Supply Chain Management

Die wertvollste Kette der Welt

Heute bestellt, morgen da – so lautet eines der Versprechen des E-Commerce. Und dazwischen? Fakt ist, nie waren reibungslose Prozesse entlang der Lieferkette geschäftsentscheidender als heute, wo Kunden zwischen tausenden Angeboten verschiedener Hersteller und Anbieter wählen können.

  • Paketband

    Dem Supply-Chain-Management (SCM) kommt eine immer wichtigere Rolle innerhalb der Logistik zu. ((Bildquelle: Getty Images/iStock))

  • Rainer Schulz, Sysmat

    Rainer Schulz, Sysmat GmbH: „Moderne Kommunikationsmittel sorgen für eine steigende Prozess-geschwindigkeit: Ein Griff zum Smartphone reicht heutzutage aus, um weltweit einzukaufen.“ ((Bildquelle: Sysmat))

  • Daniel Dombach, Zebra

    Daniel Dombach, Zebra Technologies: „In dem hart umkämpften und schnelllebigen Markt von heute kann es teuer werden, sich den neuen produktivitätssteigernden Technologien nicht an-zupassen.“ ((Bildquelle: Zebra))

  • Professor Dr. Matthias Klumpp

    Prof. Matthias Klumpp, FOM: „SCM-Lösungen werden in Analyse und Gestaltungsvorschlägen sehr von KI-Anwendungen profitieren; für viele Unternehmen wird es zum zentralen Wettbewerbsfaktor, diese Instrumentarien einzusetzen.“ ((Bildquelle: FOM)

Um zu gewährleisten, dass die bestellte Ware zeitnah beim Endkunden ankommt, muss zuvor eine durchgängige Versorgung der Händler gewährleistet sein. Aus Kosten- und Effizienzgründen verlagert sich seit längerem der Trend, möglichst große Kontingente in Warenlagern zu verstauen, zunehmend dahin, schlanke und optimierte Bestände vorzuhalten und gefragte Güter bei Bedarf anzufordern. Dies ist eine Herausforderung für die Fertiger und Teilelieferanten, denn sie müssen dafür sorgen, dass sie sehr zügig die benötigte Ware bereitstellen können. Hier ist ein zuverlässiges Supply Chain Management (SCM) unerlässlich, denn es stellt sicher, dass alle Zahnräder, von der Herstellung bis zur Auslieferung, reibungslos ineinandergreifen.

Logistik oder SCM – Henne oder Ei?

Doch was versteht man unter Supply Chain Management überhaupt? Immer wichtiger wird dieser Begriff gerade im Umfeld von Logistik- und Industrie-4.0-Szenarien und doch scheint es nach wie vor nicht ganz einfach zu sein, die Lieferkette von der Logistik abzugrenzen. Rainer Schulz, der sich als Geschäftsführer von Sysmat auf Software-Systeme für Materialfluss spezialisiert hat, erklärt weshalb: „SCM umfasst jeden relevanten Fluss entlang der gesamten Wertschöpfungs- und Lieferkette – vom Kunden bis zum Lieferanten – sowie die integrierte prozessorientierte Planung und Steuerung.“ Neben Waren und monetären Mitteln zählen dazu Schulz zufolge auch Informationen. Da die „klassische“ Logistik die Grenzen eines Betriebes nicht überschreite, ergebe sich aus dieser Definition eine Abgrenzung beider Bereiche.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 9-10/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

„Wertschöpfungskette“ kann an dieser Stelle wörtlich genommen werden, denn wie Daniel Dombach, Director EMEA Industry Solutions bei Zebra, anmerkt, behandelt das Supply Chain Management den gesamten Prozess: „ausgehend von der Rohstoffgewinnung über die Veredlungsstufen bis hin zum Endverbraucher“. Eine vernetzte Supply Chain, so der Experte, biete die notwendige Transparenz, um Vermögenswerte, Personen, Prozesse und Bestände miteinander zu verbinden. „So werden eine reibungslose Chain of Custody, zuverlässige Genauigkeit und eine fundierte Entscheidungsfindung in Echtzeit ermöglicht.“

Eine strukturelle Abgrenzung von der klassischen Logistik sieht Professor Matthias Klumpp allerdings nicht – zumindest nicht im heutigen, vernetzten Zeitalter. Der Direktor des FOM-Instituts für Logistik- und Dienstleistungsmanagement erklärt: „SCM steht für die unternehmensübergreifende Betrachtung und Gestaltung von Wertschöpfungsketten – also eines globalen Zusammenhangs mit vielen Akteuren. Da die moderne Logistik ein gleichlautendes Verständnis hat – insbesondere durch Digitalisierung globale Wertschöpfungsnetzwerke zu analysieren und zu steuern – gibt es keine stichhaltige Unterscheidung zur Logistik.“

Anforderungen von Logistik 4.0

Wie lässt es sich also erklären, dass ein so essenzieller Baustein des gesamten Konsumgüterkreislaufs erst seit einigen Jahren eine verstärkte öffentliche Aufmerksamkeit erfahren hat? Eine Antwort darauf ist sicherlich die steigende Bedeutung des E-Commerce. „Im Vergleich zu früher hat sich die Konkurrenzsituation am Markt deutlich verschärft. Unternehmen stehen mittlerweile im engeren Wettbewerb, Produktqualität allein macht häufig keinen Unterschied mehr“, erklärt Rainer Schulz. Auch die Globalisierung spiele eine Rolle, denn durch sie werden die Wege kürzer. Da man außerdem jederzeit über Mobilgeräte mit wenigen Klicks einkaufen kann, steige die Prozessgeschwindigkeit.

Diesen Punkt greift auch Daniel Dombach auf und betont, dass sich moderne Arbeitsplätze immer mehr hin zu intelligenten, innovationsgetriebenen Umgebungen entwickeln, die die physische mit der digitalen Welt verbinden. Die Veränderung täglicher Aufgaben führe dabei zu mehr Produktivität und einer höheren datengesteuerten Transparenz von Betrieben. Daher, so der Fachmann, sei es zwingend erforderlich, Teams, Anlagen und Systeme in Echtzeit miteinander zu verbinden. Um dies zu unterstreichen, zitiert er eine Zebra-Studie, aus der hervorgehe, dass der Einsatz mobiler Handheld-Computer weiterhin deutlich zunehmen und gleichzeitig der Bereich der Built-in-Barcodescanner in den nächsten fünf Jahren weltweit wachsen werde. Bedenkt man, dass dazu immer mehr Anlagen, Fahrzeuge und andere Geräte miteinander verknüpft, überwacht und gesteuert werden, wird der Vorteil eines SCM klar. „Verschiedenste Sensoren und Software-Programme ermöglichen eine permanente Sicht auf die Prozesse in der Supply Chain und erlauben eine schnelle Reaktion im Fall von Fehlern oder Problemen. Diese Vernetzung spielt eine wesentliche Rolle in der Logistik 4.0 bzw. dem Internet der Dinge (IoT)“, erläutert Dombach.

Der (Fehler-)Teufel steckt im Detail

Immer wieder wird also die Bedeutung von reibungslosen Abläufen entlang der Lieferkette betont, doch gilt es dabei auch, potentielle Fehlerquellen zu identifizieren, sie zu analysieren und schlussendlich zu beheben – an dieser Stelle setzen SCM-Lösungen an. Grundsätzlich sind entlang der Kette diejenigen Abläufe am schwersten zu kontrollieren, die eingebundene Dienstleister betreffen, da häufig kein genauer Einblick in deren Prozesse möglich ist, sagt Rainer Schulz. Dass  außerdem auch Prozesse im eigenen Lager nicht vor Unsauberkeiten gefeilt sind, fügt er hinzu: „Vom Warenausgang bis zum vorgesehenen Platz bzw. zur letztendlichen Auslieferung kann es schnell zu stockenden Vorgängen kommen – die sich dann auch negativ auf andere Abläufe auswirken.“

Dombach verweist auf den Einsatz mobiler Technologien, einschließlich Rugged Devices, Scanner, Drucker, Wearables und in Zukunft auch Datenbrillen, die die wachsenden Widrigkeiten für Hersteller, Lager, Einzelhändler sowie Transport- und Logistikunternehmen verringern sollen. „Die Erfassung und Speicherung aller prozessrelevanten Daten ermöglicht hierbei die Sichtbarkeit des Waren- bzw. Lieferbestands in Echtzeit, um schnellstmöglich auf Bestellungen reagieren zu können und Kundenwünsche zu erfüllen.“

Um eine weitreichende Prozessdurchgängigkeit und Transparenz zu gewährleisten, ist ein genaues Wissen über den Warenbestand essenziell. Doch für Unternehmen gestaltet es sich mitunter schwer, dieses bereitzustellen. Rainer Schulz von Sysmat erklärt, dass sich vor- und nachgelagerte Prozesse infolge unzureichender Ende-zu-Ende-Sichtbarkeit schwerer integrieren lassen. Da jedoch in dieser Eingliederung die Basis für flexible, schnelle und kostengünstige Abläufe entlang der gesamten
Lieferkette liege, gestalte sich ohne sie eine Optimierung für das betreffende Unternehmen kompliziert.
Daniel Dombach ergänzt, dass eine durchgehende Ende-zu-Ende-Sichtbarkeit vom Lagerbestand bis hin zum Einkaufsverhalten Händlern einen Leistungsvorsprung durch besseren und schnelleren Service verschaffe – eine der zentralen Herausforderungen der On-Demand-Wirtschaft. So erhalte der Kunde das, was er möchte auch so, wie er es möchte. Ist die Ware innerhalb des Lagers sichtbar oder die Bewegung eines bestimmten Gabelstaplers kontrollierbar, können Lieferziele wie „Same Day“ oder „Next Day“ auch tatsächlich eingehalten werden.

Ressourcen schonen

Prozessautomatisierung, intelligente Routinen, Robotik und maschinelles Lernen spielen im industriellen Umfeld eine wichtige Rolle, da sie einerseits den Menschen entlasten aber auch zu Prognostizierbarkeit führen. Zentraler Bestandteil ist hier die Künstliche Intelligenz (KI), der alle drei Experten eine Schlüsselrolle bescheinigen. Dass KI gerade im Zusammenhang mit der globalen Verflechtung von Lieferketten, verkürzten Produktlebenszyklen und individualisierten Kundenwünschen ein enormer Vorteil sein kann, betont Schulz. So könne sie etwa anstehende Auftragsflauten und -spitzen frühzeitig identifizieren und so dabei helfen, Rohstoffversorgung und Lieferumfänge besser zu verwalten.

Es liegt auf der Hand, dass die immer schnellere Auslieferung von Ware in Verbindung mit abnehmender Produkthaltbarkeit dem Konsumverhalten der Kunden geschuldet ist und dass alle beteiligten Akteure ihren Profit maximieren möchten. Jedoch spielt auch das Thema „Nachhaltigkeit“ eine zunehmende Rolle. Reverse Logistics, also die „Umkehrlogistik“, befasst sich mit der Frage, was mit der Ware geschieht, sobald sie ihr konventionelles Lebensende erreicht hat. Dies kann die fachgerechte Entsorgung beinhalten, idealerweise aber auch Konzepte wie Recycling, Refa-brikation oder Instandsetzung. Als Qualitätsstandard gilt hier das SCOR-Modell, das aus den Schritten Beschaffung, Herstellung, Lieferung und Rückgabe besteht. Ergibt sich hier ein geschlossener Kreislauf, spricht man von einer Closed Loop Supply Chain. Dies muss in das SCM eingegliedert werden, erklärt Schulz: „Rückwärtsgerichtete Warenströme sind nur zum Teil planbar. Es gilt, sie zu erfassen, Produkte zu bewerten und eine optimale Weiter- und Wiederverwendung zu ermöglichen.“ Und auch Klumpp betont die Bedeutung von nachhaltigen SCM-Prozessen. Für ihn ist es dabei wesentlich, Transparenz zu schaffen und z.B. zu klären, an welcher Stelle der Wertschöpfungskette wie viel CO2-Emission entsteht. Und Daniel Dombach, der sich mehr Aufmerksamkeit für das Thema Nachhaltigkeit bei SCM-Lösungen wünscht, plädiert für eine ausgewogene Gesamtkalkulation, bei der neben einer digitalisierten Lieferkette auch neue Mobilitätskonzepte wie Drohnen oder E-Mobilität großes Potenzial haben.

 

 

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