Der Einfluss von Apple Pay

„Deutschland ist kein ‚iOS-Land‘“

Im Interview erläutert Ercan Kilic, Leiter Competence Center E-Commerce und Payment bei GS1 Germany, was der Markteintritt von Apple Pay, Google Pay und Co. für das Thema „Mobile Payment“ in Deutschland bedeutet.

Ercan Kilic, Leiter Competence Center E-Commerce und Payment bei GS1 Germany

„Deutschland ist mit einem Marktanteil von unter 20 Prozent kein ‚iOS-Land‘“, so Ercan Kilic von GS1 Germany im Interview.

Herr Kilic, an welcher Stelle steht Deutschland derzeit im Bereich „Mobile Payment“ im Vergleich zu anderen europäischen Ländern?
Ercan Kilic:
Deutschland steht im Vergleich zu vielen anderen Märkten wie China, Südkorea, Großbritannien, USA, Schweden, Dänemark, Frankreich, Spanien noch am Anfang der Entwicklung. Mobile Payment hat in unserem Land ein enormes Aufholpotential. Mit dem Durchbruch und der zunehmenden Nutzung von kontaktlosen Bezahlmöglichkeiten per Karte wird es mittelfristig bei der Mobilisierung der Bezahltransaktionen aufschließen können, wenngleich der Bargeldanteil in Deutschland weiterhin hoch bleiben wird. Bargeld wird Jahr für Jahr ca. 1,5 bis 2 Prozent verlieren. Das ist Voraussetzung für Mobile Payment. Erst der regelmäßige und geübte Umgang mit der Bezahlung via Karte führt zur Nutzung von aktuellen Mobile-Payment-Angeboten, wie Apple Pay, Google Pay, Payback Pay und Co.

Was waren die bisherigen Bremsklötze für das mobile Bezahlen in Deutschland?
Kilic:
Banken und kartenausgebende Finanzinstitute waren bisher prädestiniert für das Anbieten von Mobile-Payment-Verfahren in Deutschland. Diese haben es tatsächlich verpasst, ihre eigenen Lösungen frühzeitig in den Markt zu führen. Oft genannter Grund hierfür: das Fehlen von Kontaktlos-Terminals (NFC) im Handel. Tatsächlich hat der Handel aber sehr früh und flächendeckend begonnen, seine Terminals mit der NFC-Technologie auszustatten und zudem seine Mitarbeiter zu schulen. Alle großen Handelsketten setzen schon seit einiger Zeit NFC-Terminals ein. Wir haben seit 2013 mehrere Studien zum Thema „Mobile Payment und NFC“ durchgeführt und veröffentlicht. Diese ergaben, dass spätestens 2019 über 80 Prozent der Kassen-Terminals in deutschen Läden NFC-fähig sein werden.

Vielmehr liegt die Ursache bei den doppelten Kosten, die für Banken entstehen, wenn ein Bankkunde seine Käufe statt wie bisher über Karte nun auch über das Smartphone begleichen möchte. Also bei der Digitalisierung der Bezahlkarte auf dem Smartphone. Die Banken haben also zusätzliche Kosten für einen Service, den sie ihren Kunden anbieten, ohne dabei mehr Umsatz mit eben diesen Kunden zu machen – was aus Bankensicht kurz- und mittelfristig aus nachvollziehbaren Gründen zunächst keinen Sinn macht. Langfristig ist das Anbieten einer Mobile-Payment-Lösung als effiziente Kundenschnittstelle allerdings unabdingbar. Denn in Zeiten, in der sich zunehmend junge Menschen fragen, wofür sie noch eine Bankfiliale aufsuchen sollen, ist diese Bezahlmethode für die Kundenbindung unersetzbar.

Banken und Finanzinstitute haben sich bisher schwergetan, Teile der Wertschöpfung an andere Player abzugeben. Der Druck auf die Finanzinstitute hat nun eine Dimension erreicht, bei der die ersten Banken mit den Mobile-Payment-Anbietern kooperieren. Ein Vertreter der Bankenverbände hat einmal gesagt, dass nur schwache Finanzinstitute mit den globalen Mobile-Payment-Anbietern kooperierten. Die Frage, die sich nun stellt, ist: Werden es die eigenen Lösungen und Wallets der deutschen Banken und Finanzinstitute schaffen, sich gegenüber den großen Global Playern durchzusetzen? Meiner Meinung nach sind eine Koexistenz und Kooperationen wahrscheinlicher und zielführender.

Der große, ja fast schon überraschende Erfolg, den die Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken mit der Einführung der eigenen Mobile-Payment-Lösung und der Girocard haben, zeigt, dass Deutschland schon viel eher für kontaktloses bzw. mobiles Bezahlen bereit war. Hier wird die Zeit zeigen, ob der Zeitpunkt für die Markteinführung der Mobile-Payment-Lösungen der Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken richtig gewählt war oder ob die Teilnehmer wichtige Marktanteile verloren oder gar den Zug komplett verpasst haben.

Wie sehen hingegen die treibenden Faktoren aus?
Kilic:
Die treibenden Faktoren sind die Anforderungen der Verbraucher, die immer flexibler einkaufen und bezahlen möchten, die dazu erforderlichen Technologien sowie die Unternehmen, die hier eine Vorreiterrolle annehmen und Lösungen auf den Markt bringen. NFC und die zunehmend intensive Smartphone-Nutzung durch den Konsumenten gehören ebenso dazu wie Finanzinstitute, die jetzt ihre eigenen Lösungen in den Markt führen oder mit den bekannten Plattformen kooperieren. Sicherlich haben die großen Kreditkartenorganisationen Mastercard und Visa wichtige Pionierarbeit geleistet, was Kontaktlostechnologie auf der einen, aber auch Akzeptanz und Vertrauen für innovative Bezahlverfahren bei Kunden auf der anderen Seite anbelangt.

Welchen Einfluss übt beispielsweise der Markteintritt von Zahlungssystemen wie Google Pay (Juni 2018) und jetzt auch Apple Pay (Dezember 2018) auf die Nutzerzahlen von M-Payment aus? Wie schätzen Sie die Wichtigkeit jener Zahlungssysteme ein?
Kilic:
Der Markteintritt von Apple Pay, Google Pay und Co. zusätzlich zu Payback Pay, Starbucks Pay, Bluecode und weiterer Bezahldienste führt dazu, dass Konsumenten noch stärker und intensiver mit dem Thema Mobile Payment in Berührung kommen. Die große Kommunikationsreichweite und Marketing-Power der Global Player führen voraussichtlich zu einer stärkeren Wahrnehmung der Kunden des Themas Mobile Payment und seiner Möglichkeiten. Apple Pay und Google Pay werden somit zu noch mehr der Dynamik im Markt beitragen.

Händler sehen sich vor der Herausforderung, dass diese Bezahldienste einen größeren Einfluss auf den aktuellen Zahlungsmix und künftig auf das Kaufverhalten der Verbraucher haben und damit langfristig zunehmend Einfluss auf die Kundenströme gewinnen können. Händler werden die Bezahlmethoden und Verfahren akzeptieren, mit denen Kunden ausgestattet sind, und in die Filialen kommen bzw. im Online-Shop bezahlen möchten.

Was ist den Nutzern solcher Lösungen besonders wichtig?
Kilic:
An erster Stelle sind das die Sicherheit und Einfachheit bei der Freischaltung und Nutzung. Die Nutzer erwarten außerdem eine intuitive Benutzerführung, Gebühren- und Kostenfreiheit sowie Mehrwertdienste innerhalb der Bezahllösung. Die Transaktion muss schnell und transparent erfolgen und natürlich überall einsetzbar sein.

Warum hat Apple Pay hierzulande so lange auf sich warten lassen? Welches Kalkül steckt Ihrer Meinung nach dahinter?
Kilic:
Deutschland ist mit einem Marktanteil von unter 20 Prozent kein „iOS-Land“. Das Potential für Apple Pay war also auf aufgrund des geringen Marktanteils bei den Smartphones verglichen mit anderen Ländern wie der Schweiz oder Dänemark relativ niedrig. In der Schweiz etwa liegt der Marktanteil für Apple bei knapp 60 Prozent. Außerdem ist die Verbreitung von Kreditkartenzahlungen in Deutschland gegenüber Zahlungen mit einer Debitkarte wie der Girocard mit knapp sieben Prozent vergleichsweise gering – wenngleich sie in den vergangenen Jahren stetig gewachsen ist. Hinzu kam natürlich die starke Position der kartenausgebenden Finanzinstitute, die nicht bereit waren, vermeintliche Wertschöpfung an den Transaktionen oder die Kundenschnittstelle an die Global Player abzugeben oder auch das eigene Debit-Schema zu schwächen. Eine kritische Masse an NFC-Terminals im Markt war sicherlich auch ein wichtiger Grund.

Wie ist es um die Sicherheit jener Lösung bestellt?
Kilic:
Die Sicherheit hat viele Aspekte. Grundsätzlich ist das Bezahlen mit Apple Pay oder Google Pay genauso, wenn nicht sogar sicherer, als eine klassische Kartenzahlung. Hierzu kann der Nutzer selber beitragen, indem er Sicherheitsstufen einstellt, die das Bedienen gleichzeitig komfortabler oder sicherer machen. So ist bei Beträgen unter 25 Euro die Transaktion durch Touch-ID gesichert. Bei Beträgen darüber ist die Eingabe einer PIN auf dem Terminal erforderlich und die Transaktion zuvor zusätzlich durch Touch-ID gesichert. Aber auch das einfache „Tap & Go“ mit Google Pay oder mit der Mobile-Payment-Lösung der Sparkassen ist möglich – genauso wie bei einer Kontaktlos-Girocard heute auch.

Inwieweit wird sich Apple Pay Ihrer Ansicht nach hierzulande durchsetzen?
Kilic:
Apple Pay wird sicherlich eine wesentliche Rolle im Markt einnehmen. Mit einem iOS-Marktanteil von unter 20 Prozent wird es aber genügend Raum für starke Player wie Google Pay und Payback Pay ebenso wie für eigene Lösungen der Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken sowie weiterer Anbieter geben.

Und wie wird sich anno 2019 generell der Mobile-Payment-Markt in Deutschland entwickeln?
Kilic:
2019 werden die Zahlungen mit dem Smartphone zunehmen. Wir werden die ersten Mehrwertdienste wie Coupons und Loyality-Angebote in den Wallet-Lösungen der Anbieter erleben. Mobile Payment wird außerdem Einfluss auf die Bezahlangebote im Internet ausüben, etwa bei In-App-Käufen und im klassischen E-Commerce. Vorstellbar ist auch, dass sich neben dem Handel weitere Anwendungen für Mobile Payment etablieren, wie z.B. das Mobile Ticketing im öffentlichen Personennahverkehr. Spannend wird sicher sein, wie sich der Handel zum Thema „Mobile Payment“ positioniert und hier weiter agiert. Mit dem unter dem Dach von GS1 Germany konzipierten Bezahlsystem Hippos arbeitet der Handel bereits an einer händlerübergreifenden Infrastruktur für Sepa-Instant-Payment-Lösungen via Mobile.

Bildquelle: GS1

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