Supply Chain

Den Materialfluss unter Kontrolle

Der Sysmat-Geschäftsführer Rainer Schulz beschäftigt sich seit rund 25 Jahren mit der Automatisierung von Lagern. Im Interview erklärt er, weshalb ein funktionierendes SCM geschäftsentscheidend sein kann.

Rainer Schulz, sysmat

„Moderne Kommunikationsmittel sorgen für eine steigende Prozessgeschwindigkeit. Ein Griff zum Smartphone reicht heutzutage aus, um weltweit einzukaufen", sagt Rainer Schulz, Geschäftsführer der Sysmat GmbH.

Herr Schulz, können Sie kurz erklären, was Supply Chain Management (SCM) ist und wie es sich von der „klassischen“ Logistik unterscheidet?
Rainer Schulz:
Kompakt zusammengefasst: SCM umfasst jeden relevanten Fluss entlang der gesamten Wertschöpfungs- und Lieferkette – vom Kunden bis zum Lieferanten – sowie die integrierte prozessorientierte Planung und Steuerung. Neben Waren und monetären Mitteln betrifft dies auch Informationen. Aus dieser Definition ergibt sich die Abgrenzung zur „klassischen“ Logistik. Diese überschreitet im Gegensatz zum SCM nicht die Grenzen eines Betriebes. Außerdem betrachtet das SCM nicht nur die logistischen Aspekte, sondern ebenso alle anderen wichtigen Bestandteile des Gesamtprozesses.

Weshalb wird dem SCM gerade seit einigen Jahren so verstärkt Bedeutung zugemessen? Haben haben Globalisierung, E-Commerce und die wachsende Leistungsfähigkeit von Mobilgeräten auf diese Entwicklung Einfluss?
Schulz:
Im Vergleich zu früher hat sich die Konkurrenzsituation am Markt deutlich verschärft. Unternehmen stehen mittlerweile im engeren Wettbewerb, Produktqualität alleine macht häufig keinen großen Unterschied mehr. Kunden erwarten zusätzlich schnelle Lieferungen und reibungslose Abläufe im gesamten Kaufprozess. Entlang der vollständigen Lieferkette müssen also alle Prozesse ineinandergreifen, um Erwartungen zu erfüllen – entsprechend hoch ist die Bedeutung des SCM. Aufgrund der Globalisierung nimmt der Konkurrenzdruck noch weiter zu, Wege werden zudem kürzer. Moderne Kommunikationsmittel sorgen außerdem für eine steigende Prozessgeschwindigkeit: Ein Griff zum Smartphone reicht heutzutage aus, um weltweit einzukaufen. Die Bedingungen haben sich also verändert und steigern die Notwendigkeit eines zielgerichteten SCM.

Welche Prozesse sind innerhalb der Supply Chain besonders fehleranfällig und wie kann eine digitale SCM-Lösung hier Abhilfe schaffen?
Schulz:
Abläufe bei Lieferanten oder eingebundenen Dienstleistern lassen sich nur schwer kontrollieren, da hier häufig kein genauer Einblick in deren Prozesse möglich ist. Als besonders fehleranfällig gelten zudem die Schnittstellen der verschiedenen Glieder der Supply Chain. Aber auch das eigene Lager weist durchaus Fehlerpotenzial auf: Vom Wareneingang bis zum vorgesehenen Platz beziehungsweise zur letztendlichen Auslieferung kann es schnell zu stockenden Vorgängen kommen – die sich dann auch negativ auf andere Abläufe auswirken. Der interne Materialfluss verläuft dann alles andere als optimal. Hier eignen sich Softwarelösungen, die alle Prozesse im Lager grafisch abbilden. Fehlerquellen lassen sich so aufspüren und können für einen verbesserten Verlauf behoben werden.

Wie kann SCM z.B. helfen, die durch den Peitscheneffekt ausgelösten Engpässe und Schwankungen auszugleichen?
Schulz:
Aufgrund des Peitscheneffektes steigt die Gefahr, dass es zu Unterversorgung mit verschiedenen Teilen beziehungsweise Produkten kommt. Reagieren Unternehmen darauf mit dem Ausbau ihrer Bestände, entstehen schnell hohe Kosten. Hierfür notwendige große Lager charakterisiert zudem Komplexität und Unübersichtlichkeit. Strukturiertes SCM mit enger Kooperation zwischen Vertrieb, Planung, Einkauf und Logistik über die Lieferkette hinweg sorgt in diesem Zusammenhang für einen optimierten Waren- und Informationsfluss. Ziel sollte somit sein, ein erhöhtes Bestellaufkommen und die Lagerbestände auf ein Level zu bringen.

Weshalb ist z.B. mangelnde Ende-zu-Ende-Sichtbarkeit eine solch große Herausforderung und welche Konsequenzen hat sie für Unternehmen?
Schulz:
Vor- und nachgelagerte Prozesse lassen sich infolge unzureichender Ende-zu-Ende-Sichtbarkeit schwerer integrieren. In dieser Eingliederung befindet sich die Basis für flexible, schnelle und kostengünstige Abläufe entlang der gesamten Lieferkette. Ohne diese Grundlage gestaltet sich eine Optimierung für Unternehmen kompliziert.

Wie wirken sich branchenspezifische Merkmale aus und wie kann eine SCM-Lösung diesen Unterschieden Rechnung tragen?
Schulz:
Solche Eigenschaften nehmen großen Einfluss auf die Abläufe entlang der gesamten Lieferkette. Bei Lebensmitteln zum Beispiel müssen Hygienemaßnahmen genau beachtet werden. Eine durchgängige Kühlung ist daher unbedingt zu gewährleisten. Zudem müssen Unternehmen Fristen aufgrund von Haltbarkeitsdaten zwingend einhalten. Innerhalb eines Lagers sollten Paletten beispielsweise in Kühlgassen zwischengelagert werden, um beim Auslagern oder Kommissionieren möglichst lange im gekühlten Bereich zu verbleiben. Die korrekte Kennzeichnung der Produkte spielt ebenfalls eine große Rolle, um alle Vorschriften einzuhalten. Anders sehen die Bedingungen in der Automobilindustrie aus: Hier gehören Haltbarkeiten nicht zu den entscheidenden Faktoren. Stattdessen wirken sich Globalisierung, Kostendruck und immer neuere Technologien stark auf die Abläufe aus. Diese gilt es ständig zu hinterfragen und entsprechend anzupassen, um die Konkurrenz einen nicht hinter sich lässt. Dazu blickt der Kunde deutlich kritischer auf die Branche als noch vor ein paar Jahren. In beiden Fällen schafft eine individuell zugeschnittene SCM-Lösung Abhilfe. Im Bereich Lebensmittel zum Beispiel muss diese über Funktionen verfügen, die zur Einhaltung der Fristen und Aufrechterhaltung der Kühlung beitragen. Für beide Fälle gilt aber: Eine Lösung muss mehr Transparenz schaffen.

Welche Rolle spielt die Weiterentwicklung von Künstlicher Intelligenz für die Zukunft von SCM-Lösungen?
Schulz:
Die zunehmende globale Verflechtung der Lieferketten, verkürzte Produktlebenszyklen und individualisierte Kundenwünsche bestimmen inzwischen den Alltag von Unternehmen. Der Anspruch an SCM-Lösungen steigt parallel zu den erschwerten Bedingungen am Markt. Künstliche Intelligenz nimmt deswegen einen immer höheren Stellenwert ein: In Kombination mit IT-Strukturen von Geschäftspartnern identifiziert sie beispielsweise frühzeitig anstehende Auftragsflauten und -spitzen. Rohstoffversorgung und Lieferumfang lassen sich so im Rahmen der Supply Chain besser verwalten. Darüber hinaus organisiert die KI den laufenden Transport von Waren und reagiert schnell auf kurzfristige Probleme. Sie verfügt über enormes Potenzial und unterstützt so SCM-Lösungen.

Welche Schritte sollten vor der Einführung einer SCM-Lösung bedacht werden und wo können hier Stolpersteine liegen?
Schulz:
Implementierungen neuer Lösungen lassen sich in der Regel nicht ohne Probleme rückgängig machen. Plant ein Entscheider eine Modernisierung, bietet es sich an, den Materialfluss vorab in einer Emulation der Anlage zu betrachten. Diese prüft zum Beispiel Verbesserungen, ohne dass gleich die gesamte Produktion anhält. Erst wenn sich der Materialfluss aus Sicht aller Beteiligten optimal gestaltet, wird die Umstellung realisiert. Weitere Tools wie beispielsweise Zeitraffer und Leistungsstatistiken ergänzen eine solche Anlagen-Emulation hilfreich. Zusätzlicher wichtiger Punkt: Die neue Lösung sollte sich ohne Schwierigkeiten in die bestehende Umgebung eingliedern lassen. Flexible Schnittstellen ermöglichen zum Beispiel die Aufhebung von Insellösungen.

Das Thema Nachhaltigkeit ist heute gefragter denn je. Die Abnehmer sind also in der Pflicht, sich auch Gedanken über Dinge wie Entsorgen und/oder Recycling zu machen. Welche Rolle kommt also den Reverse Logistics zu und wie können SCM und mobile Lösungen hier unterstützen?
Schulz:
Rückwärtsgerichtete Warenströme sind nur zum Teil planbar. Diese gilt es zu erfassen, Produkte zu bewerten und eine optimale Weiter- oder Wiederverwendung zu ermöglichen. Auch um Kundenbedürfnisse zu erfüllen, muss das Zeitfenster zwischen Betriebsort des Produktes und seiner späteren Wiederverwendung so eng wie möglich gehalten werden. Reverse Logistics benötigen also eine Eingliederung in das SCM. Auf diese Weise helfen bereits verwendete Lösungen in beiden Richtungen.

Bildquelle: Sysmat GmbH

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