Digital Detox

Den Stress in der Hosentasche lassen

Im Interview spricht die erfahrene Medizinerin, Trainerin und Wissenschaftsjournalistin Dr. Sabine Schonert-Hirz, über Digitalstress und die Wichtigkeit von digitalen Regeln – auch am Arbeitsplatz. Die Expertin, auch bekannt als „Dr.Stress“ coacht regelmäßig Unternehmen und Behörden.

Dr. med Sabine Schonert-Hirz

Die Ärztin Dr. Sabine Schonert-Hirz hält als „Dr. Stress" regelmäßig Vorträge über die Auswirkungen von digitalem Stress.

Jeder kennt es: Nur kurz einen Blick auf das Smartphone werfen, um die Uhrzeit zu checken. Kurz darauf verschwindet das Handy wieder in der Tasche und man weiß das Neueste über Trump und Co., hat registriert, dass Tante Erna ein Bildchen in der Whatsapp-Familiengruppe geteilt hat und dass man in drei Stunden eine Telko mit den Kollegen in London hat. Nur wie spät es ist, weiß man irgendwie trotzdem noch nicht. Das allein ist sicherlich nicht gleich ein Alarmsignal oder Anzeichen von ungesundem Stress, doch wer die digitalen „Helferlein“ rund um die Uhr in Anspruch nimmt, sollte – auch wenn es unangenehm ist – seine Gewohnheiten einmal kritisch hinterfragen

MOB: Frau Dr. Schonert-Hirz, der digitale Input, den wir täglich erhalten – Mails, Social-Media-Benachrichtigungen, News etc. – nimmt immer weiter zu. Welche körperlichen Stresssymptome können dadurch auftreten?
Dr. Sabine Schonert-Hirz:
Jedes Mal, wenn uns unser digitale Gerät einen Nachrichteneingang anzeigt, reagiert unser Gehirn mit einem kleinen Dopaminausstoß. Dopamin ist der Botenstoff der Vorfreude, Neugier und  Aktivität. Wir finden das Gefühl schön und sin sehr motiviert. Und wir merken uns alles was mit diesem angenehmen Gefühl zu tun hat sehr gut. Deshalb besteht auch die Gefahr, dass wir ein bisschen süchtig nach diesen kleinen Erlebnissen werden. Und hier ist der Haken: Wir erleben ich immer eine kleine Stressaktivierung. Ab und zu kein Problem, wir sind munter und leistungsbereit. Doch auf Dauer kann hier zu viel Stress entstehen. Wir werden fahrig, unkonzentriert, reizbar und unzufrieden. Schlimmstenfalls kommt es auch zu Schlafstörungen, Arbeitsproblemen, zwischenmenschlichen Konflikten und bei genetisch vorbelasteten Personen gar zur Abhängigkeitsentwicklung.

MOB: Viele Menschen nutzen inzwischen z.B. Ernährungs-Apps oder Fitness-Tracker und „teilen“ ihre Ergebnisse mit der „Community“ oder verfolgen ihre Leistung akribisch. Wie bewerten Sie diesen Trend zur Selbstoptimierung?
Schonert-Hirz:
Wer motiviert ist und etwas für seine Gesundheit tun möchte kann durch eine gute App natürlich eine wirksame Unterstützung bekommen. Doch wenn dieses Engagement dazu führt, dass man sich dauernd nur noch überwacht, sich zum Sklaven seiner Apps macht, bekommt es etwas Künstliches und ungesund gelungenes - das empfinde ich als negativ. Also alles in vernünftigem Maße betreiben ist mein Vorschlag.

MOB: Sind bestimmte Personen-/Altersgruppen besonders von digitalen Stresssymptomen betroffen und warum?
Schonert-Hirz: Grundsätzliche kann jeder in jedem Alter bestimmte ungesunde Gewohnheiten entwickeln und sein Leben zu sehr von den digitalen Geräten bestimmen lassen. Doch man stellt fest, dass es besonders jüngere Personen sind, die unter digitalem Dauerkonsum leider und es selbst gar nicht richtig bemerken. Hier sind Aufklärung und Sensibilisierung besonders wichtig! Digitale Geräte erzeugen einen Sog, der den als angenehm erlebten Dauerstress hervorruft. Doch wir brauchen echte Erholungszeiten, in denen die Gedanken in ihren eigenen Bahnen frei schweifen, die Seele baumelt, der Körper ruht. Das fühlt sich für den digitalen Dauernder richtig öde und langweilig an , doch genau das ist es was wir regelmäßig brauchen - sonst werden wir stresskrank. 

 

Einige Menschen fühlen sich unwohl oder werden nervös, wenn sie z.B. ihr Smartphone nicht zur Hand haben. Wie kann man im Alltag feststellen, ob man hier einen Gang zurückschalten sollte?
Schonert-Hirz:
Ich empfehle immer mal wieder einen Tag oder ein paar Stunden offline zu sein um zu bemerken, welche Gefühle sich einstellen und ob man sich eher unwohl, ängstlich, einsam oder unruhig fühlt. Das sind schon ganz leichte Entzugserscheinungen und es hilft sehr, sich ihnen bewusst zu stellen, zu erforschen wann man selbst besonders anfällig dafür ist und ganz gezielt gegenzusteuern. Das bedeutet, nicht das digitale Gerät sofort wieder zur Hand zu nehmen, sondern etwas Konkretes zu unternehmen um die eigenen Gefühle auf „analoge“ Art und Weise zu regulieren. Das haben nämlich viele Menschen bereits verlernt. Sie benutzen besonders das Handy als Seelentröster in jeder Situation.

Gerade beim modernen Arbeiten spielen mobile Geräte eine große Rolle und bringen den Unternehmen einen wirtschaftlichen Nutzen – doch führen gestresste Mitarbeiter langfristig z.B. auch zu weniger Produktivität bzw. fallen unter Umständen sogar aus. Inwiefern haben Ihrer Erfahrung nach Arbeitgeber dafür heute ein Bewusstsein und welche Maßnahmen können sie zur Prävention ergreifen?
Schonert-Hirz:
Digitaler Stress hat nicht nur eine Quelle, sondern drei verschiedene Ursachen. Zum ersten ist es die Unsicherheit über den Fortgang der Digitalisierung in ihrem Unternehmen. Es können Ängste und Sorgen über vielfältige Veränderungen am Arbeitsplatz entstehen: vom Arbeitsplatzverlust über andere Arbeitsgebiete bis zu völlig neuen Arbeitsweisen. Hier ist eine klare Kommunikation zwischen Unternehmensleistung und Beschäftigten unerlässlich.

Die zweite Quelle für digitalen Stress am Arbeitsplatz besteht in einem regelrechten Wildwuchs in den Kommunikationsgewohnheiten intern und nach außen. Zu viel Erreichbarkeit, zu viele Informationskanäle die bedient werden müssen, Unklarheiten im E-Mail-Verkehr und ständige Unterbrechungen machen unproduktiv, unzufrieden und krank. Bei aller Freiheit, die die digitale Welt uns gibt, brauchen wir einige unumstößliche feste Regeln, damit uns das Ganze nicht um die Ohren fliegt. Für bestimmte Mitarbeiter in der Freizeit den Serverzugang zu blockieren, ist leider zu kurz gesprungen.

Die dritte Quelle für digitalen Stress liegt in  den oben beschriebenen ungünstigen persönlichen Gewohnheiten im Umgang mit digitalen Geräten. Hier hat das betriebliche Gesundheitsmanagement eine neue und sehr wichtige Aufgabe. Sensibilisierung, Aufklärung und Unterstützung bei der Entwicklung einer neuen digitalen Resilienz z.B. durch verbesserte Selbstdisziplin sind die neuen Herausforderungen in den Unternehmen.(Bild: privat/ Dr. med Schonert-Hirz)

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