächlich einen Anwendungsfall oder ein passendes Geschäftsmodell dafür besitzen. Der allgemeine Technologie-Hypecycle von Gartner ist übrigens nicht das einzige Analyseinstrument. Es gibt zu allen möglichen Produktgruppen und Technologiegattungen eigene Cycle. Bei all diesen Gartner-Diagrammen handelt es sich um Entscheidungshilfen: Die IT-Organisationen in Unternehmen werden bei der Frage unterstützt, ob sie strategisch auf eine bestimmte Technologie setzen sollen oder nicht. Ähnlich wie beim Orakel von Delphi müssen die Unternehmen aus den Aussagen der Hypecycles (und der thematisch passenden Gartner-Studien) ihre eigenen Schlüsse ziehen. Dabei sind zumeist drei unterschiedliche Reaktionen möglich:

Die optimistische Reaktion: Das Unternehmen definiert sich als Innovationsführer und setzt deshalb frühzeitig auf Technologietrends, die zu seinen Märkten und Geschäftsmodellen passen. Dabei werden eigene, selbst entwickelten Lösungen bevorzugt. Hierzu gehört eine gewisse Risikofreude, denn es ist durchaus möglich, als Vorreiter viele Ressourcen zu verschleudern, ohne dass es (rasch) zu einem echten geschäftlichen Nutzen kommt.

Die vorsichtige Reaktion: Das Unternehmen ist nicht sehr risikofreudig, möchte aber auch nicht den Anschluss an die technologische Entwicklung verlieren. Deshalb prüft es die einzelnen Hypes zunächst genau, bevor es sich zur Umsetzung entscheidet. Erst wenn eine Technologie einen gewissen Reifegrad erreicht hat, startet das Unternehmen Pilotprojekte und prüft Anwendungsfälle. Die Technologie wird nur dann eingesetzt, wenn sie sich beweisbar bewährt hat.

Die skeptische Reaktion: Das Unternehmen scheut größere Risiken und setzt neue Technologien erst dann ein, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: sie werden als Commodity angeboten und es gibt Referenzanwendungen, etwa bei Konkurrenten oder vergleichbaren Unternehmen in anderen Märkten. Auch hier gibt es ein gewisses, nicht zu vernachlässigendes Risiko: Das Unternehmen kann den Anschluss an wichtige Branchen- und Markttrends verpassen. Wer zu spät kommt, den bestraft der Lebenszyklus des Hypes.

Beware the Overhype! Selbstverstärkung im Medienzirkus

Wer als CEO oder CIO neue Technologien einschätzen muss, wird wohl am liebsten die vorsichtige Reaktion wählen - sofern die IT-Budgets größere Experimente mit mehreren parallel zu verfolgenden Technologietrends erlauben. In den Konzernen und großen Familienunternehmen dürfte das der Fall sein, bei vielen kleineren Unternehmen aus dem deutschen Mittelstand jedoch nicht. Hinzu kommt die notorische Risikoscheu bei vielen deutschen Unternehmen. Deswegen gehören sie häufig eher zu den Skeptikern, die erst einmal abwarten. Das war und ist beim Cloud Computing deutlich zu sehen. Obwohl inzwischen ein Service von der Stange, wird es von vielen kleineren Unternehmen immer noch zurückhaltend eingesetzt.

Am anderen Ende des Spektrums finden sich ebenfalls kleine Unternehmen: Die Startups. Sie sind notorische Optimisten und setzen mit Begeisterung auf neue Technologien, arbeiten sie doch meist selbst an der Umsetzung einer solchen. Dabei sind sie im Idealfall in der Lage, ihre Marktbegleiter aus der Traditionswirtschaft flott zu überholen. Denn bis eine neue Technologie in einem Unternehmen grünes Licht bekommt, vergeht häufig eine ganze Weile, in der die Startups den Vorteil ihrer höheren Agilität nutzen und Marktanteile erobern.

Trotzdem ist es kein Naturgesetz, dass agile Optimisten immer vorne sind. Denn zur Interpretation des Orakels aus Stamford, Connecticut, dem Stammsitz von Gartner, gehören zahlreiche Überlegungen. So basiert der Hypecycle auf Medienanalysen, ist aber zugleich selbst Teil des Medienzirkus rundherum, wie Digitalberater Christoph Kappes in einer kritischen Betrachtung des Gartner-Instruments betont. Dadurch sei es möglich, zum Opfer einer fehlerhaften positiven Einschätzung zu werden. Die mediale Selbstverstärkung bläst den Hype auf, ohne dass viel Substanz dahintersteckt. Kappes warnt: Dies führe leicht „zu einem Kollaps mit Investitionsruinen“.

Bildquelle: Thinkstock

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