Strategieinterview

„Die Zeit ist reif fürs mobile Bezahlen"

Im Interview erläutert Thomas Haarmann, Deutschland-Chef beim Payment-Service-Provider Elavon, wie weit der deutsche Handel beim Thema „Payment 4.0“ ist und welche Hürden er anno 2019 zu überwinden hat.

  • Mobiles Bezahlen via Smartphone

    Mobiles Bezahlen gehört nach wie vor zu den wichtigsten Payment-Trends. ((Bild: Gettyimages/iStock))

  • Thomas Haarmann, Deutschland-Chef beim Payment-Service-Provider Elavon

    „Wir haben Payment 1.0 zwar hinter uns gelassen, sind aber noch längst nicht bei 4.0 angekommen, allerdings auf einem guten Weg dahin“, konstatiert Thomas Haarmann, Deutschland-Chef des Payment-Service-Providers Elavon. ((Bild: Elavon))

MOB: Herr Haarmann, was verstehen Sie unter dem Begriff „Payment 4.0“?
Thomas Haarmann:
Den meisten dürfte der Begriff „Indus-trie 4.0“ geläufig sein. Darunter wird die intelligente Vernetzung von Maschinen und Abläufen in der Industrie verstanden, also die Digitalisierung. Beim Payment sind natürlich viele Prozesse längst digital, das fängt beim elektronischen Geld an, hört dann allerdings bei den Händlergutschriften meist auf. Payment 4.0 geht für mich deshalb einen Schritt weiter. Zunächst geht es darum, Prozesse, die zum Teil noch analog sind, weiter zu digitalisieren. Das können Händlerbelege sein oder auch Bereiche der Warenwirtschaft.

In einem zweiten Schritt – und der bezeichnet dann Payment 4.0 im eigentlichen Sinne – geht es darum, alle Systeme so miteinander zu vernetzen, dass man am Ende einen einheitlichen volldigitalen Prozess erhält. Und der umfasst mehr als das Payment an sich. Das fängt damit an, dass man einem Händler überhaupt Kartenakzeptanz ermöglicht, und geht weiter über die Einbindung des Bezahlsystems in seine Office- bzw. POS-Umgebung bis hin zur digitalen Integration seiner Warenwirtschaft, wie sie beispielsweise unser iPad-Kassensystem von Tillhub oder die Lösung unseres strategischen Partners Enfore ermöglicht.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Das Ziel von Payment 4.0 ist die volle Integration aller Prozesse. Genau das streben wir mit unseren Produkten und Services an. Unsere Strategie ist es, Integrated-Payment-Services anzubieten und die Prozesse weiter zu digitalisieren. Das heißt, wir schaffen für Händler Lösungen, die es ihnen ermöglichen, ihren Kunden ein sehr einfaches, komfortables und durchgängiges Shopping- und Payment-Erlebnis zu bieten. Und das im besten Fall über ein modernes zentrales Multi-Channel-Gateway. Dadurch wird die Conversion Rate optimiert und die Zahl der Kaufabbrüche gesenkt.

MOB: Inwieweit ist „Payment 4.0“ im deutschen Handel angekommen?
Haarmann:
Wir haben Payment 1.0 zwar hinter uns gelassen, sind aber noch längst nicht bei 4.0 angekommen, allerdings auf einem guten Weg dahin. Das zeigt schon der neue Bezahltrend „Wallet-Payment“ mit Systemen wie Apple Pay und Google Pay, die gerade antreten, um den europäischen und den deutschen Markt zu erobern. Eine Kreditkarte ist ja auch nur noch ein „Formfaktor“, dahinter verbergen sich längst volldigitale Zahlungssysteme. Ob sich der Chip, der die digitalen Zahlungsinformationen enthält, auf einer Karte, einer Smartwatch oder einem Schlüsselanhänger befindet, ist letztlich egal. Wir sind bei der Digitalisierung von Zahlungsmitteln also bereits auf einem sehr erfolgreichen Weg.

MOB: Wo steht Deutschland aktuell beim Thema „M-Commerce“?
Haarmann:
Hierbei muss zunächst die Frage beantwortet werden: Wer treibt eigentlich die Entwicklungen – der Anbieter oder der Konsument? Ich denke, nur wo Angebot und Nachfrage in einem sinnvollen Verhältnis existiert, kann es auch ausreichend genutzt werden. Da kann es noch so viele innovative Lösungen auf der Angebotsseite geben: Wenn es an der Nutzung scheitert, wird sich das Thema totlaufen.

Nehmen wir das Beispiel „Contactless Payment“: Hierfür musste zunächst die Infrastruktur auf Händlerseite bereitgestellt werden. Denn besitzt ein Kunde eine Karte mit Kontaktlosfunktion, kann damit aber nicht bezahlen, wird er das vielleicht ein zweites oder eventuell noch ein drittes Mal versuchen – stößt er wiederholt auf Ablehnung, wird er das Angebot nicht weiter nutzen. Contactless Payment ist heute erfolgreich etabliert, für das Mobile Payment zeigt sich dasselbe: Erst stand die Infrastruktur auf Händlerseite, dann kamen die Banken mit ihren Apps für die Mobilgeräte – und jetzt kann sich Mobile Payment im Markt etablieren.

MOB: Welche Länder sind Deutschland in Sachen „M-Commerce“ und „M-Payment“ meilenweit voraus und warum?
Haarmann:
Wenn man die Historie betrachtet, ist Deutschland noch nie ein Markt gewesen, in dem kartenbasiertes Zahlen dominiert hat – und das Gleiche lässt sich jetzt beim Thema „M-Commerce“ beobachten. Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten bildet Deutschland das Schlusslicht, wenn es um digitales Bezahlen geht. 76 Prozent aller Zahlungen, die wir bundesweit über unsere Kassensysteme abwickeln, sind nach wie vor Barzahlungen. Ein sehr großer Anteil davon sind Kleinstbeträge. In Großbritannien dagegen sind 65 Prozent aller Zahlungen kartenbasiert. Im nördlichen Europa sind es sogar mehr als 80 Prozent.

Aber auch in Deutschland sehen wir einen positiven Trend in Bezug auf kartenbasierte Zahlungen. Diesem Trend können neue Verfahren wie Apple Pay und Google Pay sicherlich einen Schub verleihen. Vielleicht dienen sie auch dazu, die bisher eher konservative Haltung der Deutschen zum bargeldlosen Zahlen etwas aufzubrechen. Denn in der Vergangenheit gehörten Sicherheit und Datenschutz zu den angeführten Gründen, warum der Hang zum Bargeld überwog. Da ticken unsere europäischen Nachbarn anders und Asiaten sowie Nordamerikaner sowieso. Doch auch in Deutschland scheint sich jetzt etwas zu bewegen. So zeigen jüngste Marktanalysen, dass kartengestützte Zahlungen zunehmen und Bargeld weiter an Bedeutung verliert.

MOB: Mit welchen konkreten Hürden hat Deutschlands Handel auf dem Weg zu „Payment 4.0“ anno 2019 zu kämpfen?
Haarmann:
Wenn wir bei Payment 4.0 von einer Gesamtdigitalisierung aller Payment-Prozesse unter Integration aller Systeme sprechen, dann wird es sicher in den nächsten zwei bis drei Jahren signifikante Fortschritte geben, trotz der eher konservativen Haltung. Ich denke, wir sind bereits auf einem guten Weg, wenn ich beispielsweise unser iPad-basiertes Kassensystem betrachte – eine moderne Plattform mit cloud-basierter Kassenlösung, integrierter Warenwirtschaft, Shop-Management und Payment. Das ist schon ein großer Schritt in Richtung Payment 4.0.

MOB: Wann wird sich denn das mobile Bezahlen hierzulande tatsächlich durchgesetzt haben?
Haarmann:
Der technische Standard beim bargeldlosen Bezahlen ist quasi immer gleich. Der Kontaktlosstandard, der bei der mobilen Bezahlung zum Tragen kommt, bekommt intern nur eine andere Kennung. Damit ein technischer Trend durchschlägt, muss die Zeit dafür reif sein. Und ich denke, das ist sie.

Die Vorteile sind groß: Kunden können z.B. schnell nachschauen, in welchen Geschäften sie waren und was sie gekauft haben. Und wenn man es richtig nutzt, kann man beispielsweise zur Restaurantrechnung gleich noch den Link zur Website ablegen. Wenn man dann mal überlegt, wo man gut gegessen hat, findet man es gleich. Durch solche simplen Anwendungen wächst die Bereitschaft, das Smartphone in immer mehr Alltagssituationen einzusetzen – wie es Asiaten, US-Amerikaner und vor allem unsere nordeuropäischen Nachbarn längst tun.

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