Google Glass

Das Scheitern einer unheimlichen Technologie

Millionen Menschen laufen mit Datenbrillen herum? Die Verwirklichung einer typischen Hollywood-Dystopie ist erst einmal gescheitert.

Google Glass ist tot, jedenfalls in seiner Form als Alltags-Gadget. Dafür gibt es drei Gründe, von denen nur zwei technischer Natur sind und durch den technischen Fortschritt behoben werden könnten.

Der erste Grund ist ganz simpel: Die Akkulaufzeit ist zu kurz. Der zweite Grund ist schon etwas komplexer. Letztlich gibt es bis auf die Aufzeichnung mit der Kamera kein echtes Anwendungsszenario für Google Glass. Navigation? Muss man dafür wirklich eine Datenbrille tragen? Augmented Reality? Werbeeinblendungen? Echt jetzt?

Der dritte Grund ist ein wenig fundamentaler und er wird mit hoher Wahrscheinlichkeit den Erfolg jeder Datenbrille bei Privatleuten verhindern: Google Glass ist unheimlich.

Unheimliche Technologien

Techno-Utopisten nehmen ihre Ideen meist zu ernst und vergessen, dass der sprichwörtliche Durchschnittsbürger Schwierigkeiten mit Technologien hat, die auf ihn unheimlich wirken. Das klassische Beispiel ist die Videotelefonie, die sich in der ursprünglich gedachten Form niemals durchgesetzt hat.

Die in der Anfangszeit mickrige Auflösung einmal ignoriert: Die Technik erlaubt bereits seit langem Videotelefonate, die Geräte haben sich aber nicht durchgesetzt. Und das lag nicht an den hohen Preisen. Der Grund war etwas, das die Verfechter von Videotelefonaten niemals bedacht haben: Kaum jemand möchte von einem Anrufer in einer verfänglichen Situation gesehen werden.

So ist es zum Beispiel kein Problem, bei einem Audiotelefonat wenig kommod auszusehen - ungeduscht, geduzt und ausgebuht gewissermaßen. Videotelefonie dagegen ist ein deutlich stärkerer Einbruch in die Privatsphäre.

Bei den meisten Angerufenen wird wohl ein regelrechter Film im Kopf ablaufen: "Sehe überhaupt ordentlich aus? Macht das was, dass ich vollkommen unrasiert bin und Ringe unter den Augen habe? Vielleicht sollte ich mir doch ein neues Hemd anziehen? Wenn ich jetzt auch noch lächeln muss, breche ich zusammen!"

Der Erfolg für Videokommunikation kam erst durch den Computer. Zum einen haben Unternehmen die Möglichkeiten von Videokonferenzen schätzen gelernt und zum anderen sind die meisten Videochats von Privatleuten verabredet und damit freiwillig.

Etwas wissenschaftlicher ausgedrückt: Zum Computer und dem herkömmlichen Telefon gehört eine je eigene kulturelle Praxis.

Das Festnetztelefon hatte vor allem bei älteren Leuten immer einen Aufstellungsort mit Altarcharakter. Er markiert die Einbruchsstelle der Öffentlichkeit in das Privatleben. Die Bildübertragung, also der Einblick in das Innere eines Privathauses, wirkt in diesem Zusammenhang unheimlich und wurde daher in der Vergangenheit von den wenigsten Leuten akzeptiert.

Einbruch in die Intimsphäre

Der Computer dagegen ist vor allem für jüngere Leute ein Hilfsmittel zur Unterhaltung (und in geringerem Maße zur Information). An ihm hat sich aus dem nicht an Zwecke gebundenen Plaudern via Textchat das Videogeplauder entwickelt. Es wird im Gegensatz zum immer etwas offiziell wirkenden Anruf über Festnetz oft informell verabredet und häufig auch über einen Textchat erst einmal angebahnt.

Chatten gehört aber bereits zur (durch den Freundeskreis erweiterten) Privatsphäre einer Person, der Videoanruf wird im Regelfall erwartet und bricht nicht in diese Sphäre ein. Selbst ältere Leute, die sich nie im Leben ein Videotelefon angeschafft hätten, sind durchaus in der Lage via Skype & Co. mit ihren Enkeln oder anderen jüngeren Verwandten zu chatten. Sie treffen die hier erwähnte Unterscheidung ebenso gut wie Teenager.

Kurz: Videochats sind eine nicht-unheimliche Technologie, die weithin akzeptiert wird. Google Glass dagegen ist unheimlich. Die Möglichkeit einer Aufzeichnung und sogar direkten Übertragung der Egoperspektive eines Glass-Trägers wirkt auf die meisten Leute wie ein extremer Einbruch in ihre Privatsphäre.

Genauer gesagt: Es wirkt auch aus einer gewissen Distanz so, als baue sich jemand wenige Zentimeter vor einem auf und sage „Ich starre dich jetzt ganz genau an und merke mir, wie du aussiehst“. Ein solches Verhalten würde wohl als extrem psychopathisch interpretiert. Genauso sind die teils sehr ruppigen Reaktionen auf Träger von Google Glass auch zu verstehen.

Das Stichwort vom „Glasshole“ ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass ein Einbruch in die Privatsphäre nicht akzeptiert wird, selbst wenn es aus objektiver Sicht keine Privatsphäre gibt. Es gibt jedoch eine Intimdistanz, die bei jedem Menschen ein wenig anders ist, die aber eine andere Person niemals überschreiten sollte. Google Glass ist eine Technologie, die diese Intimdistanz jederzeit und aus jeder Entfernung unterschreitet - das Unheimliche an Google Glass.

Bildquelle: Google

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok