Nix to the Home (NTTH)

Die Breitbandkatastrophe und ihre Abwehr

Wird das noch was mit Breitband? Es sieht nicht danach aus, doch jetzt sind zwei neue Akteure im Spiel.

Hilfe! Wir sind in einer Zeitschleife gefangen. Zumindest für die Leser der Pressemitteilungen des Bundesverbandes Breitbandkommunikation (Breko) ist das so. Die Inhalte wiederholen sich Jahr für Jahr: Der Verband beklagt das kriechend langsame Wachstum der Glasfaserinfrastruktur, nörgelt über das Beharren der Telekom auf Kupferkabel und mahnt, dringend den Ausbau von FTTH (Fiber to the Home, Glasfaser in jeden Haushalt) zu beschleunigen - jetzt sofort, noch in diesem Jahr.

Das geht schon seit 2009 so und die seit einiger Zeit erscheinenden Studien fügen der Katastrophe noch eine neue Facette hinzu. So kommt die aktuelle Breitbandstudie 2016 zu dem Ergebnis, dass es nicht mehr gelingen wird, bis 2018 alle Haushalte mit einer Bandbreite von 50 Megabit pro Sekunde zu versorgen. Der Verband geht davon aus, dass bestenfalls 85 Prozent der Haushalte ein Anschluss dieser Art haben werden.

Der Grund liegt im Großen und Ganzen am Gerangel zwischen der Telekom und den größtenteils im Breko zusammengeschlossenen Alternativanbietern, die im Unterschied zu ihrem großen Konkurrenten auf Glasfasernetze setzen. Aus Sicht des Breko gibt es für die Breitbandkatastrophe unterschiedliche Gründe, in erster Linie aber den in den letzten Jahren verstärkten Doppelausbau bereits angeschlossener Gebiete.

Etwas vereinfacht ausgedrückt: Breitbandanschlüsse rechnen sich in den Ballungszentren schneller und deshalb liegen genau dort bereits entsprechende Kabel. Sie gehören nicht in jedem Fall der Telekom und der Ex-Monopolist baut genau dort verstärkt seine Netze aus, um den Konkurrenten möglichst wenig Kunden zu überlassen. Die Konsequenz: Ein Großteil der Investitionen für den Breitbandausbau gehen in bereits erschlossene und nicht in vernachlässigte Gebiete.

Nach Ansicht von Insidern wird die Telekom gerne in Kommunen aktiv, die in Eigenregie Glasfaser ausbauen wollen. Vor dem Entscheid zum Ausbau war die Telekom nicht in der Lage, mehr als Mager-DSL zu liefern, nach dem Entscheid geht es plötzlich doch - wenigstens bis 50 Megabit. Das ist zwar weit von der zukünftigen Gigabit-Klasse entfernt, aber oft besser für die Gemeindekasse.

Diese Situation hat wenig mit den von Politik und Wirtschaft permanent wiedergekäuten Zukunftsszenarien zu tun - sei es Industrie 4.0, Internet der Dinge, datengetriebene Geschäftsmodelle, Smart Services oder andere Buzzwords. Das seit mehr als zehn Jahren das Breitbandnetz bloße Ankündigung bleibt, sorgt für Unruhe.

Unruhe in Brüssel, Hilfe aus Schweden

Zum Beispiel in Brüssel. Die europäische Kommission will bis 2025 die europaweite Versorgung mit Breitband in Übertragungsraten von mindestens 100 Megabit je Sekunde erreichen. Und zudem sollen Anschlüsse dieses Typs problemlos auf ein Gigabit aufgestockt werden können.

Dafür will die EU-Kommission den Wettbewerb, aber auch die Regulierungsbehörden stärken. Sie sollen alle drei Jahre die Fortschritte im Netzausbau überprüfen. Vor allem soll es Strafen geben, wenn ein Projekt nur aufgesetzt worden ist, um eigene Initiativen von Kommunen oder Kreisen auszubremsen.

Zudem soll es gewisse Privilegien für Ko-Investitionsprojekte geben, bei denen sich mehrere Betreibergesellschaften die Kosten für den Ausbau teilen und gegenseitig Zugang gewähren. Die Wettbewerber sollen freien Zugang zu den vorhandenen Leerrohren der ehemaligen Monopolisten erhalten. Man könnte hier fast von einer „Lex Telekom“ reden.

Passenderweise bildet sich zurzeit ein neuer Konkurrent für den Konzern: Die ViaEuropa Deutschland GmbH, eine Gründung der Netz-Promis Anke und Daniel Domscheit-Berg. Die deutsche Niederlassung der schwedischen ViaEuropa Sverige AB will hier Glasfasernetze nach dem erfolgreichen schwedischen Modell aufbauen, das besonders an kleinere Städte und dünn besiedelte Gebiete angepasst ist.

Die Schweden haben ein vollkommen anders Betreibermodell. Die Kommunen sind für den Aufbau der Glasfasernetze verantwortlich und übergeben den Betrieb an andere Unternehmen, beispielsweise Stadtwerke oder Telekommunikationsunternehmen. Der Betreiber ist allerdings nicht für den Internetzugang verantwortlich. Auf einer speziellen Diensteplattform können die Nutzer Dienste von unterschiedlichen Anbietern buchen.

Dank eines vollautomatisierten Netzwerkmanagements dauert beispielsweise ein Vertragswechsel nur wenige Sekunden. In Schweden bietet das Unternehmen etwa 100 Serviceprovider aller Art an. Durch die hohe Preistransparenz und die starke Konkurrenz der einzelnen Anbieter kosten selbst Gigabit-Anschlüsse nur 50 Euro im Monat.

Bildquelle: Thinkstock

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