Die Grenzen der Technik

Datenbrillen mögen keine Kälte

An ihre Grenzen stoßen Datenbrillen aktuell noch im „tiefgekühlten Bereich“, erklärt Ralph Schraven, Manager Business Development bei Picavi, im Interview. „Die niedrigen Temperaturen lassen nur kurze Einsatzzeiten zu, da zurzeit keine speziell für solche Umgebungen konzipierten Datenbrillen verfügbar sind.“

Ralph Schraven, Picavi

„Datenbrillen haben grundsätzlich das Potential, für alle intralogistischen Prozesse eingesetzt zu werden“, weiß Ralph Schraven von Picavi.

Herr Schraven, welche mobilen Devices werden Stand heute bevorzugt in der Lagerlogistik eingesetzt und warum?
Ralph Schraven:
Interessanterweise sehen wir immer noch viele Papierlisten im Lager; der Lagerarbeiter muss die Information zwar zeitaufwändig auf einer Liste suchen, hat aber den Auftrag immer Schwarz auf Weiß zur Hand. Daneben gibt es die elektronische Unterstützung über Handheld- und Stapler-Terminals: Die Anweisungen werden auf einem Display dargestellt, die Eingabe erfolgt über Funktionstasten und Barcode-Scanner. In leiseren Arbeitsumgebungen und bei moderaten Pickdichten werden auch Headsets eingesetzt: Pick-by-Voice-Systeme führen dabei den Werker mit gesprochenen Anweisungen durch den Kommissionierprozess.

Welchen Stellenwert nehmen modernere Technologien wie Datenbrillen und Drohnen mittlerweile in der Lagerlogistik ein? Sind sie eher noch Spielerei oder ernstzunehmende „mobile Helfer“?
Schraven:
Zu unserer Gründungszeit machten vereinzelte Pilotprojekte auf sich aufmerksam, jetzt ist Assisted Reality tatsächlich in der Lagerlogistik angekommen und unser System wird bereits bei über 20 Kunden im täglichen Echtbetrieb eingesetzt.

Die Nachfrage nach Lösungen mit Datenbrillen wächst rasant – insbesondere der von uns fokussierte Bereich der Lager- und Prozesslogistik profitiert von den Vorteilen der Technologie. Während die ersten Datenbrillen eher für den Consumer-Markt konzipiert waren, zeigt die neue Generation zunehmend für die Industrie geeignete Elemente, die wir mit Eigenentwicklungen im Zubehörbereich zu prozesstauglichen Systemen aufrüsten und im Mehrschichtbetrieb zuverlässig einsetzen.

Ab welcher Lagergröße lohnt sich der Einsatz solch moderner Mobiltechnologien?
Schraven:
Unsere Lösung eignet sich für alle personalintensiven Lagerlogistikabläufe, bei denen viele manuelle und bewegungsintensive Tätigkeiten vorherrschen – wie Kommissionierung und Einlagerung. Der Einsatz rechnet sich dabei erfahrungsgemäß schon bei fünf Lagerarbeitern. Der ROI kann – je nach abgebildetem Prozess – auch schon bei einer geringeren Anzahl von Datenbrillen erreicht sein.

Zu welchen Zwecken werden Datenbrillen hier in der Regel genutzt? Was können sie mittlerweile leisten?
Schraven:
Datenbrillen haben grundsätzlich das Potential, für alle intralogistischen Prozesse eingesetzt zu werden. Neben Kommissionierung und Einlagerung tragen sie auch im Warenein- und -ausgang sowie bei der Inventur zu effizienteren Prozessen bei. Je nach Pickdichte wird in der Kommissionierung zwischen acht und zehn Prozent reine Pickzeit eingespart und die Fehlerrate signifikant gesenkt. Mit der konsequenten Prozessführung über das Display haben die Kommissionierer den aktuellen Auftrag sowie ihre Arbeitsschritte jederzeit im Blick und beide Hände frei.

Inwieweit sind Schulungen für den Umgang mit solchen mobilen Devices im Lager notwendig?
Schraven:
Jeder Lagerist kann die Datenbrille schon nach kurzer Zeit handhaben: Die Bedienung der Devices ist bei den meisten Modellen intuitiv und läuft über Tasten oder ein Touchpad am Brillengestell. Zudem wird der Lagerarbeiter visuell durch seinen Arbeitsalltag geführt und einzelne Schritte automatisch per in die Brille integrierten Scanner direkt bestätigt. Die Arbeit mit den Datenbrillen wird erfahrungsgemäß schnell erlernt und die neue Technologie gut angenommen.

Wo sehen Sie noch Stolpersteine bzw. Nachbesserungsbedarf bei jenen Geräten?
Schraven:
An ihre Grenzen stößt die Technologie noch im tiefgekühlten Bereich: Die niedrigen Temperaturen lassen aktuell nur kurze Einsatzzeiten zu, da zurzeit keine speziell für solche Umgebungen konzipierten Datenbrillen verfügbar sind. Hier arbeiten wir mit unseren Partnern an einer schnellen Optimierung der Technologie.

Worauf sollten interessierte Anwenderunternehmen achten, wenn sie sich für den Einsatz von Datenbrillen oder Drohnen in ihrem Lager entscheiden?
Schraven:
Im Gegensatz zur Programmierung von mobilen Systemen wie Smartphones ist (trotz des gleichen Betriebssystems) ein stark erweitertes Know-how rund um Energieeffizienz, veränderte Bedienkonzepte, neue Bildschirmkonzepte und Datenmanagement erforderlich. Dadurch unterscheiden sich Smart-Glasses-Projekte deutlich von anderen IT-Projekten. Bei der Make-or-buy-Frage auf externe Experten und ihre Erfahrung zu vertrauen, ist also ratsam.

Bildquelle: Picavi

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