Europäisches Payment-Ökosystem

Die Feinde von gestern werden zu den Partnern von morgen

Laut Sebastian Vetter von Mangopay werden die Techgiganten das gesamte Payment-Ökosystem durcheinanderbringen. „Als große Gewinner der Pandemie verfügen sie über eine beispiellose Finanzkraft“, so der Head of North, East & Central EU.

Sebastian Vetter

Laut Sebastian Vetter zeichnet sich im Bereich „Payment“ eine echte Revolution ab.

MOB: Herr Vetter, warum ist das europäische Payment-
Ökosystem in Aufruhr?
Sebastian Vetter:
Seit Beginn der Pandemie werden digitale Zahlungsdienste noch stärker genutzt als zuvor. Die neuen Konsumgewohnheiten haben sich mit der Zeit verfestigt. 2020 hat das digitale Bezahlen innerhalb weniger Monate eine Entwicklung vollzogen, die sonst Jahre gedauert hätte. Immer öfter greifen Verbraucher nun beim Bezahlen zu Karte oder Smartphone: In Deutschland hat sich beispielsweise der Anteil der kontaktlosen Visa-Transaktionen im Vergleich zum Vorjahr um fast 40 Prozent erhöht. Gleichzeitig steigt der Umsatz im E-Commerce laut Statista in diesem Jahr voraussichtlich um 9,5 Prozent auf etwa 412.095 Mio. Euro. Die Marktplätze sind gemäß dem „2021 Enterprise Marketplace Index“ unseres Partners Mirakl im vierten Quartal 2020 im Jahresvergleich sogar um 81 Prozent gewachsen. Angesichts des Booms der Online-Transaktionen und des mobilen Payment sowie der Entwicklung des kontaktlosen, aufgeteilten und sofortigen Bezahlens zeichnet sich hier eine echte Revolution ab – sowohl Business-seitig als auch technologisch.

MOB: Wie sieht das heutige Payment-Ökosystem konkret aus?
Vetter:
Das Inkrafttreten der PSD1 öffnete seinerzeit den europäischen Zahlungsmarkt für eine Vielzahl innovativer Akteure, die die historischen Player im Bankensektor destabilisierten. Zahlreiche Fintechs und Neo-Banken schossen wie Pilze aus dem Boden und wurden zur Konkurrenz für die alteingesessenen Finanzdienstleister. Im Jahr 2012 erhielten Fintech-Start-ups laut Deloitte Investitionen in Höhe von etwa 3,7 Mrd. US-Dollar – 2019 waren es satte 69,2 Mrd. Einst sehr wettbewerbsorientiert und abgrenzend zwischen historischen Finanzgiganten und Neo-Banken-Störenfrieden aufgeteilt, ist das moderne Ökosystem der Zahlungsdienste inzwischen komplexer geworden und tritt in eine Konsolidierungsphase ein. Die Feinde von gestern werden zu den Partnern von morgen.

Traditionelle Banken und Zahlungsdienstleister kaufen zunehmend Fintechs auf, um Innovationen voranzutreiben. Im vergangenen Jahr gab es eine Vielzahl von Übernahmen und Partnerschaften mit dem Ziel, Konglomerate zu schaffen und die gesamte Wertschöpfungskette im Zahlungsverkehr zu kontrollieren. Zum Beispiel hat Worldline kürzlich Ingenico gekauft, um einen europäischen Marktführer zu schaffen. In Italien fusionierte Nexi mit seinem Konkurrenten SIA zu einem Konzern mit einem Jahresumsatz von 1,8 Mrd. Euro. Parallel zu diesen übergreifenden Bewegungen beobachten wir eine Spezialisierung der einzelnen Anbieter nach Zahlungsarten. Mehr denn je wird Technologie zum Unterscheidungsmerkmal und zum Grundpfeiler der Marktpositionierung.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

MOB: Was verbirgt sich hinter PSD2 und inwieweit wirkt sich diese auf die Zahlungsdienste aus?
Vetter:
Die Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 ermöglicht es Drittanbietern in der gesamten Europäischen Union und dem Europäischen Wirtschaftsraum, sich mit den Bankkonten von Bankkunden zu verbinden. Die Besonderheit dieser Richtlinie ist die Einführung strengerer Sicherheitsstandards für Online-Zahlungen. Die Umsetzung der damit verbundenen Vorgaben gestaltet sich jedoch für die meisten traditionellen Akteure sehr komplex. Um die Anforderungen zu erfüllen, sind die Unternehmen daher gezwungen, stark in Forschung und Entwicklung zu investieren oder sich an externe Dienstleister zu wenden. In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick auf Open-Banking-Plattformen, die Banken über APIs mit Drittanbietern verbinden, damit diese neue Produkte und Dienstleistungen erstellen können. Laut PwC wird der Open-Banking-Markt bis zum nächsten Jahr 7,2 Mrd. US-Dollar erreichen. Allerdings reagieren nur eine Handvoll innovativer und hochspezialisierter Fintechs auf die technologischen Fragen, die die PSD2 mit sich bringt. Obwohl sie noch jung sind, haben diese Unternehmen eine dominante Marktposition und bieten Technologie und Know-how zu einem hohen Preis. Sie sind die Verkörperung der großen europäischen Erfolgsgeschichten von morgen im Zahlungsmarkt.

MOB: Wer sind die internationalen Big Five und welche Rolle spielen sie in der Zukunft des europäischen Zahlungsverkehrs?
Vetter:
Entwicklung von E-Wallets und Bankkarten, Vorstöße in die Blockchain, Schaffung von Kryptowährungen, Erlangung von Lizenzen bei den Regulierungsbehörden: Seit einigen Jahren beschleunigen sich die Ambitionen der Silicon-Valley-Giganten im Bereich der Finanzdienstleistungen in Europa. Die Herausforderung für die internationalen Big Five – Google (Alphabet), Amazon, Facebook, Apple und Microsoft – besteht darin, den Verbrauchern maximalen Support zu bieten und genügend Daten zu sammeln, um ihnen die richtigen Dienste zur richtigen Zeit und am richtigen Ort anzubieten. Und dabei ist der Dreh- und Angelpunkt die Zahlungskontrolle. Allerdings haben nicht alle die gleichen Investitions- und Positionierungsstrategien. In diesem Punkt dominiert Alphabets Google nach Expertenmeinungen durch die Anzahl von Initiativen, Partnerschaften, Investitionen und internen Entwicklungen. Das ist der Akteur mit dem breitesten Spektrum an Finanzaktivitäten, während Facebook und Apple noch sehr stark auf Blockchain bzw. Zahlungsdienste beschränkt sind. Doch auch ohne Berücksichtigung der Unterschiede steht fest, dass die Techgiganten das gesamte Ökosystem durcheinanderbringen werden. Als große Gewinner der Pandemie verfügen sie über eine beispiellose Finanzkraft, eine durch Innovation und Technologie befeuerte DNA, Datenbanken mit Milliarden von Personen und eine starke Anhängerschaft in der Öffentlichkeit. Die Zukunft des europäischen Zahlungsverkehrs wird nicht ohne diese digitalen Champions stattfinden. Die Höhe des Umsatzes, den Fintech- und Techgiganten erzielen, könnte laut Accenture bis 2025 rund 280 Mrd. US-Dollar erreichen. Das wäre mehr als die Hälfte der neuen Umsätze, die durch das Wachstum des Zahlungsverkehrsmarktes generiert werden (schätzungsweise rund 500 Mrd. Dollar).

Bildquelle: Mangopay

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