Mobile Helfer im Lager

Digital-Analytics-Kenntnisse gefragt

Interview mit Philipp Rauschnabel, seit 2014 Assistant Professor für Marketing mit den Schwerpunkten New Media und Branding an der University of Michigan-Dearborn, USA, über den Einsatz von Rugged Devices in Lager und Logistik, die Vor- und Nachteile und welche Rolle der Mensch hierbei zukünftig spielen wird

Philipp Rauschnabel, Universität Michigan

„Einen Miniaturcomputer am Kopf zu haben, ist natürlich auch aus gesundheitlichen Gründen nicht ganz unbedenklich“, betont Philipp Rauschnabel, Assistant Professor für Marketing an der University of Michigan-Dearborn.

Herr Rauschnabel, welchen Einfluss übt die zunehmende Digitalisierung auf die Lagerlogistik aus?
Philipp Rauschnabel:
Informationen werden immer und überall in Echtzeit zur Verfügung gestellt. Lieferketten können effizienter gestaltet werden, da jederzeit relevante Informationen vorliegen.

Welche Rolle spielen hierbei mobile Endgeräte wie Handhelds und Datenbrillen?
Rauschnabel:
Sie können Fehler umgehend identifizieren und Mitarbeiter intelligent steuern (z.B. optimierte Routen/Laufwege etc.). Momentan haben Mitarbeiter häufig noch Handhelds (d.h. smartphone-ähnliche Geräte), mit denen sie beispielsweise Barcodes einscannen. Um diese zu bediennen, braucht man mindestens eine Hand. In Zukunft wird es reichen, ein Produkt nur anzuschauen, und es wird mittels Brille „handsfree“ identifiziert und abgelesen.

Welche Möglichkeiten bringen die „mobilen Helfer“ mit sich?
Rauschnabel:
„Handsfree“, Dokumentation von Dingen, Kollaboration „im Sichtfeld“ – wie beispielsweise: Ein Vater „malt“ auf dem iPad, wo/wie seine Tochter ein Rohr installieren soll. Das wird ihr direkt im Sichtfeld der Datenbrille angezeigt. Solche Beispiele bieten sich natürlich auch bei der Wartung von Gabelstaplern im Lager an, bei Fragen zu Produkten oder anderen Problemen können Vorgesetzte oder Kollegen direkt „ins Sichtfeld eingeblendet werden“ und sehen, was der Arbeiter sieht. Außerdem kann man jederzeit Fotos machen und alles dokumentieren.

Wie gestaltet sich die Akzeptanz der Lagermitarbeiter insbesondere bei Datenbrillen?
Rauschnabel:
Das muss man aus zwei Perspektiven sehen: Unternehmensebene und Mitarbeiterebene. Zuerst muss ein Unternehmen motiviert werden, Smart Glasses einzusetzen – d.h. in die Technologie zu investieren. Treiber und Barrieren sind da natürlich die erwarteten Produktivitäts- und Effizienzsteigerungen, d.h.: Können Kosten gesenkt werden oder/und Prozesse schneller/besser/sicherer/einfacher gemacht werden – natürlich bei minimalen zusätzlichen Kosten für die Einführung und den Betrieb? Das umfasst natürlich auch die Abschätzung dafür, wie lange es dauert, bis Mitarbeiter mit der neuen Technologie umgehen können. Aus technischer Sicht müssen die Smart Glasses mit bestehenden Enterprise-Resource-Planning-Systemen (ERP) und gegebenenfalls anderen Systemen integriert werden. Auch benötigt man eine entsprechende Infrastruktur – flächendeckendes Internet, Ersatzakkus/Ladestationen, technischen Support usw.

Dann gibt es natürlich noch Barrieren: Wie wird mit dem Datenschutz umgegangen? Technisch gesehen arbeiten die Mitarbeiter ständig mit einer laufenden Kamera. Sollte sich hier jemand „einhacken“, kann er/sie quasi alles live mitverfolgen, was der Mitarbeiter erlebt. Das ist zum einen aus Sicht der Persönlichkeitsrechte der Mitarbeiter relevant, da faktisch jedes Gespräch aufgezeichnet werden würde. Zum anderen könnten aber auch Firmengeheimnisse nach außen dringen.

Das geht zwar nun etwas über das Thema hinaus, dennoch ist es in diesem Zusammenhang spannend: Durch die Nutzung von Smart Glasses werden auch Mitarbeiter gefilmt, die keine Smart Glasses nutzen. Da die Kameras und Brillen so klein (und momentan auch noch recht unbekannt) sind, ist es anderen Mitarbeitern gar nicht bewusst, dass sie gerade getrackt werden. Viele Unternehmen haben es zum Beginn der Social-Media-Ära verpasst, sich über ordentliche Richtlinien Gedanken zu machen. Ich empfehle deshalb jetzt schon Unternehmen, sich darüber Gedanken zu machen und dies in Policies zu integrieren – insbesondere dann, wenn plötzlich die ersten Brillenträger mit ihren privaten Smart Glasses zur Arbeit kommen und keine „normalen“ Brillen mehr haben. Bei diesen möglichen Problemen läuten bei Betriebsräten und Datenschutz/-Sicherheitsverantwortlichen natürlich sofort die Alarmglocken.

Einen Miniaturcomputer am Kopf zu haben, ist natürlich auch aus gesundheitlichen Gründen nicht ganz unbedenklich: Bei einigen Modellen, beispielsweise Google Glass, müssen Mitarbeiter ständig „nach oben“ schauen, um die Informationen zu sehen. Zudem muss das Auge zwischen dem nahen Prisma und den weiter entfernten Objekten unterscheiden. Ob das für die Augen gefährlich ist, werden erst Langzeitstudien zeigen. Die Modelle werden außerdem schnell warm/heiß. Kritik herrscht, ähnlich wie bei Handys, auch an der Gefahr negativer Konsequenzen von Elektrosmog, auch wenn die Forschung, zumindest in Bezug auf Handys, diese Gefahr als minimal einschätzt. Zudem ist noch nicht bekannt, ob und wenn ja und inwieweit sich holographische virtuelle Objekte auf die Psyche des Menschen auswirken – wenn man Dinge sieht, die es faktisch nicht „in echt“ gibt. Ebenso wie das Thema „Information Overload“ und die Ablenkung durch zu viele oder falsche Informationen. Studien aus anderen Bereichen zeigen aber beispielsweise, dass die Ablenkung durch Smart Glasses beim Autofahren geringer ist als durch Smartphones. Dennoch können Smart Glasses Mitarbeiter auch vor Gefahren warnen – insbesondere dann, wenn die Geräte miteinander kommunizieren (Internet of Things; z.B. kann ein Mitarbeiter auf einem Gabelstapler vor einem anderen Gabelstapler gewarnt werden, der die eigene Fahrbahn kreuzt).

Bei der Nutzung muss unterschieden werden, ob das ganze freiwillig oder verbindlich ist. Wenn es freiwillig ist, spielen Faktoren wie Komfort, Design, zusätzliche Funktionen/Gadgets usw. natürlich eine noch größere Rolle, als wenn es als Teil der Arbeitskleidung betrachtet wird. Menschen, die sonst keine Brille tragen, müssen sich auch daran gewöhnen. Mitarbeiter mögen zudem aber auch Zweifel daran haben, ob sie sich durch Smart Glasses nur noch zu „Computerträgern“ degradiert werden und der persönliche Respekt verloren geht, sie zu stark von der Technik abhängig werden und Dinge verlernen, oder sie schlicht und einfach nichts von neuen Technologien und Veränderungen halten bzw. diese generell nicht verstehen.

Diese Kritikpunkte sind aber nicht unbedingt etwas neues: Es gab sie bei der Einführung von PCs, Handys, Smartphones/Laptops/Tablets usw. – schon damals wurde diskutiert, ob Mitarbeiter überflüssig werden, ob die Geräte schlecht für die Augen sind usw. Letztendlich war alles nicht so schlimm, wie erwartet, was aber auch daran lag, dass es Vorzeigeunternehmen gab, die diese Technologien schnell und verantwortungsbewusst eingesetzt und Standards gesetzt haben. Es ist wichtig, dass man als Unternehmen die Kritik aus allen Hierarchieebenen ernst nimmt und Mitarbeiter in den Einführungsprozess mit einbezieht: Betriebsräte, IT/Datenschutz, Compliance, Betriebsärzte etc. – und nicht zuletzt auch die Mitarbeiter, die die Brillen nutzen sollen. Die werden häufig vernachlässigt. Selbst wenn man versucht, Mitarbeiter zu „zwingen“, die Technologie zu nutzen, sollte man sie auch dazu bringen, dass sie dies auch intrinsisch wollen. Denn nur dann funktioniert die Technologie wirksam und führt nicht zur Reaktanz, sondern zu einem Anstieg der Motivation.

Welche weiteren Nachteile und auch Risiken birgt der Einsatz der „mobilen Helfer“?
Rauschnabel:
Ablenkung, das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, der Blick für Neues geht verloren, wenn Dinge zu standardisiert werden.

Stichwort Datensicherheit: Wie wird dieses Problem angegangen?
Rauschnabel:
Man braucht Richtlinien, Datenschutzbeauftragte, etc. – diese sind leider nicht in allen Unternehmen vorhanden.

Inwieweit werden bereits Drohnen in der Lagerlogistik eingesetzt? Bisher nur eine Vision?
Rauschnabel:
Ich habe sowohl von Drohnen in Lagern als auch von Drohnen zur Auslieferung gehört – allerdings gibt es noch einige rechtliche, technische und akzeptanzbezogene Hürden zu überwinden.

Welche Rolle kommt dem Menschen zu, wenn die Waren, Transportbehälter und Beförderungsmittel im Lager zukünftig nur noch selbst kommunizieren?
Rauschnabel:
Technologien zielen meistens darauf ab, die „einfachsten“ Tätigkeiten in Unternehmen kostengünstiger zu übernehmen. Das kann ganz klar zu Arbeitsplatzverlusten kommen. Genauso entstehen aber an anderer Stelle – bei der Entwicklung dieser Technologien – ständig neue Arbeitsplätze. Ich bekomme regelmäßig Anfragen von Unternehmen, die händeringend gut ausgebildete Uni-Absolventen mit Kenntnissen in Digital Analytics und Digitalisierung suchen – Mitarbeiter, die mit Daten arbeiten, etwas von der Technologie verstehen und zudem wissen, wie sie wertsteigernd eingesetzt werden.

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