Handfester Einstieg ins Metaverse

Der Wettlauf hat begonnen

Vom Auftritt auf dem Vulkan bis hin zur „Under the Sea“-Party – nur die eigene Vorstellungskraft ist die Grenze des Möglichen im Metaverse, betont Markus Peuler, seit September 2019 CEO von NeXR Technologies SE, im Interview.

  • Markus Peuler

    Seine Karriere begann Markus Peuler als Wirtschaftsprüfer bei Deloitte in Berlin. ((Bildquelle: NeXR Technologies))

  • Startschuss

    Das Metaverse beinhaltet ein Spektrum von Technologien, die unsere Realität erweitern und neue virtuelle Räume kreieren. ((Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus))

MOB: Herr Peuler, inwieweit ist das Metaverse sagenumwoben und umstritten?
Markus Peuler:
Das Metaverse ist an sich nichts Neues. Ursprünglich stammt der Begriff aus dem Bereich des Gamings und beschreibt die Erweiterung der eigenen Realität durch nützliche Technologien hin zu einer virtuellen Realität. Somit versteckt sich hinter dem Metaverse vorwiegend ein Ansatz, technologischen Fortschritt im digitalen Raum zu nutzen. Die Definition des Bundesverbands für Digitale Wirtschaft (BVDW) fasst das Metaverse wie folgt zusammen: „Die ultimative Version des Metaverse ist ein dezentralisiertes, funktionales, beständiges und immersives digitales Ökosystem mit unbegrenzter Nutzerkapazität.“ Dabei bildet die Basis für die Umsetzung des Metaverse eine Conversion der physischen und virtuellen Welt, die unsere Gesellschaft und Wirtschaft bereichert und einen neuen digitalen Handlungsraum schafft. Alleine vom wirtschaftlichen Standpunkt aus wird durch die Nutzung von Zukunftstechnologien ein globaler Metaverse-Markt geschaffen, der bis 2030 auf eine Umsatzstärke von 680 Mrd. US-Dollar wachsen wird. Das Metaverse und entsprechende Technologien werden dazu beitragen, viele Aufgaben des Alltags anders und besser zu erledigen: sei es vom passformgerechten Einkauf von Kleidung online bis hin zu virtuellen Wohnungsbesichtigungen in realitätsgetreuer Qualität. Doch neben dem reinen technologischen Potenzial des Metaverse stehen wir aktuell vor zwei Schwierigkeiten: Zum einen wirkt das Metaverse sehr abstrakt und weit entfernt. Daher liegt eine klare Verantwortung auf Unternehmensseite, die Anwendungen und Business-Lösungen, die Zukunftstechnologien schon jetzt möglich machen, für Nutzer sichtbar zu machen. Zum anderen müssen klare Definitionen und Standards implementiert werden, die die Bedürfnisse der Nutzer in den Vordergrund stellen. Dabei denke ich vordergründig an Datenschutz, Vernetzung und Interoperabilität – aber auch an ethische Fragen, die neue digitale Welten stellen. Aus diesem Grund haben wir uns etwa dazu entschieden, dem Metaverse Standard Forum beizutreten, in dem führende Unternehmen im Bereich des Metaverse diese Themen behandeln.

MOB: Welche Technologien sind notwendig, um es zu mehr als einem Spielplatz von Mark Zuckerberg werden zu lassen?
Peuler:
Wir sind davon überzeugt, dass das Metaverse für alle Nutzer offen sein muss. Zurzeit wachsen viele Insellösungen wie Metas Horizon oder Decentraland. Um jedoch ein einflussreiches und wirtschaftliches Metaverse zu gestalten, benötigen wir vernetzte Plattformen und Systeme, in denen sich Nutzer problemlos zwischen Anwendungen bewegen können. Daher ist es ausschlaggebend für Endverbraucher und Unternehmen, frühzeitig eine technologische Standardisierung anzustreben, um übergreifende und vernetzte Lösungen zu kreieren. Das Stichwort hier: Interoperabilität.

MOB: Welche Rolle spielen an dieser Stelle beispielsweise NFTs und Virtual-Reality-Headsets (VR)?
Peuler:
NFT ist nur eins der bekannten Schlagwörter im Kontext des Metaverse. Natürlich werden NFTs, als Wertschöpfung durch digitale Besitzverifizierung, ein wichtiger Bestandteil sein. Dennoch ist es entscheidend, festzuhalten, dass jene Token nur einen kleinen Teil des Ökosystems ausmachen. Das Metaverse beinhaltet ein Spektrum von Technologien, die unsere Realität erweitern und neue virtuelle Räume kreieren. So können etwa Live-Events digitaler werden und Künstler aus allen Ecken der Welt die Möglichkeit geben, live und hautnah vor ihren Fans aufzutreten. Live-Motion-Capture-Technologien erfassen dabei die Bewegung des Performers und projizieren diese in einen digitalen Raum, der beliebig gestaltbar und veränderbar ist. Vom Auftritt auf dem Vulkan bis zur „Under the Sea“-Party – die eigene Vorstellungskraft ist die Grenze des Möglichen. Daher werden auch VR-Headsets in Zukunft eine maßgebliche Rolle beim Verschmelzen der realen und virtuellen Welt spielen. Ähnlich wie bei der Entwicklung des Smartphones sehen wir aktuell einen wahren Wettlauf darum, wer die nächste handliche und massentaugliche VR-Technologie auf den Markt bringt. Als Übergangstechnologie wird Augmented Reality (AR) weiterhin von Bedeutung sein. Sie ermöglicht den immersiven Effekt des Web 3 und erlaubt Nutzern schon jetzt, jegliche reale Strukturen durch die eigene Handykamera zu verändern. Vom Platzieren von virtuellen Ikea-Möbeln im Wohnzimmer bis hin zum Kampf gegen wilde Pokémon in der Küche – AR-Technologien erfreuen sich größter Beliebtheit, mit 1,07 Milliarden Mobilnutzern weltweit.

MOB: Wie können Unternehmen und Endverbraucher im Alltag vom Metaverse profitieren?
Peuler:
Das wirtschaftliche Potenzial für Unternehmen und damit der Anreiz, ins Metaverse einzusteigen, ist groß, da es erlaubt, vollkommen neue Wertschöpfungen zu kreieren und bestehende Geschäftsmodelle zu revolutionieren. Wir entwickeln seit mehr als drei Jahren Technologien, die es Unternehmen unterschiedlichster Branchen ermöglichen, bestehende Probleme mit Techniken des Metaverse zu lösen. Man spricht hier vom Web 2.5. So bieten wir beispielsweise auf Basis unserer proprietären Bodyscannertechnologie Unternehmen der Modeindustrie die Möglichkeit, ihren Kunden einen lebensechten Avatar anzubieten, der die Körpermaße der Nutzer genau erfasst. Somit können Endkunden mithilfe ihres Avatars Kleidungsstücke digital anprobieren und die richtige Konfektionsgröße ermitteln. Durch virtuelle Umkleidekabinen lässt sich das große Problem von Retouren reduzieren, da Nutzer schon vor der Bestellung ein genaues Bild des Produkts erhalten. Gleichzeitig kann eine Überproduktion vermieden werden, da Unternehmen exakte Daten über die Körpermaße und den Bedarf ihrer Kunden erhalten. Schlussendlich wird das Online-Einkaufserlebnis auf diese Art nicht nur angenehmer, sondern auch wesentlich nachhaltiger. Wir können hier also von einer Win-win-Situation für alle Beteiligten sprechen. Und das ist nur eines von vielen Beispielen für Avatar-basierte Lösungen oder Anwendungen. Um vom Metaverse zu profitieren, müssen sich Unternehmen fragen, welche realen Prozesse digital abgebildet oder erweitert werden können, um aktuelle Herausforderungen ihrer Branche besser zu lösen.

MOB: Welche Herausforderungen müssen Unternehmen beim Einstieg in das Metaversum bewältigen?
Peuler:
Im Grunde ist die aktuelle Entwicklung des Metaverse mit dem Internetboom der 2000er-Jahre zu vergleichen. Auch hier wurden schnell interne Ressourcen aufgebaut, um den Trend des Internets nutzbar zu machen. Unternehmen müssen sich detailliert mit dem Potenzial der Technologie auseinandersetzen und über die heutigen Lösungen hinaus an einer nachhaltigen und wirtschaftlichen Wertschöpfung arbeiten. Dabei ist es essenziell, auf die eigenen Nutzer zu achten. Wo befinden sich diese? Wie nutzen diese heute das Metaverse? Welche Geräte sind verbreitet? Nur wer seine Kunden kennt, kann sicherstellen, nicht in technologischer Euphorie an den Kunden und am Markt vorbeizuarbeiten. Mit einem „Human First Approach“ stellt man sicher, dass das Metaverse keine Fehlinvestition wird. Kernherausforderungen bleiben daher kundenzentrierte Fragen: Welches Problem meiner Kunden kann ich mit Techniken des Metaverse besser oder überhaupt lösen? Welche Technologien sind geeignet? VR oder AR? Avatare – ja oder nein? Wenn ja, Avatare in lebensecht oder stilisiert? Auf welcher Plattform bewegen sich meine Kunden?

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 07-08/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

MOB: Wie wird sich das Metaversum Ihrer Ansicht nach in den nächsten Jahren entwickeln?
Peuler:
Ich denke, dass sich zunächst die Technik, insbesondere die Hardware, schnell weiterentwickeln wird und die VR-Brille in drei bis fünf Jahren ein Massenphänomen, wie das Smartphone, sein wird. Zudem glaube ich, dass die Nutzung digitaler Avatare zunehmen wird, um das alltägliche Leben zu verbessern. Die nächsten Jahre werden uns durch den Ausbau und die Standardisierung von Plattformen und die Erweiterung von Rechnerleistungen entscheidend prägen. Gleichzeitig werden grundlegende neue rechtliche Rahmenbedingungen definiert werden müssen, um das Metaverse möglich zu machen. Dies beinhaltet den Umgang mit persönlichen Daten (die u.a. Avatare generieren), IT-Kompatibilität, Finanzprozessen und Eigentumsverhältnissen im digitalen Raum.

©2026Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok