Blockchain-Anwendungen

Die Neuerfindung des dezentralen Internets

Früher war das Internet dezentral, dann kamen Google, Facebook & Co. Jetzt soll die Blockchain das Internet wieder dezentral machen.

Das Internet soll wieder dezentral werden

Das Internet soll wieder dezentral werden

Vor 25 Jahren, noch vor dem erst Ende 1994 sichtbar werdenden exponentiellen Wachstum des World Wide Web, hätte die Antwort auf die Frage „Was ist das Internet?“ an entscheidender Stelle die Stichworte „nicht-kommerziell“, „offen“ und „dezentral“ enthalten. Das trifft heute nicht mehr unbedingt zu, zwar ist die Technologie noch grob dezentral organisiert, doch die eigentliche „inhaltliche“ Infrastruktur ist so zentral, wie sich das damals niemand vorstellen konnte.

Das Internet früher und heute

Die ersten Vorläufer dieses Netzes entstanden 1969, in einem Forschungsprojekt des US-Verteidigungsministeriums, dass nach der Möglichkeit einer sicheren, möglichst dezentralen Kommunikation im Falle eines Atomkrieges suchte. Dafür wurden versuchsweise drei Computer miteinander verbunden. Die Vernetzung schritt rasch fort. Universitäten und Unternehmen wie IBM schlossen sich im Laufe der 1970er Jahre an das Experimentalnetz an. Anfang der 1980er Jahre hieß es dann endlich Internet und kam sogar nach Deutschland.

Nach 1992 entwickelte sich das World Wide Web und mit ihm die rasche, exponentiell verlaufende Zentralisierung und Kommerzialisierung des Internets. Der Massenandrang von Privatleuten, die nicht wie die frühen Nutzer an den Universitäten technische Profis waren, veränderte das Netz. Diese Menschen waren und sind froh, wenn sie das Internet unkompliziert und ohne großes Nachdenken nutzen können.

Dies führte zu Quasi-Monopolen von Unternehmen, die sich besonders stark auf die Bedürfnisse ihrer Kunden ausgerichtet haben. Und so blieb lediglich Google als Suchmaschine, Apple als Nische für Poser-Gadgets, Facebook als soziales Netzwerk, Amazon als Handelsplattform, SPON als Bürozeitvertreib, Instagram als Selfie-Hub, Snapchat für die Teenies, Twitter für die Freaks und Whatsapp für Mütter-Chatgruppen an deutschen Schulen. Hätte man das den Netzbewohnern der Siebziger gesagt, sie hätten eilends den Stecker gezogen.

Zentrales Netz, zentrale Willkür

Das Internet und die damit verbundenen Dienste sind in unseren Alltag integriert und kaum jemand mag noch darauf verzichten. Den Weg zum Zielort finden? Ein Hotel oder Restaurant buchen? Die neuesten Nachrichten lesen, hören oder sehen? Rechnungen bezahlen, Einkäufe erledigen, Reisen buchen, Handwerker bestellen? Das Internet hilft.

Doch die Zentralisierung hat nicht nur Vorteile, sie gibt einzelnen Unternehmen eine enorme Stärke. Das bekannteste Beispiel ist Facebook. Einerseits ermöglicht die Plattform auch noch dem letzten Flat-Earther oder Truther seine kuriosen bis gefährlichen Theorien ungestört zu verbreiten. Andererseits löscht Facebook willkürlich Beiträge, die auf die meisten Leute vollkommen harmlos wirken. Darauf hingewiesen, kann Facebook dann schon mal etwas seltsam reagieren.

Doch es gibt eine Gegenbewegung, die sogar von VC-Unternehmen wie Andreesen Horovitz und Tim Berners-Lee, dem Erfinder des World Wide Web unterstützt wird. Entwickler und Aktivisten wollen die dezentrale Blockchain-Technologie einsetzen, um ein dezentrales, nichtkommerzielles und die Privatsphäre schützendes „Internet“ im Internet zu verwirklichen. Dabei ist die Blockchain die Basis für dezentrale Apps (dApps). Der Grundsatz dabei: Die Daten sind über das gesamte Netzwerk verteilt auf den Computern der Nutzer gespeichert.

Das dezentrale Overnet (aus dem Underground)

Dieses dezentrale Netz ist ein Overlay über dem Internet und lässt sich am besten als „Overnet“ beschreiben. Am bekanntesten ist das Projekt Blockstack, dass mit dem Online-Office Graphite eine gut funktionierende Anwendung verfügt. Weitere Apps wie verschlüsselt arbeitende Chat-Apps sind in Entwicklung oder im Beta-Test. Um eine der Blockstack-Apps zu nutzen, muss sich der Anwender zunächst dort anmelden, eine Blockstack-ID erzeugen und sich dann mit dieser ID bei den jeweiligen Apps anmelden. Nicht ganz unkompliziert, aber das Projekt steht noch am Anfang.

Ein ähnliches Projekt ist das Startup Bluzelle. Es will eine dezentrale, weltweit verteilte Datenbank schaffen, die als Speicherplatz für dApps dienen soll. Dabei stellt jeder Nutzer ein wenig seines Festplattenplatzes zur Verfügung und erhält dafür eine „Bezahlung“ in Form von Blockchain-Tokens, mit denen er dann wiederum den Service der dApps bezahlen kann, wodurch die Entwicklung finanziert wird. Ein vergleichbares Konzept verfolgt auch das Startup StorJ. Es bietet einen dezentralen, verteilten Speicher in der Cloud. Jeder kann ihn nutzen und jeder kann, wenn er möchte, den freien Platz auf seiner Festplatte ebenfalls der Gemeinschaft anbieten.

OpenBazaar ist ein dezentraler Marktplatz, der die einzelnen Händler nur miteinander verbindet und Suchfunktion bereitstellt. Bezahlt werden die Waren über Bitcoin und dabei wird ein Treuhandverfahren genutzt, sodass die Zahlung den Verkäufer erst erreicht, wenn die Ware beim Käufer eingetroffen ist. Steemit ist ein soziales Netzwerk, das als Blockplattform ausgelegt ist. Die Besonderheit: Die Nutzer erhalten je nach Erfolg eines Postings Zahlungen in Form eines speziellen Blockchain-Tokens, des Steem.

Diese Token sind auch die Währung der Videoplattform Dtube, die es für jedes „Like“ gibt. Diese Projekte sind sämtlich noch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium und es lässt sich nicht sagen, welches Erfolg haben wird und welches nicht. Doch es zeigt sich schon, dass der Netz-Underground nicht nur grummelt und nörgelt, sondern tatsächlich aktiv wird und die Utopie des dezentralen, offenen und „zensurfreien“ Netzes für jedermann verwirklichen möchte.

Bildquelle: Thinkstock

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