Transporte im Hafen mittels mobiler Systeme steuern

Die Logistik im Hafen

Ob Reederei, Lagerspezialist oder Spedition – innerhalb eines Hafengeländes treffen verschiedene Logistikunternehmen direkt aufeinander, um Fracht- und Transportprozesse gemeinsam „Hand in Hand“ abzuwickeln. Um die Lieferungen möglichst reibungslos durchführen zu können, kommen zwangsläufig mobile Endgeräte zum Einsatz.

  • „Mobile Endgeräte und Lösungen für logistische Prozesse werden in Zukunft immer mehr Funktionen anwendungssicher unterstützen“, ist sich Peter Stratmann von der Inplan GmbH sicher.

  • „Der Einsatz von Apps ist sicherer als der bislang an Häfen eingesetzte Funkverkehr, da hierfür lediglich das Mobilfunknetz benötigt wird“, meint Jörg Fürbacher von der Euro-Log AG.

  • Für Jens Schöberling, CEO und Inhaber von Webbyte Systems (li.), sowie Projektberater Carsten Schmidt ist die Definition von einheitlichen Standards im Bereich mobiler Lösungen für die Hafenlogistik eine der größten Herausforderungen.

Die Logistikbranche ist seit jeher einer der wichtigsten Industriezweige in bzw. für Deutschland. Dies geht schon allein daraus hervor, dass der Branchenumsatz im Jahr 2013 laut der Bundesvereinigung Logistik rund 230 Mrd. Euro betrug und somit maßgeblich zum Wirtschaftswachstum in der Bundesrepublik Deutschland beitrug.

Gerade was das Transportgeschäft betrifft, zeichnet sich die Branche zudem durch ihre Vielfältigkeit aus. Denn Waren können auf verschiedenen Wegen ihr Ziel erreichen – egal, ob per Schiff auf hoher See, per Güterzug durch das Schienennetz oder per LKW auf der Autobahn. Ein Ort, wo diese verschiedenen Transportmittel aufeinandertreffen, ist der Hamburger Hafen – einer der größten Umschlagplätze der Welt. Der Gesamtumschlag betrug hier im Jahr 2011 über 132 Mio. Tonnen; dazu sind 260.000 Arbeitsplätze, davon 110.000 außerhalb der Metropolregion Hamburg, bundesweit direkt oder indirekt mit dem Hamburger Hafen verbunden. „Verbunden“ ist in diesem Zusammenhang ein passendes Stichwort, denn viele von den Mitarbeitern, die eben jene Arbeitsplätze besetzen, sind bereits mit der mobilen Arbeitswelt verknüpft. Die für das Hafenmanagement zuständige Hamburg Port Authority (HPA) führte bereits im letzten Jahr flächendeckend Windows Office 365 Plus mit zugehörigen Windows-8-Devices ein, um eine nahtlose Zusammenarbeit sowie Live-Kommunikation über das gesamte, sieben Hektar große Hafengelände zu ermöglichen. Mit den Office-Werkzeugen erfassen die Mitarbeiter Daten über Wasserstände und Windstärken, gleichen diese live mit ihren Kollegen ab und informieren die Schifffahrt über die Ergebnisse.

Warenfluss beschleunigen

Doch auch Logistikunternehmen, die tagtäglich z.B. per LKW den Hafen ansteuern, können von der Einführung mobiler Lösungen profitieren, wie Jörg Fürbacher, Vorstand der Euro-Log AG, IT-Dienstleister für unternehmensübergreifende Prozessintegration in der Logistik, verrät: „Mobile Lösungen könnten in der Hafenlogistik dabei helfen, den Verkehrs- und Warenfluss schneller und einfacher zu machen, Wartezeiten zu verringern und Lieferzeiten zu verkürzen.“ Dazu können standardisierte mobile Lösungen für eine effektive Synchronisierung der Warenströme und deren Informationsflüsse auf Basis aktueller Rahmenbedingungen sorgen. „In einem ganz einfachen Beispiel wären einerseits Packschuppen in der Lage, wenige Minuten vor Eintreffen der Leercontainer, die Beladung vorzubereiten und auf diese Weise die Flächennutzung zu optimieren“, veranschaulicht Jens Schöberling, CEO von Webbyte Systems, einem Anbieter von Logistiksoftware. „Andererseits würden Mitarbeiter des Seeterminals erfahren, dass ein bestimmter Container auf dem Weg zum Terminal ist, und so ihrerseits alles für eine reibungslose Abnahme des Containers in die Wege leiten.“ Parallel könne zudem die Abwicklung der Zollformalitäten angeschoben werden.

Bevor mobile Szenarien im Hafen realisiert werden können, müssen Logistiker verschiedene Herausforderungen bewältigen. Zuvorderst sollten sich Unternehmen für die richtigen Endgeräte entscheiden – ein iPhone-Einsatz für schwere Verladungsprozesse im wettertechnisch ohnehin „rauen“ Norden wäre mit Sicherheit der falsche Ansatz. Alternativen wären entsprechend robuste mobile Endgeräte, die gegen das Eindringen von Fremdkörpern wie Schmutz bzw. Staub und Wasser geschützt sind (IP67-zertifiziert). „Endgeräte in robuster Form werden beispielsweise in Terminals an Kränen, fahrenden Geräten oder in der Hand von Mitarbeitern zur Erfassung von Positions- und Bewegungsdaten, Barcodes oder zur Zeiterfassung eingesetzt“, weiß Peter Stratmann, Senior Vice President der Inplan GmbH.

Neben den altbekannten industrietauglichen PDAs können Anwender mittlerweile auch Alternativen im Smartphone-Format einsetzen. So scheinen die Hersteller genau jene Bedürfnisse erkannt zu haben und führen nach und nach entsprechende Outdoor-Smartphones in ihrem Produktportfolio. Ein Beispiel wäre etwa das Samsung Galaxy S4 Active, das durch geänderte Gehäusematerialien IP67-geschützt ist und zudem einige Funktionen bietet, die im Logistikumfeld hilfreich sind. Carsten Schmidt, Projektberater bei Webbyte Systems, hierzu: „Robuste, an die jeweilige Belastung angepasste Industriegeräte sollten bei Bedarf Ortungsmechanismen, eine Fotofunktion oder weitergedacht sogar die Mess- bzw. Signalverarbeitung unterstützen.“

Anwender mit ins Boot holen

Nicht unterstützte Funktionen könnten Anwender mit einer entsprechenden mobilen Applikation aus den gängigen App-Stores „nachrüsten“ – werden jedoch komplexere Funktionen benötigt, bietet sich der Kauf einer individuell entwickelten App an. Dabei sollten Logistikdienstleister durchaus spezielle Anforderungen stellen. Zum einen sollten entsprechende Lösungen – wie von den meisten Anbietern propagiert – natürlich alltagstauglich und möglichst einfach zu bedienen sein. Zum anderen sollten die App-Funktionen auch zum jeweiligem Unternehmen passen und keine zeitintensiven Eingabemechanismen beinhalten. Wichtig ist, dass die Anwender mit in den Entwicklungsprozess eingebunden werden. Das weiß auch Jörg Fürbacher: „Eine mobile Anwendung in der Hafenlogistik kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Logistikmitarbeiter von Anfang an einbezogen werden.“ Der Vorteil dabei ist, dass Entwickler Informationen aus erster Hand erhalten und die Anwendungen nach den Vorgaben und Wünschen des Logistikers anpassen können. Funktionale Alltagsprobleme werden so auf dem schnellsten Wege behoben.

Doch gerade für kleine bis mittelgroße Unternehmen kommt eine Individuallösung aufgrund des erhöhten Investitionsaufkommens in der Regel nicht in Frage. Stattdessen wünschen sie sich Standardlösungen, die gängige Funktionen beinhalten und mit denen Transportprozesse effizienter durchgeführt werden können. Diese sollten laut Peter Stratmann von Inplan mit einem zentralen Anwendungsdesign aus einer einheitlichen Datenbasis punkten: „Wird zu stark auf die Möglichkeiten und Besonderheiten einzelner Betriebssysteme oder Geräte eingegangen, steigt der Aufwand für die Realisierung und Wartung verschiedener Plattformen um ein Vielfaches und kann sogar den eigentlichen Nutzen des Projektes übersteigen.“ Zusätzlich bestehe die Gefahr, Redundanzen von Daten zu erzeugen und das Auftreten von Störungen oder Fehlern in betrieblichen Abläufen zu übersehen.

Zudem merkt Stratmann an, dass für die Entwicklung von mobilen Lösungen in der maritimen Logistik das Grundprinzip „Eine Plattform – viele Endgeräte“ berücksichtig werden sollte. „Die Entwicklung sexy aussehender Apps, die nur für ein Betriebssystem entwickelt werden können, macht dort keinen Sinn, wo ein unüberschaubarer Aufwand für den zeitgleichen Betrieb weiterer Betriebssysteme (iOS, Android, Windows 8, etc.) entsteht.“

Mobiler Praxiseinsatz im Hafen

Im Idealfall unterstützen mobile Endgeräte die Hafenmitarbeiter bei kompletten Verladeprozessen vor Ort. Stellvertretend kann man etwa die Containerverladung nennen, bei der das in den Hafen einlaufende und mit Containern beladene Schiff den Ausgangspunkt darstellt. „Bei der Containerübernahme meldet der Trucker die Nummer des Containers, die vorgefundene Siegelnummer und die auf Grundlage der aktuellen Verkehrssituation geplante Ankunftszeit per mobilem Endgerät an das Cross-Dock-Lager (ein Ort, wo der Umschlag von Gütern ohne Zwischenlagerung erfolgt). Das Lager kann nun prüfen, ob sich der für den Abtransport notwendige LKW bereits am Lager befindet und ihn kurz vor Ankunft des Containers an eine Laderampe schicken“, veranschaulicht Carsten Schmidt von Webbyte Systems. Pa-rallel dazu werden administrative Aufgaben, wie die Dokumentenerstellung, begonnen. LKW-Fahrer würden sämtliche Dokumente, die sie zur Bearbeitung benötigen (wie etwa Zoll- und Frachtpapiere), automatisch übermittelt bekommen. Kommt der Container am Lager an, bestehe durch die optimalen Vorbereitungen die Möglichkeit eines One-Touch Crossdockings (schnelle Weiterverladung ohne Zwischenlagerung). So können Durchlaufzeiten, Prozesskosten sowie -risiken minimiert werden.

Trends und Projekte

Laut der IT-Anbieter wird auch in der (Hafen-)Logistik in naher Zukunft immer mehr „mobil“ gearbeitet. Konkrete Einsatzszenarien werden (noch) weitestgehend in Pilotprojekten erprobt. Ein Beispiel ist das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) geförderte Forschungsprojekt „RFID-based Automotive Network (RAN)“. Ziel ist die Entwicklung zukünftiger Standards für die Logistikbranche – so liegt der Fokus u.a. in der Einbeziehung und Optimierung von RFID-Prozessen. Beteiligt war u.a. auch Euro-Log, wie Jörg Fürbacher berichtet: „Gemeinsam mit Daimler haben wir die transparente Überwachung einer multimodalen Transportkette von der Verladung am Hafen Bremen bis hin zur Ankunft in Tuscaloosa/USA realisiert.“ Hierfür wurden Eventdaten per RFID erfasst, sodass beispielsweise Motoren eindeutig identifiziert und zugeordnet werden konnten.

Auch die verstärkte Einbeziehung von GPS-Daten könnte in Zukunft eine immer wichtigere Rolle in der Hafenlogistik spielen. So könnten Smart-
phones mit anderen location-based Services automatisiert interagieren und z.B. vor Ankunft am Hafen Hinweise zum Umschlagpunkt oder Zollverfahren geben. Jens Schöberling von Webbyte Systems glaubt zudem, dass sich die Sendungsstruktur weiter wandeln wird. Auch immer kleinteiligere Insellösungen werden seiner Meinung nach dabei eine Rolle spielen, einzelne Prozesse und Anforderungen zu automatisieren. „Diese Lösungen auf einem oder wenigen Standards basierend miteinander harmonisieren zu lassen, darf gerne einer der Trends sein“, so Schöberling.

In Anbetracht der Tatsache, dass die Logistik eine dynamische Branche ist und Knotenpunkte wie der Hamburger Hafen mit zunehmendem Umschlag rechnen, sind Lösungen gefragt, die Transport- und Verladeprozesse vereinfachen. Mobile Lösungen bieten schon einmal die Grundlage dafür, jedoch gilt es, einheitliche Standards, die auch in anderen Hafengebieten Gültigkeit besitzen, zu definieren. Die HPA hat mit der Einführung der Echtzeitkommunikation einen Anfang gemacht – nun gilt es, die Logistikunternehmen mit ins Boot zu holen.

Bildquelle: Thinkstock/ iStock

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