Intralogistik auf dem Prüfstand

Die Krise als Game-Changer?

Besonders die Logistikbranche hat im Zuge der anhaltenden Corona-Krise immense Herausforderungen zu bewältigen: Während zwar das Geschäft vom aktuellen E-Commerce-Boom profitiert, reißen andernorts die Lieferketten ab. Gefragt sind Konzepte, die sowohl die Mitarbeiter schützen als auch die Nachfrage bedienen und Schwankungen kompensieren. Grund genug, nach einem Jahr Pandemie ein Fazit zu ziehen.

Krisen nutzen

Gerade Unternehmen aus Logistikbereichen sehen in der aktuellen Krisensituation auch eine Chance.

„Gestärkt aus der Krise hervorgehen“, „Probleme als dornige Chancen“ wahrnehmen oder „Yes we can“ – Es hat einen Grund, weshalb Motivationscoaches, Sporttrainer, Topmanager und Politiker immer wieder von den Möglichkeiten sprechen, die eine Krise mit sich bringen kann. Die aktuelle Pandemiesituation jedoch stellt diese Bonmots auf eine harte Probe, denn sie legt offen, dass Globalisierung und Digitalisierung die Welt zwar tatsächlich „kleiner“, gleichzeitig aber auch anfälliger gemacht haben. Auf der anderen Seite befördert sie auch das Hinterfragen von ineffizienten Routineprozessen und erhöht den Innovationsdruck. Am deutlichsten wird das in der Logistik, wo Entscheidungen oder Vorkommnisse auf der anderen Seite des Planeten direkte Auswirkungen auf das Geschehen hierzulande haben. Um auch in Krisenzeiten dafür zu sorgen, dass der Warenfluss nicht abreißt und es zu Verknappungen kommt, mussten die Akteure im vergangenen Jahr rasch nach Wegen suchen, um die Güter vom Produktionsort über das Lager bis zum Kunden zu überwachen, zu sichern und effizient auszuliefern.

Ein Jahr Corona: Die Herausforderungen

Eine Erfahrung, die auch Heimo Robosch, Executive Vice President bei Knapp, einem österreichischen Hersteller von Intralogistiklösungen und Systemen in den Bereichen „Lagerlogistik“ und „Lagerautomation“, während der vergangenen Monate gemacht hat: „Die Veränderungen, die von Covid-19 ausgehen, zeigen sich hauptsächlich in der Beschleunigung bereits vorhandener Trends: trotz Social Distancing noch mehr Kundennähe zu erzeugen, flexibel auf rasche Veränderungen zu reagieren, dem Kunden auf den verschiedensten Kanälen noch mehr Convenience zu bieten, die Versprechungen in Bezug auf Qualität und Zeitpunkt der Lieferung punktgenau einzuhalten und die Möglichkeit, Retouren effizient einzubinden.“ Diese Themen hätten zwar auch vor der Pandemie schon enorme Bedeutung gehabt – mittlerweile, so sagt er, bestimmen sie aber darüber, ob ein Geschäftsmodell auch in Zukunft bestehen kann oder nicht.

„Als Anbieter einer E-Commerce-Lösung sehen wir massiv gewachsene Umsatzzahlen bei unseren Kunden“, stellt Mario Raatz, CSO der Roqqio-Gruppe, fest. Damit einhergehend seien die Vorgänge und Transaktionen über das System des Unternehmens drastisch gestiegen. Die Händler hätten nach Lösungen verlangt, die es ihnen ermöglichen, zusätzliche Vertriebskanäle, z.B. Amazon oder Ebay, schnell in Betrieb zu nehmen, was sich mit der „Commerce Cloud“ des Anbieters einfach und rasch habe umsetzen lassen. Aufgefallen ist Raatz auch, dass größere Händler, die das Thema „E-Commerce“ bisher eher stiefmütterlich behandelt haben, jetzt ein großes Interesse daran entwickelt haben. „Dieser Trend wird sich definitiv fortsetzen. Nicht im selben Ausmaß wie in den letzten neun Monaten – wo wir bei Kunden teilweise fast eine Vervierfachung der Online-Umsätze gesehen haben –, aber es wird auch nicht mehr auf das Vor-Corona-Niveau zurückgehen“, ist sich der Roqqio-Mann sicher. Das werde laut Raatz dazu führen, dass sich der Handel jetzt grundsätzlich mit Omnichannel-Strategien beschäftigen müsse.

Volatile Supply Chains

Maximilian Resch zufolge hat das letzte Jahr das öffentliche Bewusstsein für die Volatilität der Supply Chain geschärft. „Die mediale Präsenz von Verfügbarkeitslücken bei einigen Retailern und bei dem einen oder anderen Verbrauchsmaterial hat jedem Verbraucher deutlich gemacht, wie anfällig Lieferketten sein können“, resümiert der Business Development Manager beim Supply-Chain-Experten Zetes. Eine erste Herausforderung liegt ihm zufolge in der Gewinnung von Daten entlang der Wertschöpfungskette. Die physische Verfügbarkeit von Ware zur richtigen Zeit am richtigen Ort werde nämlich erst durch die Verfügbarkeit von Informationen über den Status des Produkts möglich. Doch diese Informationen helfen nichts, wenn sie nicht strukturiert gesammelt und geteilt werden. Die Aggregation der Daten aus den unterschiedlichsten Systemen müsse deshalb sinnvoll gesteuert werden.

Zur Problematik tragen laut Resch gerade wegen der pandemiebedingten zusätzlichen Arbeitsbelastung manuell gesteuerte Prozesse bei, die in Zeit-, Präzisions- und Produktivitätseinbußen münden. „Unzureichende Transparenz führt dann zu nicht verfügbarem Bestand und Umsatzeinbußen“, stellt er fest. Ungenaue Bestandsdaten und vermeintliche Fehlbestände hätten dann automatisch weniger zufriedene Kunden zur Folge, während ineffiziente Retourenprozesse und langsame Produktrückführungen in den Lagerbestand ihr Übriges tun. Eine Frage, die sich Supply-Chain-Akteure im Lieferantenmanagement derzeit stellen, sei die, ob den Lieferanten und Dienstleistern Echtzeitdaten zur Verfügung stehen oder ob es für alle Lieferanten KPIs gibt. „Werden Schwachstellen und Ineffizienzen der Supply Chain schnell genug erkannt?“, fragt sich Maximilian Resch. Immer wieder taucht im Zusammenhang mit Schwankungen entlang der Lieferkette auch die Forderung auf, für mehr „Resilienz“, also Widerstandskraft gegenüber externen Schocks in der Nachfrage oder der Verfügbarkeit, zu sorgen. „So kann nur der, der eine Übersicht über alle Wertschöpfungs- und Lagerstufen hat, diese Datenbasis für disruptive Analyse- und Prognosetechnologien unter Einsatz von KI und entsprechenden Algorithmen nutzen“, folgert er. Für ihn ist klar, dass nur wer derzeit Übersicht über Bedarfe und die Bestände vom Hersteller bis in die Filiale habe, davon ausgehen könne, dass kurzfristige Nachfragespitzen bedient werden können. „Je länger die Reaktionszeit, desto höher die Gefahr, dass der Hersteller seine Kapazitäten schon für andere Kunden nutzt“, warnt Resch. Ein Weg, die Resilienz der Lieferkette zu erhöhen sei der zur Teilautomatisierung und Augmentation. „Die Qualität der Daten ist zunehmend Erfolgskriterium für die Performance der Belegschaft in Lagern. Noch mehr Lagerbetreiber sind auf dem Weg, die Systeme in ihrer gesamten Supply Chain zu synchronisieren“, beobachtet Resch und ergänzt: „Den Schritt zur ersten Digitalisierung von Geschäftsprozessen zu gehen, trauen sich jetzt verstärkt kleine und mittelständische Unternehmen, die ihren Platz in der Wertschöpfungskette hier klar definieren.“

Einige hätten bereits beträchtliche Investitionen in Teilautomatisierungslösungen für Transport, Kommissionierung, Verpackung, Sortierung und Beförderung von Gütern getätigt. Die überwiegende Mehrheit statte die Arbeitskräfte zur Verbesserung der Leistung mit Technologie aus, um Effizienz, Tempo und Präzision zu steigern. Die greifbarste Veränderung finde sich Resch zufolge allerdings in der papierlosen Kommunikation und der Ausführung von Kommissionierprozessen. „Schon erste kleine Schritte der Digitalisierung im Lager tragen zur Übersicht über alle Logistikprozesse vom Unternehmen bis zum Kunden bei. Das führt langfristig, wenn diese Anstrengungen kontinuierlich verfolgt werden, zu einer Lieferkette, die sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lässt“, empfiehlt er.

Krise macht kreativ

Die intelligenten Lagersysteme von Knapp sind weltweit im Einsatz – im Lebensmittelhandel und in Apotheken, aber auch im Online-Handel und in der Produktionslogistik. Gerade während der Pandemie habe sich gezeigt, wie wichtig stabile und zuverlässige Logistiksysteme sind, betont Heimo Robosch. Man habe daher bei Knapp die Möglichkeiten, durch den Einsatz neuer Technologien die Kunden auch remote zu unterstützen, stark ausgeweitet. Daneben hat das Unternehmen aber auch an sehr konkreten Lösungen gearbeitet, die helfen können, die aktuell notwendigen Sicherheitsabstände über sämtliche logistischen Prozesse einzuhalten – vom Lager bis zum Verbraucher. So stelle der „Pick-it-Easy Robot“ bereits eine industrietaugliche Lösung zur Roboterkommissionierung dar. Der Roboter eigne sich dank Künstlicher Intelligenz für die automatische Auftragszusammenstellung, z.B. in Distributionszen-tren von Online-Händlern, und könne unterschiedliche Waren zuverlässig greifen. Gerade in Zeiten, in denen Social Distancing gefordert ist, bringe eine automatische Kommissionierlösung Vorteile, erklärt der Experte: „Der Roboter ist täglich 24 Stunden einsatzbereit – so kann er beispielsweise Mitarbeiter in den Nachtschichten entlasten. Gleichzeitig kann die Auslieferleistung gesteigert werden, denn Branchen wie die Lebensmittel- oder Pharmaindustrie erleben durch Covid-19 eine erhöhte Auftragslast.“ Darüber hinaus entwickelt Knapp angesichts der Pandemie Lösungen, die z.B. Kunden und Mitarbeiter in Apotheken und dem Einzelhandel zusätzlich schützen sollen. Ein Beispiel dafür ist der „Digital Butler“, ein digitales Zugangssystem. Er regele mit klaren Signalen, die kultur- und sprachübergreifend verständlich seien, den Zutritt zu Apotheken oder Geschäften. Um die empfundene Wartezeit der Kunden zu verkürzen, können darauf individuelle Inhalte und zusätzliche Informationen angezeigt werden. Das „Project Retail CX“ wiederum sei ein Store-System für Einzelhändler, das kontaktloses Einkaufen rund um die Uhr ermögliche. Das System verbinde dabei die Vorteile eines klassischen Geschäfts mit jenen eines Online-Shops, denn Kunden könnten rund um die Uhr an Bestellterminals Waren auswählen und bargeldlos bezahlen, erläutert Heimo Robosch.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Bei Zetes hat man eine Korrelation zwischen Teilautomatisierung und Gesundheitsschutz der Mitarbeiter im Bereich der Lagerlogistik bemerkt. Hier können u.a. die Pick-by-Voice-Lösungen des Unternehmens dafür sorgen, dass sich Mitarbeiter nicht unnötig oft über den Weg laufen – bisher wurden derlei Lösungen eher aus Gründen der Prozessoptimierung, des effektiven Arbeitseinsatzes und der Laufwegsoptimierung eingesetzt. Ein Schwachpunkt bei manuellen exekutiven Operationen in den Prozessen im Lager bleibe laut Maximilian Resch die Wechselnutzung von Arbeitsgeräten. „Wir setzen hier meist mobile Datenerfassungsgeräte in der Kommissionierung ein, die dann unweigerlich am Ende der Schicht den Nutzer wechseln“, erklärt der Fachmann. Dies habe den Anbieter dazu angeregt, sich über Möglichkeiten der berührungslosen und für Geräte möglichst schonenden Desinfektion Gedanken zu machen. Das Ergebnis: ein UVC-Desinfektionsschrank für Handhelds, Barcodescanner, Tablets sowie ein Etikettendrucker, der speziell für anspruchsvolle Umgebungen wie Lagerhallen oder Produktionsstätten entwickelt wurde. „Die Desinfektionszeit beträgt weniger als eine Minute und ermöglicht eine Inaktivierung von SARS-CoV-2 mit einer Desinfektionsquote von nahezu 100 Prozent“, berichtet Resch.

Die Zukunft ist virtuell

Die Pandemie hat die Bereitschaft der Kunden, E-Commerce- und Online-Handelangebote stärker zu nutzen, erhöht. Das stellt natürlich die Lagerhaltung vor neue Herausforderungen, vor allem bei Retailern, die Ausflüge in die Online-Welt bisher eher gemieden haben. Nicht nur die nachgefragte Menge ist explodiert, auch das Spektrum an Anbietern und die Konkurrenzsituation unter den Händlern sind gewachsen. Die richtige Ware lieferbereit vorzuhalten, ist jetzt essenziell. Nun heißt es laut Mario Raatz von Roqqio, den gesamten verfügbaren Warenbestand heranziehen zu können und dann frei auf die Vertriebskanäle zu verteilen: „Es muss zu jedem Zeitpunkt eindeutig sein, welche Ware sich in welcher Stückzahl an welchem Ort befindet. Andernfalls kann es schnell zu Problemen durch Überverkäufe kommen.“ Aus seiner Sicht ein absolutes No-go, denn wenn die Bestellung dadurch nicht geliefert werden kann, gibt der Kunde schlechte Noten. Steige die Stornierungsrate über einen gewissen Wert, könne das zu einem schlechteren Ranking oder sogar dazu führen, dass der Account gesperrt werde, erklärt Raatz. Daher sei es entscheidend, die Bestände in den verschiedenen Lagern und auf den Verkaufskanälen aktuell zu halten. Die Lösung sieht er z.B. in einem „virtuellen Lager“: Damit ein und derselbe online bestellte Artikel nicht noch einmal  verkauft werden könne, arbeite die Commerce Cloud seines Unternehmens mit virtuellen Lägern. Diese werden im System angelegt und sorgen dafür, dass keine Überverkäufe stattfinden, weil ein bestellter Artikel hier gleich als „weg“ reserviert werde. So seien die bestellten Artikel virtuell aus dem Lager verschwunden, bevor sie physisch das Lager, z.B. das Zentrallager oder die Filiale, verlassen haben. Das garantiere, dass die online angezeigten Bestände wirklich zusicherbare Bestände sind.

Die Corona-Krise hat Logistiker unter Druck gesetzt. Nicht alle Lösungen, an denen getüftelt wurde, um für Sicherheit und Effizienz zu sorgen, haben Marktreife erlangt oder werden sich langfristig durchsetzen. Fest steht, dass die gesamte Branche einen Digitalisierungsschub erfahren hat, der beweist, dass sie flexibel ist und durchaus in der Lage, selbst in kurzer Zeit valide Konzepte und Produkte zu entwickeln, die in Zukunft im Lager zu Gamechangern werden können.

Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus

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