Breitband et al.

Die deutsche Angst vor dem Neuland

Technikskepsis gehört zu den deutschen Nationaleigenschaften. Leider steckt nicht immer genaues Wissen dahinter.

Prozessor mit Totenkopf

German Angst vor dem Neuland

Risikoavers, skeptisch, pessimistisch - diese drei Vokabeln beschreiben die deutsche Weltsicht recht präzise. Hierzulande ist das Glas immer halbleer und eine neue Technologie immer gefährlich. Diese Einstellung wird in zahlreichen Studien deutlich, jüngst wieder im Technikradar.

Die Untersuchung ist eine regelmäßige, bundesweit repräsentative Befragung nach sozialwissenschaftlichen Standards, die vom Zentrum für interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung der Universität Stuttgart (Zirius) umgesetzt wird. Thema des aktuellen Technikradar 2018 ist die Frage, wie Bundesbürger die Wirkung der Digitalisierung bewerten. Zudem standen auch Anwendungen wie Smart Home oder Robotics im Fokus.

Erneuerbare Energien werden positiv gesehen

Immerhin jeder zweite der Befragten ist stärker an Technik interessiert. Doch die sprichwörtliche „German Angst“ zeigt sich in dieser Studie erneut. Nur ein Viertel (24,6%) der Befragten ist der Ansicht, dass Technik mehr Probleme löst, als sie schafft. Und dass Technik bei zentralen Herausforderungen wie Hunger, Armut und Klimawandel helfen hilft, erwartet nur ein Drittel (32,9%).

Eine wichtige Erkenntnis der Untersuchung ist die Abfrage von Einstellungen zu bestimmten Technologien. So legt die Zustimmung bei erneuerbaren Energien und umweltverträglichen Verkehrsmitteln deutlich über 60 Prozent, während Gentechnik, aber auch Pflegeroboter von deutlichen Mehrheiten abgelehnt werden. Die Digitalisierung dagegen wird von gut jedem zweiten ambivalent gesehen, aber nur jeder fünfte findet sie positiv.

Eine starke Mehrheit von etwa 34 Prozent der Befragten schätzt sie sogar als riskant ein. Doch in einzelnen Aspekten der Digitalisierung sind negative Einstellungen weitaus verbreiteter. 65 Prozent finden es störend, wenn autonome Fahrzeuge persönliche Daten sammeln. 67 Prozent befürchten sogar, dass Internetkriminelle in den Verkehr eingreifen und Störungen oder Unfälle verursachen werden. 66 Prozent sind der Meinung, dass die Nutzung von Smart-Home-Technologie zu einer Abhängigkeit vom System oder Hersteller führt.

Mangelndes Wissen führt zu Fehleinschätzungen

In der Studie werden weitverbreitete Vorstellungen sichtbar, die auf einen Mangel an Aufklärung hinweisen, vor allem bei Themen wie Automatisierung und künstliche Intelligenz. So wollen 82 Prozent, dass medizinische Diagnose vor allem auf langjähriger ärztlicher Erfahrung beruhen. Das mag im groben Durchschnitt sogar stimmen, doch in einzelnen Bereichen schlagen KI-Anwendungen selbst erfahrene Mediziner um Längen, etwa bei der Erkennung von Hautkrebs anhand von Fotografien der Körperoberfläche.

Hier ist also mangelndes Wissen der Grund für eine Fehleinschätzung der Möglichkeiten der Digitalisierung. Doch nicht besonders viele Leute sind daran interessiert, diese Wissenslücken zu beheben: 38 Prozent der Bevölkerung sind wenig oder überhaupt nicht daran interessiert, ihr Wissen im Bereich Computer, Internet und digitale Themen zu vertiefen, ergab die Studie „D21 Digitalindex 2017/2018“.

Abwehr und eine diffuse Angst vor der Digitalisierung führe zu undifferenzierter Kritik und pauschaler Ablehnung, findet Christian Buggisch. Er kritisiert vor allem die typischen Schwarzmaler, Angstmacher und Untergangspropheten, denen eine Abwägung von Chancen, Risiken, Kosten und Nutzen nicht ins Konzept passt. Alarmismus sorgt für mehr Aufmerksamkeit und lässt im Falle von Autoren und Vortragsreisenden die Kassen klingeln.

Digitalangst bremst Digitalisierung

Der bekannteste Angstmacher ist Manfred Spitzer und die These der digitalen Demenz. Sein Erfolg ist gigantisch, denn er bündelt die Befürchtungen zahlreicher, zumeist etwas älterer Angehöriger der deutschen Mittelschicht, die nicht selten Oberstudienrätinnen a. D. sind. „Er holt viele Leser genau da ab, wo sie gerade sind. Viele fühlen sich von der rapiden Veränderung, der die Welt seit den späten Achtzigern unterliegt, überfordert“, sagt Spiegel-Autor Christian Stöcker. „All diesen Menschen spricht Spitzer mit seinen Büchern aus der Seele.“

Diese Technologieskepsis schwebt allerdings nicht unverbunden durch den luftleeren Raum, sie hat konkrete Folgen in der Wirtschaft - nicht nur in Deutschland. „Die meisten Unternehmen scheitern selbst an grundlegenden und kleinen Dingen. Und daran ist nicht die Technologie Schuld, sondern eine Mentalität, die von der Angst etwas zu verlieren geprägt ist“, berichtet Digitalberater Alain Veuve von seinen Erfahrungen. Die Unternehmen würden zu lange zögern und zu wenig investieren, sodass am Schluss etwas Unfertiges herauskommt, das nicht funktioniert. Die Rationalisierung des Flops: Die Kunden wollten das nicht und das Unternehmen hat das von Anfang an gewusst.

Mit dieser Digitalangst stehen sich nicht nur in den Unternehmen die Entscheider selbst im Weg. Die Unfähigkeit, jenseits von warmen Worten und lauwarmen Ankündigungen eine konkrete Politik umzusetzen, begleitet uns jetzt mehr als ein Jahrzehnt. Die Rede ist von der Breitbanddauerkrise, die mit immer neuen Breitbandstrategien gelöst werden soll. „Die vielen Versprechungen waren niemals ernst gemeint“, sagt Spiegel-Autor Sascha Lobo. „Die deutsche Breitband-Infrastruktur ist der Berliner Flughafen des Internets.“

Bildquelle: Thinkstock

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