Zurückfallen oder aufholen?

Die Lage der digitalen Nation

Deutschland ist gespalten: Jeder zweite sieht die Digitalisierung kritisch. Immerhin sind Unternehmen aufgewacht und verstärkt ihre Anstrengungen.

Mann nutzt Notebook und Smartphone

Die Lage der digitalen Nation

„Leute, schmeißt die Smartphones weg. Das Internet macht uns krank.“ Blödsinn? Nein, solche Thesen werden ernsthaft von Talkshow-Besuchern vertreten, nicht ohne ein neues Gruselbuch über die Digitalwelt anzupreisen. Denn die mediale Debatte zur Digitalisierung in Deutschland wird durch die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie bestimmt. Derjenige wird am häufigsten veröffentlicht, der möglichst knackige Thesen mit großem Empörungspotenzial verbreitet.

Das führt beim Publikum zu Skepsis und so sieht in Deutschland jeder zweite die Digitalisierung kritisch. Ganz im Gegensatz dazu China oder Indien. Die Digitalisierung wurde und wird dort als Chance gesehen, um Entwicklungsschritte zu überspringen und den Westen dabei lässig zu überholen. Denn in Fernost sind es bis zu 90 Prozent, die der digitalen Zukunft mit Optimismus entgegensehen, hat eine weltweite Studie des Meinungsforschungsinstituts Ipsos herausgefunden.

Immer weniger Digitalisierungsverweigerer

Die Digitalisierungsskepsis der Deutschen relativiert sich allerdings ein wenig, wenn die Wirtschaft in den Blick kommt. Laut einer Trendstudie von Bitkom Research sind nur noch zwei Prozent der Firmen Digitalisierungsverweigerer. Insgesamt sehen drei Viertel die Digitalisierung positiv und gegen die Digitalisierung strategisch an. Der Status der Digitalisierung in Deutschland ist also uneinheitlich, wenn auch nicht vollkommen von Skepsis geprägt. Zu einem vergleichbaren, etwas positiveren Ergebnis kommt der D21-Digital-Index 2019. Diese Gesellschaftsstudie bietet seit 2013 ein jährliches Lagebild zum Digitalisierungsgrad. Dabei werden die Kompetenzen der Befragten in Sachen Digitalisierung bewertet und daraus ein Gesamtindex der deutschen Wohnbevölkerung ermittelt.

Der Digitalisierungsgrad der Deutschen liegt im Durchschnitt bei 55 von 100 Punkten und ist seit Jahren gewachsen. Vor allem die Anzahl der digitalen Vorreiter, die sich besonders intensiv mit digitalen Technologien beschäftigen, ist auf 37 Prozent gestiegen. Parallel dazu ist die Zahl der digital Abseitsstehenden, die kaum Kontakt zur Digitalwelt haben, auf 21 Prozent gesunken. Aus den Zahlen lässt sich ableiten, dass sich Wissen und Kompetenzen zu Digitalthemen langsam auch unter den Älteren verbreiten: Große Zuwächse gibt es bei den über 60-jährigen, die in den letzten Jahren eher durch Digitalabstinenz auffielen.

Die Startup-Szene in Deutschland

Dementsprechend hat sich in Deutschland eine recht große Startup-Szene angesiedelt. Für seine Studienreihe Datenland Deutschland hat die Unternehmensberatung Deloitte die 50 Städte untersucht. Diese räumliche Orientierung ist kein Widerspruch zur Digitalisierung. „Heute entstehen digitale Innovation nicht isoliert in unternehmenseigenen Forschungsabteilungen, sondern in regionalen Netzwerken, in denen Startups, Forschungsinstitute, Risikokapitalgeber, Experten und Unternehmen in ständigem Austausch miteinander stehen“, ziehen die Autoren der Studie ein Resümee. Und weiter: „Räumliche Nähe und persönliche Beziehungen schaffen optimale Bedingungen, um neues Wissen zu teilen und Ideen zu entwickeln.“

Die Studie hat zwei Indizes berechnet, nach denen die Städte analysiert wurden. Der Status-Index erfasst unter anderem die Beschäftigten in den Bereichen Information und Mathematik/Naturwissenschaften (ITK und MINT) im Zeitraum von 2013 bis 2017. Außerdem wird der Anteil an der Gesamtbeschäftigung der Stadt berücksichtigt sowie der Anteil der Berufe, die ein mindestens vierjähriges Studium voraussetzen. Der Potenzial-Index widmet sich den Talenten in der Region, gemessen beispielsweise an der Anzahl der Studenten in den einschlägigen Fächern und der Reputation der örtlichen Universitäten.

München und Berlin führen Städte-Ranking an

Nicht ganz überraschend wird München zum bedeutendsten Tech-Standort in Deutschland. Die Region ist bereits seit Jahrzehnten dank Unternehmen wie Siemens oder Microsoft im Digitalbereich führend und besitzt mit der örtlichen Uni die einzige deutsche Hochschule, die in der weltweiten Top-Liste der Universitäten auftauchen – auf Platz 49 von 50. Die Startup-Hauptstadt Berlin ist im Deloitte-Ranking auf Platz zwei und danach folgen Darmstadt, Hamburg und Stuttgart.

Dass ausgerechnet Köln, das sich in den letzten Jahren als wichtiger Startup-Standort etablieren konnte, in der Liste der Top 10 fehlt, ist verwirrend. Es mag aber am Fehlen einer technischen Hochschule wie in Aachen liegen. Dies zeigt, dass die Verhältnisse in Deutschland nur schwer abzubilden sind. Denn auch in der Bay Area ist nicht alles um die Ecke. So liegen die beiden Startup-Hochburgen San Francisco und San José ähnlich weit voneinander entfernt wie Köln und Aachen. Immerhin konnte sich die rheinische Millionenstadt in einer Studie des europäischen Risikokapitalfonds Atomico gut platzieren, unter anderem als Entwicklerparadies.

Bildquelle: Thinkstock 

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok