„In 2022 wird die Logistikbranche auch weiterhin mit Lieferengpässen und Kapazitätsknappheit sowie massiven Preissteigerungen zu kämpfen haben“, ist sich Andreas Baader sicher.
MOB: Herr Dr. Baader, welchen Einfluss haben die weltweite Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine in den letzten Wochen und Monaten auf die hiesigen Lieferketten von Unternehmen ausgeübt?
Andreas Baader: Schon die vergangenen zwei Jahre haben deutlich vor Augen geführt, dass wir in einer sehr dynamischen Zeit leben, unsere Welt sich in einem permanenten Wandel befindet und dass das Tempo dieses Wandels zunimmt. Wir haben extreme Schwankungen in fast allen Bereichen der Lieferketten gesehen, auf die Supply-Chain-Manager teils kurzfristig reagieren mussten. Dabei hat sich gezeigt, dass Firmen das Thema „Supply Chain Management (SCM)“ neu denken müssen und neue Fähigkeiten und Prozesse notwendig sind, um rasch und flexibel auf verschiedene Szenarien reagieren zu können – auch unerwartete. Technische Hilfsmittel, wie z.B. die Simulation verschiedener Ereignisse, helfen Firmen dabei, sich vorzubereiten und ihre Lieferketten widerstandsfähiger gegenüber externen Störungen zu machen. Bei der Arbeit mit unseren Kunden haben wir außerdem eine Umkehr der Angebot- und Nachfragesituation erlebt: Anstatt die Wünsche der Kunden in den Fokus zu stellen, haben Firmen sich darauf konzentriert, welche Produkte und Lösungen sie in der aktuellen Situation fertigen und verkaufen können. Ein populäres Beispiel dafür ist die Automobilindustrie.
MOB: Was sind die derzeit größten Probleme bzw. Stolpersteine im Supply Chain Management?
Baader: In meinen Augen sind derzeit drei Probleme besonders drängend: Mit Blick auf die Transformation von Lieferketten zeigt sich, dass neue Herausforderungen neue Lösungen verlangen und damit einhergehend oft auch neue Fähigkeiten. Vielerorts fehlt es an Mitarbeitern, die über das Know-how verfügen, um die notwendige Digitalisierung von Lieferketten voranzutreiben und umzusetzen. In der Praxis sehen sich Supply-Chain-Manager aktuell häufig mit der Herausforderung konfrontiert, die Fertigung aufrecht zu erhalten und so die Betriebskontinuität zu garantieren. Ein Grund dafür sind Lieferengpässe oder Ausfälle von Komponenten, die für die Fertigung kritisch bzw. unverzichtbar sind. Gleichzeitig steigen derzeit die Kosten für Rohstoffe, Materialien, Vorprodukte und Transport so drastisch an, dass ganze Geschäftsmodelle auf den Prüfstand gestellt werden müssen.
MOB: Eine weitere Herausforderung stellt sicherlich das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) dar, das ab dem 1. Januar 2023 in Kraft treten soll (erst einmal nur für Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigen; ein Jahr später dann auch für Betriebe mit mehr als 1.000 Mitarbeitern). Welche Kritikpunkte gibt es seitens der Unternehmen?
Baader: Unternehmen und Wirtschaftslobbyisten führen oft unkontrollierbare juristische Konsequenzen und Probleme bei der praktischen Umsetzung gegen das Lieferkettensorgfaltsgesetz ins Feld. Wir beurteilen die Situation etwas anders. Aus unserer jahrelangen Erfahrung heraus halten wir die Anforderungen, die mit dem LkSG auf Firmen zukommen, für überschaubar und sehr gut handhabbar – wenn Firmen sich aktiv und strukturiert mit der Modernisierung ihrer Lieferketten für die Zukunft auseinandersetzen und die Digitalisierung ihrer Supply Chain konsequent verfolgen. Überraschend kommt das Gesetz übrigens auch nicht: Bereits 2016 bekannte sich die Bundesregierung zu den Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen und verabschiedete einen nationalen Aktionsplan für Wirtschaft und Menschrechte. Auch ein Blick auf unsere Nachbarn macht deutlich, wie lang das Thema schon auf der Tagesordnung steht: In Frankreich gilt beispielsweise seit 2017 ein Gesetz namens „Loi de vigilance“, das die unternehmerische Sorgfaltspflicht für Menschenrechte verbindlich verankert hat. In Großbritannien trat 2015 der „Modern Slavery Act“ in Kraft und die Niederlande verabschiedeten 2019 das „Child Labour Due Diligence Law“. Außerdem gibt es heute bereits Branchen, die die Vorgaben des LkSG seit Jahren in weiten Teilen umsetzen – man denke etwa an Exportkontrollen für bestimmte Güter oder Vorprodukte z.B. in der Hochtechnologiebranche oder der Rüstungsindustrie oder an die immer stärker ins Bewusstsein von Endkunden rückenden CE Labels für fairen Handel und menschenwürdige Arbeitsbedingungen oder ökologische und nachhaltige Fertigung. Aus unserer Sicht ist das LkSG einfach nur der nächste, konsequente Schritt auf dem Weg zu einem neuen Verständnis von Supply Chain Management.
MOB: Welche Chancen soll das Gesetz bieten?
Baader: Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz leistet einen großen Beitrag dazu, für Chancengleichheit im internationalen Wettbewerb zu sorgen und sicherzustellen, dass entlang der gesamten Lieferkette humane Bedingungen gelten und auch eingehalten werden. Dabei ist es aus unserer Sicht wichtig, dass auch die Europäische Union und die Nafta-Staaten USA, Kanada und Mexiko vergleichbare Gesetze verabschieden und konsequent umsetzen.
MOB: Inwieweit eröffnet das Gesetz neue Spielfelder und Kooperationsmöglichkeiten, z.B. für Start-ups?
Baader: Wir rechnen damit, dass im Zuge der Einführung des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz der Markt für entsprechende Lösungen und Managed Services ein deutliches Wachstum erfahren wird – schließlich ist der Fachkräftemangel auch im Bereich des Supply Chain Management ein Thema. Neuerungen und Veränderungen tragen immer das Potenzial in sich, sich vom Wettbewerb zu differenzieren. Das ist auch beim Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz nicht anders: So bietet es etwa Zulieferern und anderen Komponentenherstellen die Chance, sich in ihrer Beziehung zu ihren Abnehmern neu zu positionieren und z.B. durch entsprechende Standards, Prozesse oder Schnittstellen abzuheben.
MOB: Wie machen Unternehmen schon heute ihre Beschaffungs- und Einkaufsorganisation fit für das Lieferkettengesetz 2023?
Baader: Hier sehen wir vor allem zwei Felder, in denen Firmen aktiv voranschreiten sollten:
1. Sie müssen die Digitalisierung ihrer gesamten Supply Chain in Angriff nehmen bzw. weiter vorantreiben und in entsprechende IT-Lösungen investieren, inklusive der Fortbildung der eigenen Mitarbeiter.
2. Der Aufbau und die Pflege von Partnerschaften muss Teil der eigenen Firmenkultur werden und die Vernetzung mit Partnern und Kunden muss konsequent betrieben werden. Nur so können die verschiedenen, regelmäßig im Rahmen des LkSG zu erbringenden Nachweise automatisiert und operativ effizient und ohne großen Einsatz von zusätzlicher Manpower umgesetzt werden.
MOB: Welche mobilen Technologien und Lösungen können bei der Digitalisierung der Lieferketten helfen und damit für effizientere und transparentere Prozesse sorgen?
Baader: Das sind im Endeffekt die gleichen Technologien, die bereits seit einigen Jahren ganz oben auf der Agenda von CTOs und IT-Administratoren stehen. Die Cloud löst beispielsweise das Problem der Mobilisierung von Daten auf. Man denke hier beispielsweise an Frachtscheine aus unterschiedlichen Standorten einer Firma, die mithilfe der Clouds zentral erfasst werden und so zu einer Optimierung der Lagerhaltungskosten und Bevorratung führen können. Entscheidend für das Gelingen der Digitalisierung des Supply Chain Management ist dabei neben der Qualität der Daten, die entlang der Lieferkette erhoben werden, auch der Zugriff auf diese Daten für die einzelnen Nutzer – unabhängig davon, wo sie sich aktuell befinden. Dem mobilen Datenübertragungsstandard 5G kann dabei eine Schlüsselrolle zukommen, wenn beispielsweise Anwendungen, die Analysen und Entscheidungen in Echtzeit ermöglichen, weiter an Popularität gewinnen. Ich denke da beispielsweise an Realtime Visual Tracking und andere Echtzeitservices.
MOB: Welche Rolle spielen Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik bei der Automatisierung von Lieferkettenprozessen?
Baader: Meiner Meinung nach sind heute sowohl Künstliche Intelligenz als auch Robotik absolute Basistechnologien, an denen keine Firma im Rahmen der Digitalisierung vorbei kommt, wenn es um die Automatisierung von Geschäftsprozessen geht. Da bildet das Supply Chain Management keine Ausnahme!
MOB: Welche Herausforderungen gilt es hierbei noch zu bewältigen?
Baader: Wie bereits angedeutet, sehen wir vor allem zwei Herausforderungen, die Firmen auf ihrer Reise zur Digitalen Transformation ihrer Supply Chain in der Praxis meistern müssen:
1. Sie müssen neue Lösungen und Prozesse erfolgreich implementieren – was nicht selten mit einer Anpassung der Firmenkultur einhergeht und nur dann funktionieren kann, wenn auch die Mitarbeiter aktiv auf dieser Reise mitgenommen und eingebunden werden.
2. Sie müssen die notwendigen Investitionen für die Transformation ihrer Organisation – einschließlich Fort- und Weiterbildungen sowie der Anschaffung neuer IT – aufbringen, auch oder gerade in Zeiten von sinkenden Budgets und steigendem Kostendruck. Die wachsende Beliebtheit von As-a-Service-Angeboten spiegelt diese Entwicklung wider, bei denen aus Investitionsausgaben einfach Betriebskosten gemacht werden.
MOB: Welche Trends sehen Sie in der Logistikbranche 2022?
Baader: In 2022 wird die Logistikbranche auch weiterhin mit Lieferengpässen und Kapazitätsknappheit sowie massiven Preissteigerungen zu kämpfen haben. Das Supply Chain Management muss dieses Jahr den nächsten Schritt im Zuge der Digitalisierung gehen und seine Lösungen in die Cloud heben. Die größte Herausforderung sehen wir dabei im Bereich des Fachpersonals, das über das benötigte Know-how verfügt. Aus unserer Sicht wird eine der ganz zentralen Fragen in 2022 lauten, wie stabil China als Absatz- und Beschaffungsmarkt mit seinen bedeutenden Fertigungskapazitäten sein wird. Die globale Halbleiterkrise und die Auswirkungen der No-Covid-Strategie Chinas auf die globalen Lieferketten haben zuletzt wieder die Bedeutung des Landes für den Welthandel unterstrichen.
Bildquelle: Genpact