„Künstliche Intelligenz spielt im smarten Wohnumfeld eine bedeutende Rolle“, betont Michael Schidlack.
MOB: Herr Schidlack, inwieweit haben die Deutschen ihre Wohnungen bereits intelligent vernetzt und nutzen Smart-Living-Dienste? Und wie will das Projekt „Foresight“ intelligentes und vorausschauendes Smart Living hierzulande vorantreiben?
Michael Schidlack: Die erste Frage ist grundsätzlich schwierig zu beantworten, da belastbare Erhebungen noch nicht vorliegen. Für das Projekt sind vor allem zwei Faktoren entscheidend für das Gelingen, um das Wohnen der Zukunft nach Deutschland zu bringen: Foresight ist zum einen mit über 75 namhaften Partnern das größte nationale Netzwerk für die Forschung am intelligenten, vollvernetzten Wohnen. Zum anderen entwickelt das KI-Projekt eine leicht anzuwendende Methodik für Smart-Living-Lösungen. Mit dieser Methodik erreichen wir ein übergreifendes Zusammenspiel aller bereits existierenden Herstellersysteme. Die Partner folgen der im Forschungsprojekt entwickelten Idee eines gemeinsamen Datenraums für Wohngebäude. Mit diesem gemeinsamen Datenraum – dem „Dataspace“ – lassen sich Daten aller Systeme ablegen, nach Autorisierung kombinieren und damit smarte Services auf Basis von Künstlicher Intelligenz (KI) entwickeln. Für die Regeln, nach denen das geschieht, entwickelt das Projekt die sogenannte „Toolbox“. Sie beinhaltet jede Menge technologisches Know-how, ausgereifte KI-Methodiken, berücksichtigt aber auch soziale und ethische Aspekte. Ziel ist eine Plattform, die herstellerneutral von allen Unternehmen ganz gleich welcher Größe oder Branche genutzt werden kann, praktikabel in der Handhabung ist und gleichzeitig einen großen Nutzen stiftet.
MOB: Welche Smart-Living-Anwendungen stehen dabei im Fokus?
Schidlack: Der Bedarf des Angebots von Smart-Living-Diensten bei der Wohnungswirtschaft und den Bewohnern ist groß. Bei der Umsetzung und Entwicklung ist es vor allem wichtig, die Bedürfnisse der Mieter zu bedienen. Das KI-Projekt hat kürzlich eine Studie zur Akzeptanz von KI-gestützten Anwendungen in Gebäuden bei Mietern unterschiedlicher Altersgruppen und Haushaltstypen vorgelegt. Hierzu wurden aus den Use Cases im Bereich „intelligenter Gebäudepförtner“ die KI-gestützte automatische Türöffnung, aus dem Bereich „smartes Energiemanagement“ der KI-gestützte Energiemanager und aus dem Bereich „smarte Assistenz“ der KI-gestützte Ernährungsmanager genauer betrachtet und die Akzeptanz nach qualitativen empirischen Erhebungsmethoden und qualitativen Bewertungen abgefragt. Auf die höchste Akzeptanz traf der Bereich „Energiemanagement“. Ein Tool zur Überwachung des Energieverbrauchs wurde von allen Teilnehmern als positiv bewertet. Das Projekt trifft mit den Themen „Energieersparnis“ und „CO2-Reduktion“ den Nerv der Zeit. Es arbeitet an den unterschiedlichsten Anwendungen – allerdings nicht nur an Smart-Living-Lösungen für Bewohner; auch die Wohnungswirtschaft steht im Fokus. Insbesondere Unternehmen profitieren von einem gemeinsamen herstellerübergreifenden deutschen und europäischen Datenraum; hier sind trotz der vielen Vorteile und der Möglichkeit einer hohen Wettbewerbsfähigkeit im hart umkämpften internationalen Smart-Living-Markt die Akzeptanzbarrieren an einer herstellerübergreifenden Zusammenarbeit noch immer vorhanden.
MOB: Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz generell im smarten Wohnumfeld?
Schidlack: KI spielt im smarten Wohnumfeld eine bedeutende Rolle. Alle unsere Anwendungen sind mit dem Einsatz von KI-Lösungen verbunden. Der „Dataspace“ und die damit verbundene „Toolbox“ beruhen auf der Entwicklung und Nutzung ausgereifter KI-Methodiken. Über die Plattform können Wohnungsanbieter KI-basierte Anwendungen betreiben und beziehen, die insbesondere den steigenden Bedarf an die digitalen Assistenzdienste, die Gebäudebewirtschaftung und die Optimierung von Energieeffizienz im Wohnumfeld adressieren. Die Plattform wird von den beteiligten Industriepartnern getragen. Durch die Rolle als „First Mover“ in diesem Volumenmarkt setzt sie damit technologische Standards.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 03-04/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
MOB: Welche Herausforderungen sehen das KI-Projekt und die Smart-Living-Community noch vor sich?
Schidlack: Das Projekt erforscht die technischen, rechtlichen und sozialen Grundlagen für ein gut funktionierendes Datenökosystem im Smart-Living-Markt. Jetzt kommt es auf die praktische Umsetzung an. Mit einem guten Angebot und einer abgestimmten Transferstrategie müssen wir die Anwendungen der Forschungsergebnisse in der Praxis attraktiv machen. Der stetige Zuwachs bei den assoziierten Partnern bestätigt, dass die in Foresight erarbeiteten Lösungen benötigt werden. Nichtsdestotrotz muss die Community noch weiterwachsen und weitere Unternehmen von den großen Vorteilen eines gemeinsamen, herstellerübergreifenden deutschen und europäischen Datenraums überzeugt werden. Trotz der vielen Vorteile, die beispielsweise eine hohe Wettbewerbsfähigkeit im hart umkämpften internationalen Smart-Living-Markt sichern können, sind die Akzeptanzbarrieren an einer herstellerübergreifenden Zusammenarbeit immer noch vorhanden. Es ist unsere Aufgabe, diese abzubauen.
Bildquelle: timwulfphotography