App-Entwicklung

„Die Zeit der Experimente ist vorbei”

Holger Meyer, Geschäftsführer bei Appsolute, im Interview über Innovationspotenziale, Konkurrenzsituationen und neue Anforderungen an App-Entwickler.

Holger Meyer, Geschäftsführer bei Appsolute

Das disruptive Potenzial von Apps ist laut Holger Meyer von Appsolute nach wie vor enorm.

Wieso eignen sich mobile Apps so gut als Testfeld für moderne Technologien (Siehe AR/VR, IoT, KI)?
Smartphones sind die Schnittstelle zwischen Technologie und Mensch. Die Marktdurchdringung ist gewaltig und hat die des PCs seit Langem um ein Vielfaches übertroffen. Von daher sind sie wie kein anderes Gerät geeignet neue Technologien mittels Apps sehr umfangreich auf Akzeptanz und Nutzen zu testen.

Die Veröffentlichung vieler wegweisender Anwendungen liegt bereits Jahre zurück. Wie viel disruptives Potential steckt heute noch in der App-Entwicklung?
Das disruptive Potenzial von Apps ist nach wie vor enorm. Getrieben wird dies vor allem durch Entwicklungen, die mit Apps an sich erst einmal nicht so viel zu tun haben. Dabei zeichnen sich vor allem zwei Entwicklungen ab: softwareseitige Innovation wie Machine Learning, AI und AR und hardwareseitige Innovationen wie z.B. im medizinischen Bereich mit der Entwicklung von Sensorik. Vor allem in der Kombination beider Bereiche sehe ich enormes Potential an Disruption, vor allem auf im Health-Sektor. Apps an sich werden dann eher so etwas wie ein verlängerter Arm sein, oder anders formuliert: die Schnittstelle zwischen (disruptiver) Technologie und Anwender. Aufgabe der App Entwickler wird es dann sein, beides über die "Schnittstelle App" dem Menschen zugänglich zu machen.

Welche Rolle spielt der Innovationsgedanke heutzutage bei der Entwicklung? Muss eine App immer noch zwingend progressiv und außergewöhnlich sein?
Das hängt stark davon ab, in welchem Bereich sich die App bewegt. Aber mit Sicherheit gehören die Zeiten, in denen Apps mit immer neuen Nutzerkonzepten und außergewöhnlichem UI- und UX-Design auffallen wollten, im Großen und Ganzen der Vergangenheit an. Apps sind erwachsen geworden und mit ihnen ihre Nutzer. Ein Anwender erwartet heute ein schlüssiges und vor allem einfach zu erfassendes Nutzererlebnis. Das Konzept Touchscreen ist mittlerweile ein fast omnipräsenter Teil unserer Alltagserfahrung  und ein Nutzer erwartet daher auch den Einsatz etablierter und bereits verstandener Bedienkonzepte. Die Zeit der großen Experimente ist in diesem Sinne sicherlich vorbei. Im Bereich Gaming gilt dies wahrscheinlich nicht in gleichem Maße, da ist sicherlich noch einiges an Innovationspotential vorhanden.

Wie schlagen sich die erhöhten Anforderungen an mobile Anwendungen (Perfomance, Dateigröße, Monetarisierung, Sicherheit etc.) auf die Entwicklungsbedingungen nieder?
Das wirkt sich sehr unterschiedlich aus, denn mit den höheren technischen Anforderungen sind auch die technischen Voraussetzungen gewachsen. Was Performance und Dateigröße betrifft, muss man sagen, dass einem dort Ungenauigkeiten in der Programmierung heute eher verziehen werden, als in der Anfangszeit der Smartphones. Die Geräte sind inzwischen extrem performant und auch der Speicherplatz ist sehr viel größer. Heute geht es oftmals eher darum den Batterieverbrauch so gering wie möglich zu halten, als auf reine Performanz zu optimieren.

Was die Monetarisierung betrifft, haben sich die Anforderungen an sich eigentlich nicht verändert. Geld musste schon immer verdient werden. Es ist lediglich schwerer geworden rentabel zu arbeiten, denn die Konkurrenz ist einfach enorm gewachsen. Zudem muss man sich als Entwickler mit neuen Erlösmodellen auseinandersetzen. In den ersten Jahren konnte man auf zwei Weisen Geld verdienen, entweder durch den Verkauf von Apps oder durch Werbung innerhalb der Apps. Mittlerweile wird der Großteil des Geldes entweder mit Abonnements oder durch In-App Verkäufe umgesetzt. Da hat schon ein gewaltiger Paradigmenwechsel stattgefunden. 

Apps sind gewissermaßen zu einem günstigen Fließbandprodukt geworden. Wie hat sich die Konkurrenzsituation für Entwickler in den letzten Jahren entwickelt?
Als App Entwickler der aller ersten Stunde – unsere erste App, das Musiktheorie Programm „Better Ears” erschien 2008 – stellen wir seit unserem Beginn natürlich eine enorme Veränderung bzgl. der Konkurrenzsituation fest. In den Anfangstagen wurden wir mit Anfragen zur App-Entwicklung förmlich überrannt. Das nahm teilweise dermaßen überhand, dass wir kaum noch zum Arbeiten kamen – uns erreichten täglich mehrere Anfragen bzgl. einer App-Entwicklung. Von der Privatperson mit der vermeintlich genialen App-Idee bis hin zum Dax-Unternehmen war da alles dabei. Das hat sich mittlerweile natürlich komplett verändert. Die Wettbewerbssituation ist heute eine ganz andere, denn es gibt eine viel höhere Zahl an Mitbewerbern im Markt. Ich denke für Neueinsteiger in diesem Bereich ist die Konkurrenzsituation nicht einfach. Wir selbst profitieren von unserem frühen Einstieg und betreuen viele unserer Kunden zum Teil schon seit über zehnJahren und gewinnen den Großteil unserer Neukunden durch Weiterempfehlung.

Welche Kompetenzen muss ein App-Entwickler heutzutage neben der reinen Programmierung mitbringen?
Ein gutes Verständnis für UX Design ist enorm hilfreich. Dabei geht es nicht nur darum zu verstehen wie ein gutes Interface aussieht und funktioniert, sondern auch darum, ein Gefühl dafür zu haben, wann welche Aktionen schnell geladen und/oder ausgeführt werden müssen. Außerdem sehr hilfreich ist ein – zumindest grundlegendes Wissen – von Backend Computing. Mittlerweile erfordert fast jede App irgendeine Art von Backend. Als App Programmierer profitiert man enorm, wenn man über Erfahrung in diesem Bereich verfügt.

Welche Rolle spielt das Duopol von Android und Apple für Entwickler? Vereinfacht die übersichtliche Situation bzgl. der Betriebssysteme den Entwicklungsprozess oder ergeben sich daraus vielleicht sogar erschwerende Abhängigkeiten?
Diese Frage ist schwierig zu beantworten und die Antwort hängt wahrscheinlich auch davon ab, ob man als Publisher oder Dienstleister arbeitet. Wir kennen beide Sichtweisen, weil wir sowohl über Jahre eigene Software vertrieben haben, als auch als Dienstleister für Kunden arbeiten. Aus Publisher-Sicht ist die Duopol-Situation schon alleine deshalb problematisch, weil man die Software nicht ernsthaft über einen eigenen Kanal vertreiben kann. Letztendlich ist man auf den Google Play Store und Apples App Store angewiesen, beide Kanäle bringen hohe Kosten für Provisionen mit sich. Zudem muss man sich den Regeln der beiden Konzerne unterwerfen, was manchmal nicht ohne Bauchschmerzen funktioniert.

Aus Dienstleistersicht profitiert man natürlich davon, dass es nur zwei Plattformen gibt. Mehr Zielplattformen zu adressieren bedeutet fast zwangsläufig mehr Aufwand, mehr Expertise und daher auch mehr Personal.

Bildquelle: Appsolute

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