Die Rolle mobiler Endgeräte im Gesundheitswesen

Das Smartphone als Lebensretter

Zugegebenermaßen hört es sich recht dramatisch an, wenn man das Smartphone als Lebensretter tituliert. Tatsächlich kann eine Videoübermittlung per mobile Device von Ambulanzfahrzeugen an die Notaufnahme helfen, frühzeitig lebensrettende Maßnahmen vorzubereiten. Oder es geht um entscheidende Sekunden bei einem plötzlich auftretenden Herzinfarkt. Hier können gut ausgebildete Ersthelfer über ihr Handy geortet und per SMS-Alarmierung schnell zum Notfallpatienten geführt werden. Solche und andere Beispiele machen deutlich, welch wichtige Rolle mobile Endgeräte künftig im Gesundheitswesen spielen können.

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Wirft man heutzutage einen Blick hinter die technischen Kulissen von Krankenhäusern und Kliniken stößt man unweigerlich auf Begriffe wie Electronic und Mobile Health. Doch was verbirgt sich dahinter? „Während man unter E-Health im engeren Sinne die Nutzung neuester Informations- und Kommunikationstechnologien in der Medizin versteht, konzentriert sich M-Health in erster Linie auf mobile Endgeräte, wie Smartphones oder Tablets. Mit diesen können medizinische Daten nicht nur über beliebige Entfernungen elektronisch ausgetauscht werden, sondern sind auch ständig präsent“, erläutert Rainer Beckers, Geschäftsführer beim Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen (ZTG), die Begrifflichkeiten. Diese Ausführung ergänzt Gerold Schwarz, Leiter des Geschäftsbereichs E-Health bei der Berliner Edicos, wie folgt: „M-Health bezieht mobile Endgeräte in die bereits vorhandenen Konzepte der Telemedizin und damit in das gesamte Spektrum zwischen Diagnostik und Therapie ein.“ Dies erstrecke sich von der mobilen Anbindung diagnostischer Medizingeräte über die Verfügbarkeit von Aufnahmen aus bildgebenden Verfahren bis hin zu Therapieplänen, Medikationen oder der Arztkonsultierung via Videokonferenz.

Indessen trifft man in deutschen Gesundheitseinrichtungen eher selten auf eine flächendeckende Verbreitung von mobilen Lösungen. Vielmehr gilt, „dass mobile Applikationen im Gesundheitswesen bislang im Wesentlichen nur in begrenztem Umfang in Pilotprojekten umgesetzt wurden“, betont Bernhard Thibaut, Leiter Vertrieb Healthcare bei SAP Deutschland. Ähnlich schätzt Gerold Schwarz die Lage ein. Seiner Ansicht nach warten viele Beteiligte auf die eine „Killer-Applikation“ und übersehen dabei, dass sich bereits an vielen Stellen eine stille Revolution ereignet. „Die Verwendung mobiler Endgeräte im medizinischen Umfeld vollzieht sich nicht in einer Art von Urknall, sondern schreitet in kleinen Schritten unaufhaltsam voran“, bringt es Schwarz auf den Punkt.

Einen Schritt in Richtung Mobile Health machte bereits die Berliner Charité. In der Neurologie hier beispielsweise die App „SAP Electronic Medical Record“, kurz EMR, zum Einsatz. Dahinter verbirgt sich eine App, die über eine Middleware an verschiedene Kliniksysteme angebunden werden kann. In der Charité wird die Anwendung während der Visite genutzt: „Die Ärzte haben ein iPad mit der darauf installierten App dabei. Damit können sie direkt am Patientenbett relevante Daten – wie aktuelle Laborwerte, Röntgen- und MR-Bilder oder andere Befunde – auf Fingertipp abrufen“, erklärt Bernhard Thibaut. Dies ermögliche es den Ärzten, sich schnell ein Bild über den Krankheitsverlauf zu machen und Fragen ad hoc am Patientenbett zu klären. Aber auch die gemeinsame Betrachtung eines Bildbefundes und die Erläuterung der weiteren Behandlung seien gern genutzte Möglichkeiten.

Menübestellung per Tablet

Wie die Berliner Charité setzt auch das Universitätsklinikum Aachen auf mobile Lösungen. „Bereits seit mehreren Jahren werden unsere Visiten durch mobile Endgeräte unterstützt, die wiederum Zugriff auf die elektronische Patientenakte haben“, berichtet Volker Lowitsch, Leiter des Geschäftsbereichs IT bei der Universitätsklinik Aachen. Doch damit nicht genug erfolgt die Aufnahme der Essenswünsche der Patienten durch Servicekräfte, die auf eine die individuelle Menü- und Essensauswahl unterstützende iPad-Anwendung zugreifen. „Darüber hinaus wird zurzeit der Einsatz einer App-basierten Smartphone-Lösung für die Wunddokumentation vorbereitet“, gibt Lowitsch einen Ausblick. Die Resonanz der Ärzte und Pflegekräfte auf den Einsatz der mobilen Endgeräte sei ausgesprochen gut. „Wir verzeichnen eine hohe Akzeptanz, was zu einer stark gestiegenen Nachfrage nach weiteren mobilen Anwendungen geführt hat, deren Umsetzung uns und unsere Industriepartner stark fordert“, so Lowitsch weiter. Ein gutes Stichwort, denn die Einführung von mobilen Lösungen ist kein Kinderspiel, sondern muss wie jedes IT-Projekt sorgfältig geplant und umgesetzt werden.

Der Erfolg einer Mobillösung hängt von der nahtlosen Integration in vorhandene Kliniksysteme – allem voran ins Krankenhausinformationssystem (KIS) – ab. Dies bestätigt Volker Lowitsch: „Wesentliche Voraussetzung ist eine integrierte Applikationsinfrastruktur mit aktuellen, konsistenten Datenbeständen, die den spezifischen Apps bedarfsgerecht über leistungsfähige Schnittstellen zur Verfügung gestellt werden.“ Durch Reduzierung auf klar definierte Anwendungsfälle wird zudem die in den konventionellen Applikationen gewachsene Komplexität reduziert und die Bedienerfreundlichkeit sowie damit die Akzeptanz von M-Health-Applikationen erreicht.

Als geeignete Methoden für den reibungslosen Datenaustausch zwischen Mobilgerät und KIS könne die Desktopvirtualisierung zum Zuge kommen. Diese ermöglicht es den Klinikmitarbeitern, die Mobiltechnologien in vollem Umfang zu nutzen, ohne die Sicherheit von Unternehmens- oder Patientendaten zu gefährden. „Die Applikationen werden für den Nutzungszeitraum virtuell bereitgestellt, jedoch bleiben alle Daten am Server gespeichert“, berichtet Hugo Thiel, Manager Vertical Healthcare bei Comparex.

Neben einer ständigen Verfügbarkeit muss die M-Health-Lösung selbstverständlich allen Vorgaben hinsichtlich Datenschutz und Sicherheit entsprechen können. Dies setzt laut Volker Lowitsch von der Uniklinik Aachen zusätzlich ein systematisches Device Management voraus, das sicherstellt, dass nur registrierte und damit entsprechend abgesicherte mobile Geräte Zugriff auf die Applikationen haben. Nicht zuletzt bildet ein effizientes Kommunikationsnetzwerk mit einer leistungsfähigen WLAN-Abdeckung eine wichtige Voraussetzung für die effiziente Nutzung mobiler Anwendungslösungen.

Blick auf Frühchen

Im Rahmen von M-Health erweist sich überdies der Einsatz mobiler Videokonferenzlösungen als nützlich. So hat die Schweizer Firma Cyberfish eine Videoplattform zum Austausch für Mediziner ins Leben gerufen. Laut Frank Ruge, Vice President EMEA bei Vidyo, einem Anbieter von Videokonferenzlösungen, ist die Resonanz sehr groß: 2.500 niedergelassene Ärzte, Fachpraxen und Krankenhäuser innerhalb und 7.500 Kollegen außerhalb der Schweiz konferierten 2011 insgesamt 135.000 Stunden per Videokonferenz – auch per iPhone oder iPad. Die Vorteile liegen auf der Hand: „Ärzte und Krankenschwestern können sich damit klinikübergreifend, international und zu jeder Zeit über Bild und Ton austauschen oder einen Expertenrat einholen, ohne weitere Kosten zu verursachen. Zugleich erhöht sich die Effektivität ihrer Absprachen“, meint Tim Schütte, Sales Director bei dem Videokonferenzspezialisten Lifesize.

Desweiteren bieten mobile Videokonferenzen Klinikärzten die Möglichkeit, bei Bedarf rasch einen Übersetzer hinzuzuziehen. „In Polen können sie sogar den Gebärdensprache-Dienst Mobitoki per Video nutzen“, betont Frank Ruge, und zählt weitere Beispiele auf: Auf Intensivstationen werden heute viele der Patienten per Video durch geschultes Personal überwacht. Interessant sei zudem die Videoübermittlung von Ambulanzfahrzeugen an die Notaufnahme: So gewinnen die Ärzte bereits vorab einen direkten Eindruck vom Zustand des Patienten und können gezielt kurzfristige, mitunter lebensrettende Maßnahmen vorbereiten.

Ein rührendes Beispiel für den Einsatz von Webcams findet sich im Leipziger Klinikum St. Georg. Hier hat man für die Eltern von kranken oder zu früh geborenen Säuglingen und für das klinische Fachpersonal einen besonderen Service eingerichtet: „Via Internet oder WLAN können Eltern das Neugeborene von überall rund um die Uhr beobachten“, berichtet Hugo Thiel von Comparex. Möglich machen dies Webcams in der neonatologischen Intensivstation sowie ein sicherer Online-Zugriff. „Sogar auf einem Tablet-PC oder Smartphone können die Eltern jederzeit Live-Bilder ihres neuen Familienmitglieds sehen. Und das klinische Fachpersonal hat die Möglichkeit, die Betreuung der Kleinen weiter zu verbessern und sie immer im Blick zu behalten“, so Thiel weiter.

Damit mobile Videokonferenzlösungen im Klinikalltag einwandfrei funktionieren, sollte man bei der Übertragung nicht allein auf 3G- und 4G-Mobilfunknetze setzen, da die Bandbreiten in diesen Netzen sehr stark variieren. „Klassische Videokonferenzlösungen sind darauf nicht  oder bestenfalls nur bedingt  ausgelegt. Verbindungsabbrüche sind die Folge“, sagt Frank Ruge. Die Kliniken sollten daher eine Lösung wählen, die auf den Standard H.264/SVC (Scalable Video Coding) setzt. Denn dieser ermögliche zuverlässige HD-Videokonferenzen sowohl über Mobilfunk- als auch WLAN-Netze. Da mobile Systeme meist von extern kommunizieren, sei es zudem notwendig, einen sicheren Zugang zum Netzwerk herzustellen. „Dies erfolgt am besten mit Firewall-Traversal-Systemen“, rät Tim Schütte von Lifesize. Nicht zuletzt fordert er, bei der Auswahl der Endgeräte auf die eingebaute Kamera zu achten, denn diese gibt letztlich die mögliche Bildqualität vor. „Insbesondere bei PC-basierten Videokonferenzsystemen erreichen die eingebauten Kameras oftmals keine HD-Auflösung, weshalb externe USB-Kameras zum Einsatz kommen“, führt Schütte weiter aus.

Smartphone führt zu Ersthelfern

Während sich die beschriebenen Einsatzszenarien vorrangig an die Ärzteschaft und das Pflegepersonal in Kliniken sowie an stationäre Patienten richten, können M-Health-Lösungen aber auch im privaten Umfeld sinnvoll zum Einsatz kommen, etwa zur Nachversorgung nach einem Krankenhausaufenthalt. „Bereits seit geraumer Zeit werden Kardiologie- und Diabetespatienten telemedizinisch betreut. In jüngerer Zeit hat sich das Spektrum um die Therapie von Spracherkrankungen, Schlaganfallpatienten oder vieler Stoffwechselerkrankungen erweitert“, berichtet Gerold Schwarz von Edicos. Ein konkretes Beispiel hat er gleich parat: Nach einem stationären Krankenhausaufenthalt aufgrund eines Herzinfarkts wird der Patient entlassen, unterliegt aber weiterhin intensiver ambulanter Überwachung durch „intelligente“ EKG-Elek-troden, die kontinuierlich drahtlos EKG-Daten an das Smartphone senden. Das Gerät analysiert die Daten in Echtzeit, passt die Medikation sowie ein rehabilitations-begleitendes Bewegungsprogramm an“, so Schwarz, „und informiert den zuständigen Physiotherapeuten, die Apotheke sowie den betreuenden Hausarzt.“ Im Notfall  informiert das Smartphone automatisch einen Notarzt und übermittelt gleichzeitig die gespeicherten Daten.

Die in Geldern ansässige Gelderlandklinik nutzt bereits eine mobile Lösung zur Nachbehandlung ihrer Patienten. Die Fachklinik für Psychotherapie und Psychosomatik unterstützt stark adipöse Patienten in einer stationären, psychosomatischen Rehabilitation, in der Regel über sechs bis acht Wochen. Einen Knackpunkt bei der Behandlung stellt bei vielen Patienten die Rückkehr in den Alltag dar, denn damit geht oftmals ein Rückfall in alte Ernährungs- und Verhaltensmuster einher. Doch hohe Rückfallquoten erfordern eine aufwendige und häufig teure ambulante Nachsorge, die zudem organisatorisch schwierig ist. Daher entwickelten die Verantwortlichen der Klinik gemeinsam mit der Sanvartis GmbH und dem Fraunhofer ISST einen Adipositasbegleiter, eine App, die für die Aufrechterhaltung der „Beziehung“ zur Klinik sorgen soll. Neben der Erfassung körperlicher Parameter (Gewicht, Blutdruck, Herz- und Pulsfrequenz, Stimmungsbarometer) bietet die App weitergehende Inhalte, darunter einen Bewegungs- und Ernährungsplan. Zu den Features zählen Wochentrainingspläne, Ernährungsprotokolle, Ampelsysteme oder Rezeptvorschläge. Der Vorteil: Durch die mobile Lösung werden die Betroffenen aktiv in den Veränderungsprozess einbezogen, was die Selbstorganisation fördert.

Die Nutzung privater Mobilgeräte hat sich auch das Projekt EMuRgency auf die Fahne geschrieben, wobei hier die Erste-Hilfe-Versorgung im Fokus steht. Hierfür haben sich in der Euroregio Maas-Rhein acht Projektpartner zu einem internationalen und interdisziplinären Konsortium zusammengeschlossen, darunter Informatiker und Ärzte der Klinik für Anästhesiologie am Universitätsklinikum Aachen. Ziel des Projekts ist es, die Häufigkeit guter Reanimationsmaßnahmen vor dem Eintreffen des Rettungsdienstes zu erhöhen. Denn allein in der Maas-Rhein-Region erleiden pro Jahr rund 2.500 Menschen präklinisch einen Herzstillstand, wovon weniger als 20 Prozent überleben und nur in ca. 25 Prozent der Fälle vor dem Eintreffen des Notarztteams Wiederbelebungsmaßnahmen durchgeführt werden. Neben der Vermittlung von Basiswissen über wichtige lebensrettende Maßnahmen an die Bevölkerung, besitzt das Projekt eine Mobility-Komponente: Über einen SMS-Alarm sollen geschulte Ersthelfer, die sich in der Nähe des Patienten befinden, über ihr Mobiltelefon geortet, alarmiert und zum Ort des Geschehens geführt werden. So sollen neue Technologien zur Steigerung der Überlebensrate beitragen.

Die virtuelle Arztpraxis

Abschließend ein Blick in die Zukunft: Auf die Frage, wie ein Arztbesuch wohl in zehn Jahren aussehen mag, sind sich die von uns befragten Experten uneins. Für Hugo Thiel von Comparex ist klar: „Die Anzahl der Arztbesuche und Klinikaufenthalte wird zurückgehen. Zudem haben sich bis dahin Online-Sprechstunden etabliert und die lebenslange Patientenakte ist Realität.“ Aufgrund optimaler Ressourcenplanungen gehören laut Thiel lange Wartezeiten ebenso der Vergangenheit an wie Mehrfachuntersuchungen aufgrund nicht vorliegender Vorbefunde. Positiv blickt auch Gerold Schwarz nach vorne. Seiner Ansicht nach wird ein „Arztbesuch“ zunehmend über Videokonsultation erfolgen, mitunter auch bei Spezialisten im Ausland. Nach Genehmigung des Datenzugriffs durch den Patienten verschaffe sich der Arzt einen umfassenden Überblick über den Krankheitsverlauf, bisherige Diagnosen und Therapien und wird trotz größerer Anonymität eine effektivere medizinische Betreuung bieten als heute. Allerdings mutmaßt Schwarz, dass sich M-Health in deutschen Kliniken zwar weiter ausbreiten werde, allerdings nicht so  stark wie im ambulanten Umfeld.

Dass sich Arztbesuche zunehmend in die virtuelle Welt verlagern werden, glaubt Rainer Beckers nicht: „Mobile Health wird niemals einen Arztbesuch oder Klinikaufenthalt ersetzen. Denn die persönliche Dienstleistung bleibt die wertvollste Ressource im Gesundheitswesen", so Beckers.  „Allerdings werden wir in zehn Jahren mithilfe von M-Health sorgfältiger damit umgehen.“ So könnten Arztbesuche durch konsistente Daten besser vorbereitet sein und bedarfsgerechter stattfinden. Und nicht zuletzt werde medizinisches Wissen einfacher zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar sein.

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