Mittelgutes Deutschland

Der vermessene Digitalist

Eine neue Studie stellt für Deutschland lediglich einen mittleren Digitalisierungsgrad fest - es gibt zu viele Verweigerer und Skeptiker.

Der Digital-Index im Vergleich der Bundesländer

Deutschland ist in Sachen Breitband eher rückschrittlich, tut sich schwer mit Innovationen und bei der Netzneutralität hapert es auch. Aber der deutsche Digitalist gehört inzwischen zu den am besten vermessenen Protagonisten der internationalen Sozialforschung.

Grund sind die stetig umfangreicher werdenden Studien der Initiative D21. Der gemeinnützige Verein ist ein gemeinsames Projekt von 200 Mitgliedsunternehmen und -organisationen aller Branchen sowie politischen Partnern aus Bund und Ländern. Die größte Außenwirkung haben die verschiedenen, im Jahresrhythmus vorgestellten Studien.

Der (N)onliner-Atlas liefert bereits seit mehr als einem Jahrzehnt Daten zu Onlinern und Offlinern in Deutschland. Die Studie zur Digitalen Gesellschaft ist eine umfangreiche empirische Bestandsaufnahme der deutschen Gesellschaft im Informationszeitalter. Diese beiden Studien und der neue Digital-Index als Kennzahl für den  Digitalisierungsgrad Deutschlands erscheinen nun in einer Gesamtstudie.

Mehrheit ist online - selten und vorsichtig

Die Daten des “(N)onliner-Atlas” sind einfach zusammenzufassen: Die Zahl der Internetnutzer stieg wie in der vergangenen Jahren nur sehr geringfügig an, nämlich um 0,9 Prozentpunkte. Mit 23,5 Prozent sind aktuell immer noch rund 16,5 Millionen Bundesbürger nicht online. Ebenfalls altbekannt: Es sind mehr Männer, mehr Junge und mehr (formal) Gebildete online.

Doch wirklich interessant an diesen Daten sind die Einstellungen zum Internet und das Nutzungsverhalten in verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Dies ist das Thema des Studienabschnitts über die digitale Gesellschaft. Anhand der Landmarken „Zugang und Kompetenz“ sowie „Offenheit und Nutzung“ unterscheidet die Studie sechs Nutzertypen.

Trotz dieser recht peniblen und entfernt an die Sinus-Milieus erinnernden Segmentierung: Die digitiale Kluft ist deutlich zu sehen. Zwar gibt es nur etwa 28,9 Prozent Internet-Verweigerer (“Außenstehende Skeptiker”). Aber zusammen mit den „häuslichen Gelegenheitsnutzern“ (27,9 %) und den „vorsichtigen Pragmatikern“ (9,5 %) sind gut zwei Drittel der Bevölkerung noch nicht richtig in Digitalien angekommen.

Die beiden Wenignutzergruppen sehen wie die Verweigerer das Internet in erster Linie nicht als Chance, sondern als Gefahr, der - wenn überhaupt - mit Vorsicht begegnet werden muss. Sofern sie sich überhaupt intensiv über das Tagesgeschehen informieren, geschieht dies mit klassischen Medien. Die stets weniger werdenden Zeitungsabonnenten gehören in diese Gruppen, aber auch die nicht mehr jungen Vielnutzer des öffentlich-rechtlichen TV.

Die eigentlichen Digitalisten teilen sich in drei Gruppen, von denen zwei mit rund 15 Prozent gleich groß sind. Die „reflektierten Profis“ sind im Durchschnitt etwas älter und stärker am klassischen PC orientierten, für die jüngeren “passionierten Onliner” ist das Internet zu einem wichtigen Teil des Privatlebens geworden, der auch via Tablet genutzt wird.

Die mit 32 Jahren jüngste, aber mit 3,2 Prozent auch kleinste Nutzergruppe heißt “Smarte Mobilisten”. Die Studie beschreibt diese Gruppe so: “79 Prozent sind berufstätig; gleichzeitig ist der Anteil der Schüler mit 13,1 Prozent am höchsten. Charakteristisch ist, dass jeder ein Smartphone besitzt. Dieses wird durchschnittlich 16 Stunden am Tag eingesetzt. Bei der Nutzungsvielfalt zeigt sich, dass Soziale Netzwerke selbstverständlich sind.”

Digitalisierungsgrad: Maue Ergebnisse

Diesen verschiedenen Nutzergruppen sowie einzelnen Regionen und ganz Deutschland ordnet die Inititative D21 einen Digital-Index zu. Er bildet den den Digitalisierungsgrad der Gesellschaft ab. Die Kennzahl wird in vier Dimensionen ermittelt und kann auch als zusammengefasster Wert dargestellt werden. (Die Zahlen in Klammern geben den Indexwert an.)

Der „Digitale Zugang“ umfasst Hardwareausstattung sowie Art und Geschwindgkeit des Netzzugangs (54,2). Die „Digitale Offenheit“ erfasst die Einstellung der Bevölkerung zu digitalen Themen (53,9).Bei der „Digitalen Kompetenz“ geht es um Wissen und Fähigkeiten in Sachen Medien und Technik (50,3). Die „Digitale Nutzung“ gibt Auskunft über die Nutzungsintensität und Nutzungsvielfalt (40,3).

Bei den einzelnen Nutzertypen erreicht der “außenstehende Skeptiker“ den geringsten Wert (19,3). „Häusliche Gelegenheitsnutzer“ (57,1) und „vorsichtige Pragmatiker“ (58,6) haben einen mittleren Digitalisierungsgrad. Höhere Grade erreichen „smarte Mobilisten“ (69,8), „reflektierte Profis“ (71,4) und „passionierte Onliner“ (72,2). Dieser Typ erreicht interessanterweise den höchsten Digitalisierungsgrad - vermutlich wegen der umfassenden privaten und beruflichen Nutzung des Internets.

Trotzdem gilt: „Die Mehrheit der Deutschen ist noch nicht in der digitalen Gesellschaft angekommen”, meint Robert A. Wieland, Vizepräsident der Initiative D21 und Geschäftsführer von TNS Infratest. Die echten Digitalisten, die alle Arten von Computern und das Internet als selbstverständlichen Teil ihres Alltags nutzen, sind noch eine Minderheit - allerdings eine große und stetig wachsende.

Bildquelle: Initiative D21 / TNS Infratest

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