Riesige Chance für Marketer

„Die Warteschlange ist ein Geschenk“

Vor der Bäckerei, dem China-Imbiss oder der Post-Filiale – überall sieht man sie: Warteschlangen. Durch die neuen Hygieneregeln verbringen Menschen mehr Zeit mit Anstehen. Ihr Smartphone ist dabei ihr treuester Begleiter. Eine riesige Chance für Marketer, meint Cosimo Möller, CCO von Saatchi & Saatchi.

Cosimo Möller von Saatchi & Saatchi

„Wer wartet, möchte unterhalten werden“, weiß Cosimo Möller von Saatchi & Saatchi.

Es gibt wohl wenige Jahre, in denen sich menschliches Verhalten so plötzlich und eindrücklich verändert wie in diesem wunderbaren, verfluchten Jahr 2020. Das Corona-Virus zwingt uns zu sozialer Distanz, in der wir im Digitalen die ersehnte Nähe finden. Niemand weiß, ob „The New Normal“ mit Masken und Warteschlangen irgendwann zum Standard wird. Fakt ist aber, dass diese Situation vielen Unternehmen die Chance bietet, sich wieder auf das zu besinnen, was sie wirklich wollen: Kundennähe.

In Zeiten wie diesen gilt es für Marken, ihren Kunden das Leben leichter zu machen – das Smartphone ist der Schlüssel. Wer wartet, nutzt das Mobiltelefon. Wann immer ich an einer Warteschlange vorbeilaufe, sehe ich hell erleuchtete Bildschirme in den Händen der Kaufwilligen.

Was sehe ich konkret? Social-Media-Nutzung. Dienste wie Instagram, Twitter, Pinterest und Tiktok werden ohnehin schon zu über 50 Prozent mobil genutzt. Während der Corona-Monate wurden sie noch 20,7 Prozent häufiger eingesetzt. Was sehe ich noch? Kopfhörer. Die Menschen konsumieren viel stärker Online-Audio-Angebote – mich selbst eingeschlossen. Das Hörvolumen, also die Zahl der Stunden, die Menschen mit digitalen Audio-Angeboten verbrachten, hat allein von Februar auf März um 20,4 Prozent zugenommen. Was tun Menschen noch, während sie Schlange stehen? Sie befassen sich mit dem, wofür sie warten. Sie schauen sich die Speisekarte des Take-Aways online an. Sie prüfen, ob sie sich für ihre Anwesenheit in einem Restaurant mobil registrieren können, statt handschriftliche Zettel am Eingang auszufüllen. Sie sehen sich noch einmal das Regalsystem an, das sie gleich kaufen wollen. Alle drei Nutzungsweisen sind eine Einladung für Marken und Unternehmen.

Zwischen Warten und Shoppen

Die Kunden warten und sind bereit zu interagieren. Sind die Marken es auch? Marketing-Entscheider sollten die Gelegenheit ergreifen, um – spätestens jetzt – digitale Beziehungen zu ihren Kunden aufzubauen. Für die Gastronomie heißt das etwa: nicht nur Adressen sammeln, um den Corona-Vorschriften zu genügen, sondern digitale Registrierungen sowie eine Online-Speisekarte anzubieten und Kunden die Möglichkeit zu geben, diese etwa über einen Newsletter zu abonnieren. Im Fall einer neuen Infektionswelle bilden diese Kunden den Stamm für Lieferservice und Take-Away und können so Umsatzverluste abfedern. Auch Rabattcodes für lange Wartezeit lohnen sich für Kunden und den Handel.

Wer wartet, möchte unterhalten werden. Viele Consumer-Brands besinnen sich daher darauf, wieder mehr zu Unterhaltungsmarken zu werden. Dafür stellen sie entsprechenden Content in eigenen Kanälen zur Verfügung. Spiele haben Konjunktur, aber auch Tutorials. Wer vor dem Bettenhaus Schlange steht, hat auch Zeit für Tipps rund um gesunden Schlaf oder Einrichtungsideen für das Schlafzimmer. Wer sich Lebensmittel liefern lässt, freut sich über die dazu passenden Rezepte.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 09-10/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

In jeder Krise gibt es Gewinner und Verlierer. Smarte Marketer kooperieren mit Krisengewinnern. Das können andere Marken sein – oder Influencer. So hat z.B. der Eiscremehersteller Ben & Jerry’s mit Netflix die neue Eissorte Netflix & Chilll'd kreiert. Und Zalando arbeitet mit Tiktok-Influencerin Dalia Mya zusammen. Tiktok wird übrigens zu 90 Prozent mobil genutzt. Wer hier mit seiner Marke, seinem Shop und seinen Botschaften präsent ist, erreicht auch die Kunden in der Warteschlange.

Bildquelle: Saatchi & Saatchi

©2021Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok