Zubehör für Retrowahlkämpfe
Halloween und St. Martin sind vorbei, der Einstieg in die närrische Session ist überstanden und auch der
IT-Gipfel ist Geschichte. Unter dem ganz metamodern mit Unterstrichen versehenen Motto "digitalisieren_ vernetzen_ gründen" trafen sich CIOs mit der Kanzlerin, dem Wirtschaftsminister und anderen Politikern.
Ergebnis: Das übliche Füllhorn aus großen Worten und kleiner Münze. So dürfen sich Business Angels auf Investitionszuschüsse des Wirtschaftsministeriums in Höhe von 150 Millionen Euro freuen. Auch gibt es eine Gesetzesinitiative, nach der Streubesitz an Neugründungen von der Körperschaftssteuer befreit wird. Der Haken: Der Bundesrat muss noch zustimmen.
Das wirkt sparsam angesichts einer boomenden digitalen Wirtschaft. Aktuell sorgt die Informationstechnologie laut dem "Monitoring Report Digitale Wirtschaft" bereits für mehr als 20 Prozent des Produktivitätswachstums in allen Branchen. Der Anteil wird mit der fortschreitenden Digitalisierung weiter steigen - wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Denn ohne enorme Investitionen im Milliardenbereich wird die deutsche IT-Wirtschaft hinter den Erwartungen und anderen Ländern zurückbleiben. Notwendig ist ein modernes Breitbandnetz. Doch bislang liegt Deutschland so weit hinten, das eine
Statistik zum europaweiten Ausbau der Glasfasernetze unser Land erst gar nicht aufführt.
Das passt zu anderen Kennzahlen: Bei der Verbreitung von Computern am Arbeitsplatz ist Deutschland
abgestiegen: Von Rang drei (2007) auf den 6. Platz. Auch die PC-Kenntnisse sinken: 2008 lag Deutschland auf Platz vier der EU-Rangliste. Die von 60 auf 58 Prozent
gefallene Quote reicht derzeit nur noch für Rang zehn.
Und beim
Web Index 2012 der World Wide Web Foundation erreicht Deutschland nur einen peinlichen 16. Platz. In diesem Index untersucht die gemeinnützige Stiftung von Web-Erfinder Tim Berners-Lee Wachstum, Nutzung und Einfluss des Internet auf die Politik, das soziale Leben und die Wirtschaft in 61 Ländern weltweit.
Der Hauptgrund für die Schlusslichtposition: Die nicht ausreichende Bandbreite und Verbreitung von modernen Technologien wie IPv6. Die Kosten für den notwendigen Ausbau liegen nach Schätzungen des Branchenverbands Bitkom bei rund 130 Milliarden Euro.
Im Gegenzug rechnen die Bitkom-Experten mit gesamtwirtschaftlichen Effekten von insgesamt 336 Milliarden Euro innerhalb von zehn Jahren. Das klingt nach einer großtechnischen Lösung, bei der Politik und Konzerne mal so richtig ranklotzen. Doch der Innovationsschub durch die Digitalisierung erzeugen vor allem für Endanwender und findige Selbstständige ungeahnte Probleme mit dem Staat.
Wer zum Beispiel Veranstaltungen öffentlich im Internet übertragen will, etwa als Google Hangout On Air, bekommt es mit den Landesmedienanstalten zu tun. Er
macht nämlich Rundfunk und braucht eine Sendelizenz. Da reibt sich die Leichtigkeit digitaler Medien an der Schwerfälligkeit deutscher Behörden.
Sascha Lobo
sieht auf Spiegel Online sogar eine Institutionenkrise heraufziehen. Alte Antworten auf neue Fragen, nur das hätten unsere Institutionen zu bieten. Gut in dieses Bild passt die kurios wirkende
Nachricht von der Reindustrialisierung Europas. Das hat sich die EU-Kommission als Lösung all unserer Probleme ausgedacht.
Doch bevor jetzt im Ruhrgebiet die musealen Hochöfen wieder erglühen: Welche Industrie soll welche Produkte hier in Deutschland herstellen, die nicht bereits hier produziert oder aus anderen Ländern deutlich günstiger importiert werden? Umgekehrt gefragt: Welche Löhne sollen eine solche Industrieproduktion ermöglichen, um konkurrenzfähige und damit niedrige Preise zu erzielen?
Sicher ist die Überlegung, ein paar schicke Dampfloks vom Eisenbahnmuseum auf die Schiene zu setzen, eine interessante Alternative zum Verspätungseinerlei der Bahn - aber nur für ein paar Sekunden. Dann fällt sicherlich jedem die innovative Firma Apple ein, die keines ihrer Produkte in den USA herstellt. Dort forscht und entwickelt sie nur noch (und führt Patentprozesse).
Die ziemlich schrägen Ideen der EU sind allerdings in Deutschland auf enorme
Begeisterung gestoßen. Gut möglich, dass bereits die ersten Politiker in ihren Schränken nachschauen, ob dort noch ein paar gelbe Bauarbeiterhelme sind. Denn bis in die Neunzigerjahre hinein war ein Wahlkampf ohne Fotos behelmter Politiker mit schwarz berußten Wangen vor dem Kohlepütt undenkbar.
Ist Deutschland also eine rückschrittliche Nation? Brechen wir vergnügt in die Vergangenheit der Retroindustrien auf? Wollen wir lieber
Kühlschrankfabriken als Unternehmen der App-Economy? Eines ist auf jeden Fall klar erkennbar: Hier überwiegt die Skepsis in Sachen Digitalwirtschaft. Deutlich wird das an der hohen Quote der Anti-Internet-Artikel in den traditionellen Medien und dem sensationellen Erfolg des schrillen Warners Manfred "Hirnforscher" Spitzer.
Selbst wenn Experten fundiert über neuere Entwicklungen in der Informationstechnologie berichten, überwiegen die Aspekte Risiko, Sicherheit und Datenschutz. Erst dann kommt, gewissermaßen als Wurmfortsatz, der eine oder andere Satz zu Chancen und Möglichkeiten. Die entscheidenden Entwicklungen der zukünftigen Wirtschaft und Gesellschaft werden anderswo vorangetrieben.
Etwa in den Schwellenländern. Beim Einsatz von Cloud-Diensten haben Thailand, Malaysia oder Argentinien etablierte Märkte
überholt: Während in Deutschland nur 33 Prozent der Computer-Anwender Cloud-Angebote nutzen, sind es in den Schwellenländern 50 Prozent. Vor allem die Unternehmen dieser Länder haben die Chancen erkannt und nutzen moderne IT-Anwendungen ohne Investitionskosten.
Doch so ganz muss sich Deutschland nicht verstecken, es gibt eine Gegenbewegung. Zum Beispiel ist Berlin zu einem weltweit
beachteten Startup-Standort geworden, neben vielen anderen
Technologie-Knotenpunkten in Europa. Es besteht also noch Hoffnung. Doch die positiven Signale zeigen sich häufig entlang völlig neuer Wege, die in weitem Bogen um die herkömmlichen Institutionen herum führen.
So boomt in Deutschland das Crowdfunding. Das
überrascht Indiegogo-Gründerin Danae Ringelmann sehr und passt gar nicht in ihr Bild vom risikoscheuen und auf Ordnung pochenden Deutschen. Was sie nicht weiß: Die herkömmlichen Wege der Finanzierung sind für Startups kaum gangbar. Wer gibt einer verrückt klingenden Idee schon Kredit? Höchstens einer, der genauso verrückt ist.
Bildquelle: Paul-Georg Meister /
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