Laut Markus Beller müssen digitale Dienste dauerhaft weiterentwickelt werden.
MOB: Herr Beller, welche digitalen Dienste spielen aus Ihrer Sicht für die nächsten Jahre (und darüber hinaus) die Hauptrolle?
Markus Beller: Im Fokus stehen übergreifend die Fahrassistenzsysteme (ADAS), die den Nutzer in immer mehr Fahrsituationen unterstützen. Dazu gehören z.B. Spurhalteassistenten oder Abstandsregelung (ACC). Das geht bis hin zum (teil)-autonomen Fahren. Natürlich stehen die Dienste rund um die E-Mobilität im Fokus, weil sie ein Enabler für das elektrische Fahren sind. Für eine entspannte Fahrt mit einem Elektroauto werden Dienste wie „Ladestationen suchen“, „Reservieren“ und die „Automatische Abrechnung“ benötigt. Sie prägen das Kundenerleben in der E-Mobilität nachhaltig.
Aktuell entwickeln die meisten OEMs ein eigenes Betriebssystem als Basis für diese digitalen Dienste, um die Hoheit nicht langfristig an Google oder Apple abzugeben – und geben dafür Milliarden aus. Das zeigt auch den strategischen Stellenwert der Themen. Andere OEMs geben aus Kostengründen die Hoheit ab und nutzen gut funktionierende Services von Apple und Google „out of the box“. Sie öffnen ihre Fahrzeuge, um diese Betriebssysteme zu integrieren. Es wird sehr spannend sein, inwieweit sich diese Entscheidung in Zukunft auszahlt.
MOB: Welche digitalen Dienste und Funktionen werden hierbei dem autonomen Fahrzeug den Weg ebnen?
Beller: Das Herzstück ist natürlich die Künstliche Intelligenz (KI), bestehend aus der Objekterkennung, Klassifizierung und anschließend der Fahrberechnung. Diese werden von einer ganzen Reihe an digitalen Funktionen flankiert. Für die heute viel genutzten digitalen Dienste ist das Thema „Software-Over-The-Air“, aber auch das Thema „HD-Karten-Update im Fahrzeug“ wichtig – und die Themen „Navigation“, „Verkehrsführung“, „Vehicle-to-Infrastructure-Kommunikation“ sowieso.
Auch die Integration von Drittanbietern im Backend via APIs spielt eine Rolle. Hier sehen wir aktuell, dass sich die OEMs noch weiter nach außen öffnen, einerseits, weil sie es gesetzlich müssen, andererseits auch, um die Integration des Fahrzeugs mit der Umwelt zu verbessern. Es ist das Prinzip, Daten zu erhalten und zu teilen, um neue Kundenfunktionen zu ermöglichen. Ein Beispiel dafür ist BMW mit Cardata. Hier wird der Prozess dem Kunden transparent gemacht – das ist ein guter Anfang.
Wenn es in Zukunft Livedaten aus dem Fahrzeug gibt, ergeben sich sehr spannende Use Cases, z.B. im Versicherungsumfeld. Livedaten und 5G werden auch notwendig sein, um vollautonomen Fahrzeugen aus unklaren Situationen remote zu helfen. Es sind aber auch die kleineren digitalen Dienste, die nicht vergessen werden dürfen, wie die Einführung eines digitalen Keys. Tesla plant beispielsweise aktuell, dass man sein autonom fahrendes Auto an andere vermieten kann, um den Kaufpreis wieder zu refinanzieren. Da ist ein digitaler Schlüssel ein notwendiger Service, damit das Geschäftsmodell genutzt werden kann.
MOB: Welchen Apps räumen Sie langfristig einen so stabilen Erfolg ein, dass sie voraussichtlich in einigen Jahren zur Standardausstattung eines Fahrzeugs gehören?
Beller: Der Nutzer fragt sich: Welchen Mehrwert erhalte ich durch die App und was bezahle ich konkret für diesen Dienst? Hier spielt die Integration mit dem Fahrzeug oder anderen IoT-Devices die entscheidende Rolle. Beispiel „Fahrtenbuch“: Hier besteht bei den meisten Fahrern aus steuerlichen Gründen ein konkreter Bedarf und die Fahrzeugintegration ermöglicht diesen Use Case. Die Rechtssicherheit nimmt den Kunden eine ganz konkrete Last ab, am Ende des Jahres die Beträge wegen einer fehlerhaften Buchführung nicht zurückzuerhalten. Ebenfalls Pay as you Drive und andere Behaviour-based Insurances, die in den USA aktuell populärer sind als bei uns. Hier kann ich am Jahresende den Mehrwert auf den Cent nachrechnen.
Auch das Thema „Teleservices“ spielt nach wie vor eine wichtige Rolle für den lukrativen After-Sales-Markt. Wenn das Fahrzeug das defekte Teil schon erkannt hat und das Ersatzteil bereits beim Händler liegt und direkt eingebaut werden kann, während der Kunde einen Kaffee trinkt, dann bietet das einen echten Mehrwert. Ansonsten sehen wir aktuell, dass der Trend hin zu abobasierten Services geht. Der Kunde möchte hier schnell und einfach im Fahrzeug Dienste buchen und wieder stornieren. Das bringt eine Erwartungshaltung an die dauerhafte Qualität der digitalen Dienste mit sich.
MOB: Und was sind aus Ihrer Sicht eher verzichtbare Apps, die entweder nach einer gewissen Zeit wieder verschwinden oder lediglich als „nice to have“ gelten?
Beller: Hier würde ich gerne an den vorherigen Punkt anschließen. Digitale Dienste müssen stetig weiterentwickelt werden. Ein starker Start reicht nicht, sondern die Qualität muss dauerhaft gehalten werden. Dazu gehört z.B. ein ständiges Überwachen der Service Level Agreements mit involvierten Providern. Auch wenn die – wir sagen dazu „nicht funktionalen Anforderungen“ – nicht stimmen, fliegen die digitalen Dienste salopp gesagt schnell wieder aus dem Fahrzeug. Dazu gehören beispielsweise lange Latenzzeiten, fehlende Systemverfügbarkeit aus dem Backend oder komplizierte Einrichtungsprozesse, die den Start erschweren.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5-6/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Pauschal lässt sich ansonsten sagen: alles, was mir Google Auto und Apple Car Play besser und kostenlos bieten kann. Ein Beispiel: Wenn die Google-Navigation mir schnellere Routen liefert, werde ich das interne Navi nicht nutzen. Es sei denn, es bietet Features, die nur ein Navigationsgerät bereitstellen kann, das auf Fahrzeugdaten zurückgreift. Werden also z.B. entsprechende Ladestationen, die zur Ladeleistung meines Fahrzeugs passen, angezeigt oder vorreserviert? Wir versuchen in unseren Kundenprodukten genau solche Connected-Mobility-Themen bei der Entwicklung mit dem Kunden zu identifizieren und auch immer mit dem Kunden im Fokus zu behalten. Das unterscheidet uns von der normalen App-Entwicklung, ohne Connected-Car-Hintergrund.
Bildquelle: Doubleslash