„Fast zwei Drittel der in Deutschland erwerbstätigen Menschen wollen aus Gründen des Klimaschutzes auf Flugreisen verzichten.“ (( Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus ))
„Plattformen wie unsere versorgen Nutzer mit wichtigen Echtzeitfunktionen wie Verspätungsmeldungen“, berichtet Milena Nikolic. ((Bildquelle: Trainline))
MOB: Frau Nikolic, welchen Einfluss hat die Klimakrise auf das Reiseverhalten der Deutschen – auch in Bezug auf Geschäftsreisen?
Milena Nikolic: Traditionelle Geschäftsreisen mit dem Flugzeug sind definitiv nicht mehr en vogue. Stattdessen bieten viele Unternehmen ihren Angestellten eine immer größere Anzahl an Alternativen an, die sowohl deren individuellen Ansprüchen als auch dem gemeinsamen Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit entsprechen. Dass immer weniger Menschen dazu bereit sind, für Business-Meetings in einen Flieger zu steigen, zeigt auch eine Umfrage von Yougov, die das Meinungsforschungsinstitut im November 2021 in unserem Auftrag durchgeführt hat: Fast zwei Drittel der in Deutschland erwerbstätigen Menschen wollen aus Gründen des Klimaschutzes auf Flugreisen verzichten – in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen sind es sogar 70 Prozent. Auch 60 Prozent der befragten Unternehmen möchten zukünftig das Pensum an Geschäftsreisen insgesamt reduzieren. Wir unterstützen diese Evolution mit einer Reihe von technologischen Lösungen für den Schienenverkehr.
MOB: Wie wichtig ist Nachhaltigkeit generell in der Reisebranche – sowohl was Zulieferer und Anbieter als auch was die Reisenden selbst angeht?
Nikolic: In Deutschland steht die vielzitierte „Verkehrswende“ an: Die Regierung plant bis 2030 die Anzahl der Zugreisenden zu verdoppeln, um ihre Klimaziele zu erreichen. Eine moderne und effiziente Infrastruktur mit schnellen, verlässlichen und überregionalen Verbindungen, die sich an der Nachfrage orientieren und auf denen exzellenter Service geboten wird, ist dafür die Grundvoraussetzung. Ein offener und fairer Markt wird die Innovation an der Stelle vorantreiben und die Auswahl für die Reisegäste erweitern. Das wiederum steigert die Attraktivität von Bahnreisen und sorgt für ein Wachstum der Branche, wovon alle Beteiligten profitieren. Wie sinnvoll diese Entwicklung im Hinblick auf die Nachhaltigkeit ist, zeigt übrigens ein kleiner Vergleich: Jeder zurückgelegte Kilometer mit dem Auto verursacht rund die siebenfache CO2-Emission einer Bahnreise, mit dem Flugzeug ist sie auf gleicher Strecke sogar um mehr als das zwanzigfache höher.
MOB: In welchem Ausmaß können Daten die Verkehrswende unterstützen und welche Rolle spielen dabei offene Plattformen?
Nikolic: Die Regierungen in Europa und die einzelnen Netzbetreiber wissen natürlich, dass sie und ihre jeweiligen Ökosysteme für eine nachhaltige Strategie zusammenarbeiten müssen – inklusive des Austauschs von Daten. Die meisten europäischen Träger beteiligen sich daran bereits. Klar ist auch, dass dies der einzige Weg ist, um die Nachwirkungen der Pandemie aufzufangen, den Wiederaufbau anzukurbeln und die Passagierzahlen zu steigern. Die Zusammenarbeit ist essenziell, um die ambitionierten Wachstumsziele zu erreichen, die wir benötigen, um die von den Regierungen versprochene Klimaneutralität zu gewährleisten.
MOB: Welche Hindernisse gibt es beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Reisebranche?
Nikolic: Grundsätzlich sehe ich da keine grundlegenden Probleme. Jedenfalls sind wir mit unserer Initiative, das Reisen per Zug smarter zu machen, auf keine großen Hindernisse gestoßen. Im Gegenteil, es gibt bereits einige sehr gute Machine-Learning-Anwendungen (ML), die in der Reisebranche zum Einsatz kommen, inklusive unserer Services. Wir mussten allerdings einige Aspekte besonders beachten, etwa wie wir die verfügbaren Daten mit besonderem Augenmerk auf die Privatsphäre nutzen können und wie wir den Zugriff auf sie gestalten.
MOB: In welcher Hinsicht können mobile Geräte wie Smartphones sowie Apps die Nachhaltigkeit beim Reisen verbessern?
Nikolic: Unter der Prämisse, dass Zugreisen sich positiv auf die Klimabilanz auswirken, verbessert schon die Steigerung der Attraktivität von Zugreisen die Nachhaltigkeit. Allerdings zeigte das Eurobarometer der EU bereits vor der Pandemie, dass vor allem die Deutschen unzufrieden mit dem Bahnverkehr sind. Rund ein Viertel kritisiert z.B. die mangelnden Möglichkeiten zum Ticketkauf und fast alle wünschen sich verlässlichere Informationen zu den Abfahrts- und Ankunftszeiten. Der schnellste und kosteneffizienteste Weg, um den Zugverkehr anzukurbeln, ist meiner Meinung nach die Nutzung des Fachwissens der Anbieter von Mobilitätsplattformen, die jeden Tag an der Innovation des Schienenverkehrs arbeiten. Plattformen wie unsere versorgen Nutzer mit wichtigen Echtzeitfunktionen wie Verspätungsmeldungen. Sie bieten darüber hinaus ein vielfältigeres Angebot an Tickets und Verbindungen als die offiziellen Bezugsstellen inklusive Kombinationen verschiedener Anbieter wie Deutsche Bahn und Flix. Das hilft Nutzern, Geld zu sparen, und vereinfacht die Reiseplanung. Mobilitätsplattformen können vor allem die Zielgruppe der unter 30-Jährigen leichter überzeugen als die herkömmlichen Anbieter – mit Erfolg: Im letzten Jahr haben sich beispielsweise in Großbritannien die Online-Ticketkäufe verdoppelt.
MOB: Wie wird die reisetechnische Sommersaison in Deutschland aussehen?
Nikolic: Der Trend in Deutschland geht in Richtung „Zugreisen“, wie wir am Osterwochenende bereits sehen konnten. Es gab rund 30 Prozent mehr Passagiere in den Zügen als in der Woche davor. Im Vergleich zu Ostern 2021 stieg die Zahl der Bahnreisenden sogar um ganze 628 Prozent. Was uns auffällt ist, dass die Ticketkäufe 2021 spontaner erfolgten. Damals buchten noch fast 40 Prozent der Passagiere ihre Tickets maximal zwei Wochen vor Abreise – dieses Jahr waren es weniger als 15 Prozent. Rund jeder Dritte kaufte in diesem Jahr seine Tickets sogar bis zu zwei Monate vor Abreise. Besonders beliebt sind übrigens Auslandsreisen mit der Bahn, vor allem nach Paris.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 07-08/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
MOB: Welche Entwicklungen wird es im Bereich der Geschäftsreisen geben?
Nikolic: Nach einem fast zweijährigen Stillstand beginnt der Geschäftsreiseverkehr in diesem Jahr wieder. Wir sehen darin das Potenzial, das Verhalten der Reisenden zu verändern. Wir müssen dafür nicht einmal Anreize für nachhaltige Entscheidungen schaffen – der Wille ist ohnehin da und die Unternehmen verstehen, weshalb das Thema eine große Rolle spielt. Stattdessen fokussieren wir uns lieber darauf, Reisende zu befähigen, die nachhaltige Option zu wählen. Etwa indem wir dafür sorgen, dass die Bahn bei ihrer Reiseplanung verfügbar, präsent und attraktiv ist. Zudem stellen wir Unternehmen die Informationen bereit, die sie für die Überwachung ihres CO2-Fußabdrucks durch Reisen benötigen. Wenn wir Bahnreisen in der richtigen Weise promoten und lukrativ für die Kunden gestalten, werden sie sich von selbst verkaufen. Das ist gut für alle, die Geschäftsreisen unternehmen, für die Eisenbahnindustrie und ultimativ für die Zukunft unseres Planeten.
ist dafür verantwortlich, die Innovation und die technische Vision von Trainline voranzutreiben – mit dem Ziel, den Kunden ein nahtloses Reiseerlebnis zu bieten. Zuvor war sie zwölf Jahre lang bei Google Play tätig, wo sie die technischen Teams leitete, die für den App-Vertrieb und die Developer Experience zuständig sind.
... verbirgt sich eine unabhängige Bahn- und Busreiseplattform, die Tickets an Millionen von Reisenden weltweit verkauft. Über die Website und mobile App können Menschen ihre Reisen nahtlos an einer Stelle suchen, buchen und verwalten. Auf der Plattform werden Millionen von Strecken, Tarifen und Fahrzeiten von mehr als 270 Bahn- und Busunternehmen in 45 Ländern zusammengeführt. Kunden werden intelligente Reiseinformationen in Echtzeit für unterwegs geboten. Ziel des Unternehmens ist es, Bahn- und Busreisen einfacher und zugänglicher zu machen, um Menschen zu ermutigen, nachhaltiger zu reisen.