Interview mit Dr. Bernd Reifenhäuser, Smart City e.V.

Die intelligente Stadt der Zukunft

Interview mit Dr. Bernd Reifenhäuser, Mitglied des Bundesverbands Smart City e.V. und als Präsident des GIP Research Institutes für den Bereich Innovationsmanagement, die strategische Ausrichtung der Forschungs- und Entwicklungsarbeiten sowie die Überführung von Innovationen in die Produktentwicklung zuständig. Bereits seit 2008 beschäftigt er sich im Rahmen des Forschungsbereichs Smart Energy mit dem Internet der Energie sowie grundsätzlich mit dem Thema „Managing Complexity in a connected World“.

Dr. Bernd Reifenhäuser, Smart City e.V. und GIP Research Institut

Dr. Bernd Reifenhäuser, Mitglied des Bundesverbands Smart City e.V. und Präsident des GIP Research Instituts

Herr Reifenhäuser, wie könnte hierzulande eine idealtypische „Smart City“ aussehen? Welche Charakteristika sind am prägnantesten?
Bernd Reifenhäuser:
Deutschland hat eine sehr auf Metropolregionen aufbauende Siedlungsstruktur. So kann für Deutschland eine Smart City nicht als autonome Zelle verstanden werden, sondern fügt sich als ein digitales Steuerungszentrum in Ballungsgebiete oder ländliche Regionen ein. Um dieser Struktur gerecht zu werden, müssen die einzelnen Smart Cities digital mit anderen Städten zu verschalten sein (beispielsweise das Rhein-Main-Gebiet). Die wichtigsten Elemente zukünftiger Städte müssen fortschrittliche, nachfragegetriebene Energiekonzepte abseits zentraler Erzeugung und Mobilitätskonzepte, abseits des Individualverkehrs sein. Zusammengehalten wird die Stadt der Zukunft von der Kommunikation zwischen Menschen und Maschinen (IKT).

Welche Rolle spielen mobile Endgeräte im Rahmen einer Smart City? Und welchen Part übernehmen M2M-Technologien sowie das Internet der Dinge?
Reifenhäuser:
Die zentrale Rolle spielen in Zukunft mobile Services, die Endgeräte sind dabei nur ein Vehikel und werden tendenziell weniger zum Selbstzweck. Das Always-on-Verhalten und die digitale Transformation sind die zentralen Treiber der Smart City. Mehr und mehr Services werden digital bereitgestellt und die intelligente Stadt basiert auf intelligenter Vernetzung, um den Zugriff überall sowie eine sinnvolle Automatisierung auf Basis von IKT zu ermöglichen.

Ohne flächendeckende Vernetzung werden Smart Cities künftig wohl kaum funktionieren. An welchen Stellen lauern dabei die größten Gefahren für die Sicherheit?
Reifenhäuser:
Die Smart City ist ein zentrales Ergebnis der digitalen Transformation und hat entsprechend mit den gleichen Gefahren wie diese zu kämpfen. Bei vollständiger Vernetzung und Automatisierung besteht grundsätzlich eine Gefahr für den persönlichen Datenschutz. Große Datenknoten besitzen hier eine Informationsmacht und werden gerade in der Smart City aufgrund ihrer Steuerungsaufgaben zur überlebenskritischen Infrastruktur.

Werden die traditionellen Infrastrukturen wie Strom, Gas und Wasserversorgung ebenfalls digitalisiert, so bestehen hier ebenfalls potentielle Sicherheitslücken. Diese Infrastrukturen können ihre Ausfallsicherheit durch dezentrale Steuerung erhöhen, da der Angriffshebel im Falle einer Sicherheitslücke deutlich verkleinert wird. Neben diesen kritischen Infrastrukturen benötigen insbesondere die zunehmend vernetzten Anwendungen im Gesundheitsbereich gesteigerte Sicherheitslevel.

Was sollte man tun, um solche Sicherheitslücken auf jeden Fall schließen zu können?
Reifenhäuser:
IP-Netzwerke sind inhaltsagnostisch und kontrollieren bei der Übertragung lediglich die äußere Integrität des IP-Pakets. Ein policy-basiertes Transportnetzwerk mit Kontrakten zwischen Sender und Empfänger würde diese Problematik beheben. Insbesondere gilt es die Ausbildung von Monokulturen mit den verbundenen Locked-In-Szenarien zu unterbinden, da sie stets die Interoperabilität einschränken. Für die Ausarbeitung von Sicherheitskonzepten für Smart Cities sind interdisziplinäre Forschungsansätze notwendig, um kritische Infrastrukturen, Kommunikation, Gebäudekonstruktion, Wärmekonzepte und Mobilität von Anfang an aufeinander abzustimmen sowie Insellösungen zu verhindern.

Welche Herausforderungen müssen noch – über das Thema „Sicherheit“ hinaus – bis zur zügigen Realisierung von Smarter Cities in Deutschland gemeistert werden?
Reifenhäuser:
Im Rahmen von Smart Cities wird die Restrukturierung der Energieinfrastruktur von zentraler Bedeutung sein, um dem flexiblen Nutzungsverhalten, gepaart mit zunehmend mehr erneuerbarer Energieversorgung mit volatilem Erzeugungsmuster gerecht zu werden. Hier bedarf es neuer Konzepte der Versorgungsnetze wie Smart Grids oder des revolutionären Digital Grid, dem Energie-Internet für alle Energieträger.

Ebenso muss die Effizienz der Energienutzung sämtlicher digitaler Endgeräte und der Gebäude zunehmen, um die benötigte Energiemenge in realistischen Grenzen zu halten. Konsumenten im Energiemarkt werden sich darauf einstellen müssen, künftig Verbrauchsprofile an Erzeuger zu kommunizieren, die ihren Energiebedarf abbilden. Nur so können kostenintensive Reservekapazitäten reduziert werden.

Können Sie uns ein Beispiel für ein bereits erfolgreiches Smart-City-Projekt nennen?
Reifenhäuser:
Es gibt eine Vielzahl von Beispielen die derzeit diskutiert werden, aber hervorheben wollen wir den Ansatz von Wolfgang Neldner, wie er für Berlin Energie eingeführt wird. Auch wenn es nicht explizit als ein Smart-City-Projekt ausgezeichnet ist, so sind die Konzepte von Berlin Energie schon außerordentlich vielversprechend. Der Ansatz, als integrierter Kombinetzbetreiber für Energie und Gas in Kooperation mit einem Telekommunikationsanbieter ganzheitliche Lösungen für den Bürger anzubieten, schafft eine solide Grundlage für die nachhaltige Entwicklung einer Smart City. Die beinhaltet auch die Idee des Stromhydranten, um beispielsweise Baumaschinen direkt mit Energie zu versorgen, ohne dabei den Umweg über fossile Treibstoffe zu gehen. Für den Bereich Smart City als ganzes besteht derzeit noch viel Handlungsbedarf und bisher gibt es aus unserer Sicht zu wenig revolutionäre Ansätze.

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok