Klare Roadmap gefordert

„Das Smartphone fungiert als Portal“

„Genau wie sich jetzt das kontaktlose Bezahlen durchsetzt, werden auch Smart-City-Anwendungen immer alternativloser, je besser sie auf die Bedürfnisse der Bürger zugeschnitten sind“, ist sich Markus Hertlein, CEO und Mitgründer der Xignsys GmbH, sicher.

Markus Hertlein

„Was den Leuten das Leben erleichtert, geht schnell in den täglichen Gebrauch über“, betont Markus Hertlein.

MOB: Herr Hertlein, wie digital sind Deutschlands Städte anno 2022?
Markus Hertlein: Leider laufen wir in Deutschland auch im Jahr 2022 bei der Digitalisierung der Städte weiter unseren Ansprüchen und Zielvorgaben hinterher. Die vergangenen beiden Jahre der Ausnahmesituation haben die Entwicklung noch weiter gebremst. Es gibt aber auch einige Erfolgsbeispiele und Modellprojekte, die Hoffnung für die Zukunft machen. Der aktuelle Bitkom Smart City Index sieht beispielsweise Hamburg momentan ganz vorne, u.a. durch geglückte Modellprojekte in den Bereichen „Mobilität“, „Energie“ und „Klima“. Auch Bochum und das Ruhrgebiet generell setzen große Impulse. Oftmals sind die Bemühungen der Kommunen aber noch zu isoliert.

MOB: Welche Herausforderungen gilt es auf dem Weg zur digitalen Stadt zu meistern?
Hertlein: Wir müssen die Lösungen größer, vernetzter denken. Wir schaffen es noch nicht, den Begriff „Smart City“ mit echtem Leben zu füllen, und oft fehlen gerade in den Verwaltungen noch die technische Expertise und eine klare Roadmap, wie das gelingen soll. Zu den größten Herausforderungen auf dem Weg zur digitalen Stadt zählt sicherlich die Verknüpfung und Nutzbarmachung unterschiedlicher Angebote einer Smart City. Die uneingeschränkte Interoperabilität von unterschiedlichen Bereichen der Smart City ist essenziell, um den Nutzern einen echten Mehrwert zu bieten. Auch der Spagat zwischen der Ermöglichung vollständig digitaler Transaktionen und der gleichzeitigen Absicherung sensibler Daten erfordert viel technisches Fingerspitzengefühl. Um Vertrauen in die neuen Technologien zu schaffen, müssen die Nutzer und deren Bedürfnisse stets in den Mittelpunkt gerückt werden.

MOB: Was ist das Herzstück einer lebendigen Smart City?
Hertlein: Das zentrale Herzstück ist das mobile Endgerät in den Händen der Bürger. Das Smartphone fungiert zukünftig als Portal zur Smart City und eröffnet Zugang zu den unterschiedlichsten Services quer durch die digitale Stadt: Von der Nutzung von Verwaltungsdienstleistungen, dem Buchen eines Arzttermins, dem Laden von smarten Fahrzeugen, der Nutzung von Bildungsangeboten, Bibliotheken und des öffentlichen Nahverkehrs bis hin zum Öffnen von Türen zu öffentlichen Gebäuden sind unzählige Anwendungen denkbar. Es ist dabei allerdings elementar wichtig, dass die Identifikation der Nutzer zentral abläuft und möglichst wenige Knotenpunkte die Nutzung des Systems verkomplizieren.

MOB: Wie können die Funktionen einer Smart City auch im Alltag der Einwohner verankert werden?
Hertlein: Dies wird einer der wichtigsten Punkte bei der Realisierung der Smart City sein. Die Anwendungen müssen so variabel sein wie die Städte, in denen wir leben, und mehr können, als ein bloßer digitaler Kanal zum Bürgeramt zu sein. Wie viele Behördengänge macht der Durchschnittsbürger denn im Jahr? Die digitalen Angebote der Smart City müssen alltägliche Aufgaben erleichtern, interessante Updates liefern und einen echten Mehrwert schaffen. Der Gebrauch muss intuitiv funktionieren sowie allen Bevölkerungsgruppen einfach zugänglich sein. Gleichzeitig muss stets gewährleistet werden, dass sensible Daten im System abgesichert sind.

MOB: Wie gelingt hierbei der Spagat zwischen Sicherheit und Nutzerfreundlichkeit?
Hertlein: Bei der praktischen Umsetzung von Smart-City-Anwendungen muss aus Perspektive der Nutzerfreundlichkeit vor allem das Augenmerk darauf gelegt werden, dass die Authentifizierungsprozesse sicher und unkompliziert sind. Unbedingt muss verhindert werden, dass Nutzer ständig neue Passwörter eingeben müssen, wenn sie sich in der Smart City zwischen unterschiedlichen Bereichen bewegen. Der Authentifizierungsvorgang als solches muss barrierefrei sein und sollte nur wenige Sekunden in Anspruch nehmen. Durch den Einsatz bekannter Authentifikatoren und Prozesse, wie etwa biometrischer Merkmale oder der systemseitigen Gerätesperre zur Absicherung von Apps, kann bei Nutzern ein hohes Maß an Akzeptanz und Vertrauen geschaffen werden. Die Maxime muss lauten: Was den Leuten das Leben erleichtert, geht schnell in den täglichen Gebrauch über. Genau wie sich jetzt das kontaktlose Bezahlen durchsetzt, werden auch Smart-City-Anwendungen immer alternativloser, je besser sie auf die Bedürfnisse der Bürger zugeschnitten sind.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 01-02/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

MOB: Inwieweit tragen smarte Städte zum Klimaschutz bei?
Hertlein: Alleine schon durch die bessere Organisation von Abläufen vermeiden smarte Städte riesige Mengen an CO2. Die analoge Stadt verschwendet Unmengen an Energie und Papier. Fehlende Abstimmung generiert Leerlauf und schafft unnötige Wege, die bei vielen Bürgern zu Frustration gegenüber „dem System“ führen. Eine funktionierende Smart City hingegen schafft eine größere Lebensqualität und dadurch eine stärkere Identifikation der Menschen mit ihrer direkten Umgebung. Dieses Mehr an Aufmerksamkeit führt wiederum zu einem besseren Umgang mit öffentlichen Ressourcen. Um in Zukunft noch besser mit der verfügbaren Energie haushalten zu können, müssen beispielsweise sämtliche Häuser mit Smart Metern ausgestattet werden. Diese Entwicklung steht allerdings noch am Anfang. Die Industrie ist mit ihren Angeboten an smarten Anwendungen schon weiter, als der Verbraucher bereit ist, diese Neuerungen auch tatsächlich in seinem eigenen Heim zu installieren. Das EU-Ziel, bis 2020 80 Prozent sämtlicher Haushalte mit Smart Metern auszustatten, wurde weit verfehlt. Um hier wirklich voranzukommen, muss die Akzeptanz von Smart Metern in der Bevölkerung in den kommenden Jahren noch deutlich gesteigert werden. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass die Smart City bald Einzug in unseren Alltag findet. Auch der Bereich „Mobilität“ wird in der Smart City eine bedeutende Rolle spielen. Allein wenn man bedenkt, wie viel Zeit, Nerven, Ressourcen und CO2 die alltägliche Parkplatzsuche in den Städten fordert, wird einem bewusst, welch großes Potenzial die Digitalisierung der Städte hat.

Bildquelle: Xignsys

©2026Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok