Digitaler Kampf gegen Plastik

„Der Wind dreht sich"

Mit ihrer digitalen Handelsplattform möchten Christian Schiller, CEO von Cirplus, und sein Mitstreiter Volkan Bilici Plastikmüll den Kampf ansagen. Wie das genau funktionieren soll, erklärt der Unternehmenschef im Interview mit MOBILE BUSINESS.

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    Kunststoff landet auf Deponien, in der verbrennung, wird in andere Länder verkauft oder landet schlimmstenfalls im Meer. ((Bildquelle: Gettyimages/iStock))

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    Sie haben das Unternehmen gegründet: CTO Volkan Bilici (li.) und CEO Christian Schiller. ((Bildquelle: Cirplus))

MOB: Herr Schiller, welchen Stellenwert besitzt das Thema „Plastikmüll“ anno 2019 in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft?
Christian Schiller: Weltweit rangiert das Thema „Plastikmüll“ laut Google-Trends mittlerweile kontinuierlich vor C02-Emissionen als Umweltproblem, in Deutschland sogar mit großem Abstand. Mit der Verabschiedung der EU-Plastikstrategie im Januar 2018, dem Verbot von Einwegplastik und dem Inkrafttreten des deutschen Verpackungsgesetzes hat sich nun auch die Politik dem Problem in einem ersten ernstzunehmenden Anlauf angenommen. Und auch Unternehmen reagieren zunehmend: Jüngstes Beispiel ist die öffentlichkeitswirksame Selbstverpflichtung von Adidas, ab 2024 nur noch recycelte Kunststoffe zu verwenden. Der Wind dreht sich und es besteht die reale Chance, endlich eine funktionierende Kreislaufwirtschaft für Plastik in Gang zu bekommen.

MOB: Was sind in Ihren Augen die großen Fehler, die in den letzten Jahren gemacht wurden?
Schiller:
Die Weltwirtschaft scheut keine Kosten und Mühe, aus Rohöl Kunststoffprodukte zu entwickeln, doch beim Thema „Entsorgung“ werden Augen und Ohren verschlossen. Der Kunststoff landet auf Deponien, in der Verbrennung, wird in andere Länder verkauft oder landet schlimmstenfalls im Meer. Bisher fehlte der Anreiz, den vermeintlichen Abfall wirtschaftlich zu verwerten – das ändert sich durch verändertes Konsumentenbewusstsein und die Gesetzgebung gerade massiv. Deshalb wollen wir jetzt recyceltem Kunststoff mit unserer Digitalplattform Cirplus zum Durchbruch verhelfen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5-6/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

MOB: Vor welchem Hintergrund haben Sie das Unternehmen gegründet? Was war der konkrete Ausschlag?
Schiller:
Nach meiner Zeit bei BlaBlaCar reiste ich ein Jahr um die Welt, u.a. segelte ich von Kolumbien nach Panama – dabei geriet ich im Januar 2018 in einen riesigen Teppich aus Kunststoffabfällen. Dieses Erlebnis gab mir den Denkanstoß, wodurch ein halbes Jahr später die Idee zu Cirplus entstanden ist. Zusammen mit meinem Mitgründer Volkan Bilici konnte aus der Idee die Plattform entstehen.

MOB: Was darf man sich unter Ihrer Plattform konkret vorstellen? Wie funktioniert sie?
Schiller:
Es handelt sich um einen digitalen Marktplatz für recycelte Kunststoffe. Kunststoffverarbeiter und Brand Owner können über Cirplus ihre Kaufgesuche aufgeben und wir suchen nach geeigneten Anbietern aus der Recyclingbranche. Diese Verkäufer können so neue Absatzmärkte im In- und Ausland erschließen und ihrerseits auch nach geeigneten Produktions-, Industrie- und Konsumentenabfällen suchen.

MOB: Welche Rolle spielt für Sie das Thema „Mobility“?
Schiller:
Bei der Komplexität der Transaktionen im Kunststoffbereich sehen wir die Plattform in erster Linie als Desktopanwendung. Denkbar für die Zukunft ist, Analyse-Tools wie z.B. den Preis- und Mengenvergleich über eine App darzustellen.

MOB: Wie weit ist die Digitalisierung generell in der Recyclingbranche vorangeschritten?
Schiller:
Sehr gering. Eine Studie von Roland Berger im Auftrag des BMU aus dem Jahr 2016 listet die Unternehmen der Kreislaufwirtschaft als am wenigsten vorangeschritten auf unter all denen in der Greentech-Branche. Und diese Erfahrung machen wir auch ganz konkret: Geschäftsabwicklung per Telefon und Faxgerät ist der Standard, der Einsatz des Internet-Explorers begegnet uns auch noch sehr oft.

MOB: Wie schätzen Sie die Plastikstrategie der EU und damit den Einsatz von Altplastik für die Zukunft ein?
Schiller:
Positiv. Die EU macht Ernst und will Angebot und Nachfrage von Rezyklaten wirklich in Gang bringen, nicht zuletzt aus wohl verstandenem Eigeninteresse. Seitdem China und andere asiatische Länder die Importe von EU-Plastikmüll untersagt haben, schwimmt die EU in Abfällen. Zwar sieht man auch Ausweichbewegungen des Mülls hier auf andere Länder, aber die EU will Industrie und Verbraucher dazu bewegen, die Abfälle vor Ort zu recyceln und in den Produktionskreislauf zurückzuführen.

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