„Corporate Social Responsiblity fängt bei jedem einzelnen Mitarbeiter an“, so Jörg Petzhold von Matrix42.
MOB: Herr Petzhold, mit der Neuauflage des Infektionsschutzgesetzes Ende November 2021 ist u.a. auch die Homeoffice-Pflicht zurückgekehrt. Wie haben die Unternehmen hierzulande auf die Rückkehr reagiert?
Jörg Petzhold: Unternehmen sind sicherlich besser auf die Arbeit im Homeoffice vorbereitet als noch vor einem Jahr. Grund dafür ist u.a. ein verändertes Mindset, und zwar nicht nur bei den Mitarbeitern, sondern auch auf Seiten der Unternehmen. In einer von uns durchgeführten Studie berichten rund ein Viertel der befragten Führungskräfte von Prozessanpassungen zugunsten von Remote Work. Dennoch stellt die Homeoffice-Pflicht Unternehmen weiterhin vor Herausforderungen, die gemeistert werden müssen. Neben bestehenden IT-Problemen rücken auch die Auswirkungen des Wechsels zwischen Homeoffice und Büro auf die Mitarbeiter vermehrt in den Vordergrund. Führungskräfte stellen sich die Frage, wie es ihrer Belegschaft im Homeoffice ergeht und welche Hürden noch bestehen.
MOB: Wie empfinden die Arbeitnehmer selbst die Homeoffice-Pflicht?
Petzhold: Für Arbeitnehmer hat das Homeoffice Vor- und Nachteile. Generell sind die Mitarbeiter eher überzeugt von der Arbeit im Homeoffice, denn wegfallende Arbeitswege und flexiblere Arbeitszeiten sind für viele ein Pluspunkt. Die Homeoffice-Pflicht lockt dadurch auch mit einer verbesserten Work-Life-Balance – das hat eine aussagekräftige Studie von uns erst kürzlich gezeigt. In Deutschland hält sich die Begeisterung für die dauerhafte Arbeit im Homeoffice jedoch in Grenzen. Denn diese Freiheit hat einen Preis: Arbeitnehmer befürchten durch den fehlenden persönlichen Austausch vor Ort eine Verschlechterung des Miteinanders und im Extremfall auch eine Vereinsamung. Unternehmen müssen sich bemühen, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Stichwort „Employee Experience“: Die Erlebnisse, die ein Mitarbeiter in seinem Unternehmen macht, sind essenziell. Wenn sich Mitarbeiter wohl fühlen und eine positive Employee Experience erleben – und zwar auch im Homeoffice –, bleibt eine gute Unternehmenskultur auch während der Pflicht bestehen. Hierfür sollten dedizierte Maßnahmen entwickelt und umgesetzt werden. Ein gutes Beispiel ist das virtuelle Onboarding. Wenn sich neue Mitarbeiter von Tag eins an gut betreut fühlen, auch wenn die Arbeit virtuell beginnt, ebnet das den Weg für eine erfolgreiche Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der hybriden Arbeitswelt.
MOB: Inwieweit hat sich der „ständige Wechsel“ zwischen Büro und Homeoffice in den letzten Monaten auf die Gesundheit der Arbeitnehmer ausgewirkt? Was sind Ihrer Ansicht nach konkrete Nachteile beim vollständigen Arbeiten von daheim aus?
Petzhold: Die Vorteile des Homeoffice, wie das Wegfallen der Arbeitswege, entwickeln sich schnell zu einer „Falle“. Nicht selten sitzen Mitarbeiter anstatt im Auto oder Zug auf dem Weg nach Hause einfach länger an ihrem Rechner. Flexible Arbeitszeiten werden so schnell zu Überstunden – mit verheerenden Folgen. Neben Überlastung oder sogar Burnout spielt auch Einsamkeit eine große Rolle. Der virtuelle Austausch schafft hier etwas Abhilfe, dennoch bemängeln Arbeitnehmer den fehlenden persönlichen Kontakt zu ihren Kollegen. Es ist also kein Wunder, dass die Zukunft der Arbeit hybrid sein wird. Hier treffen die Vorteile beider Welten aufeinander – Büro und Homeoffice.
MOB: Inwieweit haben sich bereits hybride Arbeitsmodelle in deutschen Unternehmen etabliert?
Petzhold: Hybride Arbeitsmodelle sind mittlerweile weitestgehend etabliert. Vor allem in den letzten ein bis zwei Jahren hat sich in diesem Punkt sehr viel getan und der Wille ist definitiv vorhanden. In Deutschland sind Unternehmen allerdings oft noch weit entfernt davon, hybride Arbeitsmodelle zu meistern und erfolgreich zu gestalten. Vor allem im Bereich „IT“ ist das Potenzial noch nicht vollends ausgeschöpft. Immerhin jeder vierte IT-Profi berichtet zwar von Anpassungen bestehender IT-Prozesse, doch wenn es um die Qualität der Netzwerke oder Sicherheitsfragen geht, besteht in Deutschland noch Nachholbedarf.
MOB: Welche Herausforderungen sind hierbei nach wie vor seitens der Arbeitgeber sowie Arbeitnehmer zu meistern?
Petzhold: Die Komplexität der IT-Verwaltung ist durch die hybride Arbeit definitiv gestiegen und Service- und Support-Prozesse müssen angepasst werden. Die Liste der zu bewältigenden Herausforderungen ist lang: Von schlechten privaten Internetleitungen, über eine erschwerte IT-Betreuung im Homeoffice bis hin zur Anpassung bestehender Prozesse sind viele Hürden zu überwinden. Auf der Agenda stehen auch die Bereitstellung von Kollaborationswerkzeugen und Smart Devices. Aber auch das passende kulturelle Umfeld ist vereinzelt noch nicht geschaffen und erfordert ein Handeln auf Geschäftsführungsebene.
MOB: Wie muss der Arbeitsplatz anno 2022 gestaltet sein, damit sich die Mitarbeiter letztlich sicher und wohl fühlen?
Petzhold: Der moderne Arbeitsplatz ist vor allem eines: individuell. Jeder Mitarbeiter sollte sich eine Arbeitsumgebung schaffen können, die zu seinen Bedürfnissen passt. Der Arbeitgeber spielt dabei eine wichtige Rolle, denn dieser kann die täglichen Erlebnisse maßgeblich beeinflussen und somit auch das Wohlbefinden sichern. Das hat sowohl eine technologische Seite, bei der es vor allem um die passende Technologie und guten IT-Support geht, als auch eine soziale Seite, bei der das Wohlbefinden des Mitarbeiters und das Vertrauen auf Seiten der Führungskräfte im Mittelpunkt stehen. Eines ist klar: Corporate Social Responsiblity fängt bei jedem einzelnen Mitarbeiter an. Ziel sollte es sein, die bestmögliche Employee Experience zu schaffen, und zwar von Tag eins an.
Bildquelle: Matrix42