Für alles gibt es heutzutage eine App - doch wie können Anwender eine gute App unter vielen erkennen?
Auch wenn man heute unter einer „App“ etwas anderes versteht, enthielten schon die ersten „klassischen“ Mobiltelefone – z.B. mit einem Kalender oder einfachen Spielen – eine kleine Handvoll Anwendungen, die vorausahnen ließen, was auf diesem Gebiet vielleicht noch möglich sein würde. Gut 20 Jahre nachdem Siemens und Nokia die ersten Multimediatelefone auf den Markt gebracht haben, ist der App-Markt inzwischen explodiert und die Anzahl an Anwendungsbereichen scheint stetig zu wachsen.
Natürlich hatten und haben auch Corona und der Lockdown auf die Smartphone-Nutzung erheblichen Einfluss. Anwendungen wie Tiktok, Signal, Whatsapp, Zoom oder das kontroverse Telegram stehen derzeit bei deutschen Anwendern hoch im Kurs und zeigen, dass Apps u.a. genutzt werden, um schnell – und im Zweifel unverbindlich – soziale Kontakte zu pflegen und sich mit der Umwelt zu vernetzen. Schaut man sich darüber hinaus die aktuellen Download-Zahlen deutscher User an, fällt auf, dass mit Luca, ImpfpassDE oder der Corona-Warn-App Dienste gefragt sind, die es vereinfachen sollen, sich im aktuellen Pandemiegeschehen besser zurechtzufinden. Und auch im Business-Umfeld werden Apps immer wichtiger, denn oftmals führt der schnellste Weg, mit potenziellen Kunden oder Geschäftspartnern in Kontakt zu treten, über das Smartphone.
Eric Meurers ist Gründer und CEO der Digitalagentur Interlutions und bemerkt im eigenen Unternehmen, dass seine Kunden auf den Lockdown mit Digitalisierungsprojekten reagieren. „Insgesamt werden bei uns seit Pandemiebeginn in allen Bereichen mehr Projekte nachgefragt. Vor allem E-Commerce-Projekte, virtuelle Showrooms und Events sowie Apps spielen dabei eine große Rolle“, stellt er fest. Das betreffe auch die Nachfrage nach Apps. So habe etwa einer seiner Kunden aus der Lebensmittelbranche seit der Pandemie seinen Umsatz mit Lieferungen verzehnfachen können und nun eine komplette Neukonzeption seiner App angefragt.
Gerade in der heutigen Zeit und vor dem aktuellen Hintergrund können also mobile Anwendungen Kunden und Händlern einen echten Mehrwert bieten – wenn sie es nur schaffen, sich von der Masse abzuheben. Doch kann das heutzutage überhaupt noch gelingen? „Auf jeden Fall“, ist sich Thomas Bopst, Software-Architekt bei Merkle, sicher. Entscheidend, so erklärt er, sei das Gesamtpaket aus User Experience, ansprechendem Design und guter Performance. „Denn ein starkes Appstore- und Playstore-Ranking hilft enorm, und die ‚Empfehlung der Redaktion‘ von Google bzw. eine ‚Featured‘-Badge von Apple sollten das ultimative Ziel sein“, führt er aus. Support für Dark Mode und Tablets können ihm zufolge eine App weiter von der Konkurrenz abheben. Auch zwei echte „Geheimtipps“ hat der Experte in petto: „Als Instant Apps/App Clips müssen die nativen Mini-Apps nicht einmal installiert werden und per App-Indexing tauchen Inhalte einer Anwendung in den Google-Suchergebnissen auf.“ Doch bei all dem, so ergänzt Bopst als kleine Warnung, dürfen die App-Berechtigungen nicht aus dem Ruder laufen, denn für viele User sei Privatsphäre heute ein entscheidender Faktor.
Für Christian Schmidt, der bei Interlutions als Creative Director tätig ist, hängt die Frage mit dem jeweiligen Business-Modell, der Website oder dem Shop zusammen, da häufig das Alleinstellungsmerkmal einer App gleichzeitig das Alleinstellungsmerkmal des eigentlichen Business sei. „Die App von Adidas hebt sich von der Konkurrenz ab, weil die Produkte von Adidas sich von der Konkurrenz abheben“, betont er. Mit einem ausgezeichneten Konzept, toller Usability, guter Nutzung der Handy-spezifischen Soft- und Hardware – die durchaus nicht bei jeder App selbstverständlich seien – leiste man als Anbieter einer App bereits sehr viel, ohne dass es herausragender Innovationen aus den Bereichen „Virtual Reality (VR)“, „Künstliche Intelligenz (KI)“ oder eines neuartigen Spiels bedürfe. Entscheidend, so Schmidt weiter, sei immer der Nutzen für den Kunden. „Denn die tollste Idee mit dem abgefahrensten Konzept nutzt nichts, wenn die App nicht intuitiv und flüssig läuft“, fasst er prägnant zusammen.
Gut beraten ist hier also, wer sich auf das Wesentliche fokussiert und nicht die Endnutzer mit überbordenden App-Funktionalitäten überfordert oder gar abschreckt. Ein Zahn, den App-Entwickler dem einen oder anderen Auftraggeber erst „ziehen“ müssen. Die größte Herausforderung sei denn auch, dass Kunden den Aufwand oft unterschätzten, so Thomas Bopst von Merkle, denn auf dem Smartphone wirken fertige Apps kompakt und unkompliziert – der Weg dorthin sei meist alles andere. „Im Optimalfall arbeiten Consultants, UX/IX-Designer, Tekkies und Kunden interdisziplinär zusammen, was allen Beteiligten ordentlich Hirnschmalz abverlangt“, beschreibt er die Herangehensweise.
Er selbst beobachtet bei Kunden, dass diese in der Regel eine konkrete Vorstellung ihrer Wunsch-App haben, es jedoch teilweise an der Mobile-Expertise, etwa hinsichtlich technischer Limitierungen, Designkonventionen oder User Experience, fehle. Der eine oder andere Zahn sei dann tatsächlich zu ziehen, manchmal müsse das Konzept sogar komplett überarbeitet werden. Eine Herausforderung, die er allerdings nur zu gern annimmt: „Kunden bei so unterschiedlichen und spannenden Projekten zu beraten und ihnen am Ende mit einer starken App zum Erfolg zu verhelfen, macht für uns gerade den Reiz aus!“
„Grundsätzlich sind ja alle Wünsche erlaubt und irgendwie auch umsetzbar“, findet auch Interlutions-CEO Meurers. „Aber gern challengen wir die Anforderungen an eine Anwendung auch vorab und während des laufenden Projekts mit Befragungen von Kunden und Mitarbeitern und mit einer Kosten-Nutzen-Analyse in Workshops“, ergänzt er. Außerdem mache es oft Sinn, Prototypen zu entwickeln und mit einem Minimum Viable Product (MVP) mit nur wenigen Features zu starten.
Diese Empfehlung teilt Thomas Bopst. Er beobachtet, dass vor allem zu Beginn eines Projekts Kunden dazu neigen, sämtliche Ideen und Funktionen unterbringen zu wollen. Auch er rät dazu, eher mit einem MVP zu starten, anfangs nur die essenziellen Funktionalitäten einzubauen und dann von Feedback und Analytics zu lernen. „Das Augenmerk sollte z.B. darauf liegen, wann User die App schließen, welche Funktionen häufiger verwendet werden und welche Features sie sich explizit wünschen“, so sein Rat.
Oftmals, ergänzt Meurers Kollege Christian Schmidt, werde bei der Entwicklung auch nicht zwischen Desktop und mobiler User Experience unterschieden. Schon bei einfachen Dingen wie der Navigation sollte hier voll und ganz auf „mobile first“ gesetzt werden. „Der allseits beliebte ‚Hamburger Button‘ für die Menüliste, der meist in der oberen rechten Ecke verortet ist, funktioniert auf vielen mobilen Devices nicht“, ärgert sich der Creative Director. Diese seien nämlich mittlerweile so groß geworden, dass die User ihn mit ihrem Daumen gar nicht so einfach erreichen könnten. Daher verorteten einige der erfolgreichsten und größten Apps wie Airbnb, Amazon und Ebay die wichtigsten Navigationselemente am unteren Rand des Screens. Weitere wichtige Punkte für die Usability sind Schmidt zufolge eine einfache intuitive Bedienung, schneller Zugang zu gewünschten Informationen und kurze und einfache Eingabewege bei Formularen.
Ein Konzept, das helfen kann, eine Anwendung von der Konkurrenz abzuheben, ist z.B. Gamification. Dabei werden Prinzipien und Mechanismen aus der Gaming-Welt auf Anwendungen und Prozesse übertragen, die eigentlich keinen spielerischen Kontext haben. Diesen Trend haben die Interlutions-Experten Meurers und Schmidt schon vor längerer Zeit erkannt, da er spannende Möglichkeiten biete, die Nutzer in einem positiv gestimmten Kontext zu bestimmten Handlungen zu bewegen, ohne dass diese sich dazu gezwungen fühlen. Gamification sei in nahezu jedem Bereich einsetzbar, sind sich die beiden sicher. Sie hätten z.B. bereits Heizungsinstallateuren mit einer Spielsimulation die Fernwartungs-Software von modernen Heizungssystemen erklären können, Automobilvertretern mit einem Action Game die Funktionen eines neuen Car-Entertainment-Systems nähergebracht und Mitarbeiter in verschiedenen Technologie- und Pharmakonzernen dazu gebracht, sich mithilfe von spielerischen Quiz-Challenges mit Compliance-Regeln zu beschäftigen.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5-6/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Die rasante digitale Entwicklung bei gleichsam immer höheren Bandbreiten verschiebt die Grenzen des technisch Möglichen immer weiter, doch im Fokus steht die UX. „Nutzer von heute erwarten von einer zeitgemäßen und modernen App, dass diese nicht nur flüssig funktioniert, sondern auch intuitiv und schnell zu bedienen ist und dazu ein besonderes mobiles Nutzererlebnis mit sich bringt. Tut sie das nicht, schlägt sich das z.B in negativen App-Store-Bewertungen nieder, was weniger App-Installationen zur Folge hat“, konstatiert Eric Meurers von Interlutions.
Während 5G, Immersion und KI einen großen Einfluss auf den zukünftigen App-Konsum haben, steht dennoch fest, dass die Entscheidung für oder wider den Erfolg einer App vor dem Display fällt. Ein paar Ärgernisse bei der Nutzung können schnell dazu führen, dass der User nach einer Alternative sucht – diese ist im Zweifel mit nur ein paar mal Wischen rasch gefunden.
Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus