Mehr als virtuelle Notizblöcke

Digitale Stifte für Tablet-Computer

Einst hatte Steve Jobs sie verteufelt. Digitale Stifte hielt der Großmeister der Digitalisierung für überflüssig. Zehn Finger sollten für die Interaktion genügen. 2015 stellte Apple dann doch den Apple Pencil vor, aber dessen Nutzung war auf wenige spezielle Apps begrenzt. Nun hat Apple die Software-Unterstützung auf die eigenen Produktivitäts-Apps ausgeweitet. Höchste Zeit, den Stand der Technik über die drei Plattformen Android, iOS und Windows einem Test zu unterziehen.

  • Apple Pencil auf iPad Pro

    Apple bietet mit dem iPad 9.7 erstmals die Apple-Pencil-Technologie zu einem erschwinglichen Preis.

  • Tab Active 2

    Das Samsung Tab Active 2 und der S-Pen sind wasserdicht.

  • X1 Yoga

    Das X1 Yoga von Lenovo nimmt den Pen Pro auf und lädt ihn.

  • M-Pen

    Huawei geht mit dem M-Pen unter Android eigene Wege.

In jüngster Zeit legen immer mehr Hersteller ihren mobilen Geräten einen digitalen Stift bei oder bieten zumindest eine Variante als optionales Zubehör an. In diesem Jahr sind es schon mehr als 25 Systeme, im letzten Jahr waren es mehr als 42. Eine regelrechte „Stiftwelle“ ist entstanden. Dass sich mobile Systeme mit digitalen Stiften effektiver bedienen lassen, wenn es um Feinheiten geht, hat sich inzwischen herumgesprochen. Die Nutzbarkeit der digitalen Stifte auf den verschiedenen Plattformen hängt aber im Wesentlichen von der Software-Unterstützung ab. Ein Blick auf aktuelle Systeme unter Android von Google, iOS von Apple und Windows von Microsoft soll dazu einen Überblick über die immer noch großen Unterschiede bieten.

Ein Auslöser für die „Stiftwelle“ ist der Trend zu Windows-Convertibles. Unter Windows lassen sich Apps mit den Fingern gut bedienen, wenn sie dafür vorbereitet sind. Im Tablet-Modus kommt man spätestens dann nicht um einen digitalen Stift als Mausersatz herum, wenn man auf Standard-Windows-Explorer-Funktionen trifft, etwa beim Speichern von Dateien. Das hat Microsoft dazu veranlasst, 2016 mit Windows Ink die langjährige Stiftunterstützung zusammenzufassen und auf ein neues Niveau zu heben. Gleichzeitig wurde auch die Stiftunterstützung in den Office-Applikationen verbessert. Die Stiftnutzung auf Windows-Tablets ist Alltag geworden, wie der Test des Lenovo X1 Yoga zeigt.

Angesichts der Verbreitung digitaler Stifte in der Welt von Windows sah sich wohl auch Apple gezwungen, wie unlängst geschehen, die auf spezielle Apps beschränkte Unterstützung für den Apple Pencil auf die eigenen Produktivitäts-Apps Pages, Numbers und Keynote auszuweiten. Gleichzeitig werden mit dem iPad 9.7 die Hardware-Voraussetzungen für den Apple Pencil deutlich günstiger angeboten. Welchen Geschäftsnutzen der Pencil auf dem günstigen iPad bringt, zeigt der Vergleichstest der wichtigsten Apps. Auch unter Android
ist die Stiftunterstützung Normalität geworden, wie das Huawei Mediapad 5 Pro im Test zeigt. Android-Stiftpionier Samsung hat die Unterstützung des S-Pen auf zusätzliche Anwendungsgebiete ausgeweitet, das Galaxy Tab Active 2 ist dafür ein Beispiel.

Android auf dem Huawei Mediapad M5 Pro mit M-Pen

Das Mediapad M5 brilliert mit einem gestochen scharfen Display. Kein Wunder, bei einer Auflösung von 2.560 x 1.600 Pixeln auf einer Bildschirmdiagonale von 10,8 Zoll oder knapp 27,5 cm. Der M-Pen ist mit einer Auslösung von 4.096 Druckstufen dazu die ideale Ergänzung. Insbesondere bei Apps für die Bildbearbeitung ermöglicht diese Kombination ein schnelles Arbeiten an schattierungsreichen Grafiken. Die Verwendung als Zeichenwerkzeug, schon immer ein Schwerpunkt der Stiftanwendungen, ist aber nicht die einzige Stärke des Huawei-Gerätes, das sich von der Konkurrenz insbesondere durch eigenständige Software-Unterstützung für den Stift absetzt.

Wie üblich ist die Stiftunterstützung bereits in das Android-8-Betriebssystem integriert. Die Bedienung des Gerätes und die Erkennung von handschriftlichen Eingaben in allen Eingabefeldern (auch in denen von Apps, die den Stift nicht selbst unterstützen) ist damit Standard. Huawei hat auf dem Gerät aber noch eine Reihe weiterer Apps installiert, die speziell für den Stift angepasst wurden. Das sonst kostenpflichtige Nebo von Myscript ist ebenso wie der Myscript Calculator vorinstalliert. Nebo bietet intelligente Stifterkennung für Dokumente. So werden handschriftliche Eingaben durch Erkennung von Gesten verwaltet. Der geschriebene Text wird erkannt, die Handschrift bleibt aber am Bildschirm stehen und kann z.B. durch das Auskritzeln von Buchstaben korrigiert werden. Nebo kommt so schon recht nah an das Gefühl von normalem Papier heran – mit dem zusätzlichen Vorteil, dass alle Eingaben auch wieder änderbar sind. Zuviel gedoodelt und die guten Ideen sind verstreut? Schnell ist das Ganze aufgeräumt und präsentabel gemacht mit Spezialfunktionen wie den Gliederungsgesten, die Textzeilen in Gliederungspunkte verwandeln.

Ebenfalls vorinstalliert ist WPS Office von Kingssoft. Das Office-Paket enthält bereits Unterstützung für den Stift. Ein einfaches Memo lässt nur Texteingaben zu, ein Dokument ermöglicht die üblichen Formatierungen parallel zu Skizzen mit dem Stift. Bei Präsentationen zeigen sich erste Beschränkungen der Stiftunterstützung, so ist eine Änderung von Formen wie Ovalen mit dem Stift nicht möglich. Bei der Tabellenkalkulation dient der Stift nur für Annotationen. Eine Formeleingabe ist nicht vorgesehen.

Wermutstropfen der Kombination: Es gibt keine Unterbringungsmöglichkeit für den M-Pen. Das Gehäuse ist zu flach, um den Stift aufzunehmen, und dieser haftet nicht magnetisch. Der M-Pen hat zwar einen Clip und kann in der Hemdtasche getragen werden. Man wird aber gut darauf auspassen müssen um ihn nicht liegenzulassen. Der M-Pen verfügt über zwei Tasten, die durch die Stifterkennung unter Android nicht genutzt werden, aber für Zusatzfunktionen in Stiftapplikationen zur Verfügung stehen.

iOS auf dem iPad 9,7” mit Apple Pencil

Mit dem iPad 9,7 macht Apple erstmals die Pencil-Technologie auf einem nicht „Pro“ genannten Gerät verfügbar und damit auch für Normalverbraucher und kleinere Firmen erschwinglich. Trotz geringerer Auflösung und Leistung als die großen Brüder muss sich das kleine iPad nicht verstecken. Der optional erhältliche Pencil 2 muss nur in den Apple-Connector gesteckt werden, um mit dem iPad über Bluetooth verbunden zu werden und schon geht es los.

Was im Vergleich sofort auffällt: Die Integration des Pencil in das iOS-Betriebssystem geht auch in der neuen Version nicht so weit wie bei den anderen Plattformen. So muss man häufiger zwischen Stift und Finger wechseln, manche Apps reagieren gar nicht auf den Stift und auch eine Handschrifterkennung durch das Betriebssystem, etwa für Standardeingabefelder, sucht man vergeblich. Nur bei stiftunterstützenden Apps kann der Pencil sein Potential ausspielen. Dazu gehören nun auch die kostenlosen Produktivitäts-Apps Pages, Numbers und Keynote.

In Pages kann man mit dem Stift gleich loszeichnen, Objekte einfügen und verändern. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass dafür ein spezieller Stiftmodus verwendet wird und die entstandene Zeichnung als Grafik in den Pages-Text eingebettet wird. Zusätzlich verfügt Pages noch über einen Smart-Annotation-Modus, in dem handschriftliche Anmerkungen über den Text und die Grafiken gelegt werden können, etwa für Korrekturanweisungen. Gleiches gilt für Keynote, unter Numbers gibt es nur die Smart Annotations. Nicht so schön: Im Radiermodus arbeitet der Stift nur pixelorientiert, es gibt dementsprechend keine Möglichkeit, ganze Striche auf einmal zu löschen. Bei großen Löschungen ist das lästig und bei versehentlichen Strichen hilft nur ein schnelles rückgängigmachen.

Gut gelungen ist dagegen die immer heikle Trennung zwischen Stift und Fingereingaben der verschiedenen Digitizer. Digitale Stifte setzen in der Regel einen induktiven Digitizer voraus, der wesentlich präziser arbeitet als die herkömmlichen kapazitiven Digitizer, die für Fingereingaben ausreichen. Beim Zeichnen sollten beide aktiv sein, um z. B. schnell das Medium verschieben zu können. Dann ist allerdings eine sogenannte Handballenerkennung notwendig. Die verhindert, dass Chaos ausbricht wenn man beim Zeichnen die Hand auf das iPad legt. Dies funktioniert bei Apple fehlerlos.

Windows auf dem Lenovo X1 Yoga mit Active Pen 2

Der Apple Pencil wird auch von auf anderen Plattformen verfügbaren iOS-Apps unterstützt. Dazu zählen Microsoft-Office-Anwendungen ebenso wie die Produktivitätsanwendungen von Google. Bei der Word-App ist die Nutzung des Pencil möglich, aber die Einbindung nicht so gelungen. Stifteingaben werden unmittelbar nach dem Absetzen des Apple Pencil ein paar Pixel versetzt dargestellt, was für feine Zeichnungen sehr gewöhnungsbedürftig ist. Außerdem nervig: Selbst bei der Auswahl des Zeichenmodus bleibt die Bildschirmtatstur eingeblendet, da Word parallel auf eine Texteingabe wartet. Ohne externe Tastatur ist die App daher mit dem Pencil nur eingeschränkt nutzbar, insbesondere der mobile Einsatz wird erschwert. Immerhin arbeitet der Radierer vektororientiert. In der Powerpoint-App gibt es dafür eine Umwandlungsfunktion, die aus grafischen Skizzen Objekte macht, was insbesondere für den schnellen Entwurf von Folien interessant ist. In Excel sind dagegen nur Zeichnungen möglich, keine Formeleingaben. Die anderswo gute Handschrifterkennung von Microsoft fehlt in den Microsoft-Apps unter iOS schmerzlich. Auch die Google-Apps Docs, Sheets und Presentations lassen sich mit dem Apple Pencil bedienen, eine spezielle Stiftunterstützung ist allerdings nicht erkennbar.

Als eines der ersten Convertibles überhaupt bietet das X1 Yoga einen eingebauten Stift. Der Pen Pro ist relativ flach und kann im Gehäuse versenkt werden. Was für fast alle Smartphones und Tablets mit Stift eine Selbstverständlichkeit ist (Ausnahme: Apple), kann für ein Windows-Notebook fast schon als Innovation bezeichnet werden. Der Stift geht so nicht verloren und ist immer griffbereit, wenn man ihn braucht. Was der kleine Unterschied in der Praxis bedeutet, konnten wir im Vergleichstest erleben, wo der elegante, aber ohne Clip daher kommende Apple Pencil regelmäßig vom Tisch rollte und gesucht werden musste. Der Lenovo Pen Pro bietet 2.048 Druckstufen und ist aktiv, wodurch er zur besseren Erkennung ein eigenes elektrisches Feld erzeugt und deshalb über einen Akku verfügt. Dieser wird praktischerweise beim Einstecken ins Gehäuse auch gleich geladen. Der Pen Pro reicht für die Windows-Bedienung und alle herkömmlichen Arbeiten vollkommen aus.

Für anspruchsvolle, insbesondere grafische Arbeiten bietet Lenovo aber auch noch den optionalen Active Pen 2 an, der über 4.096 Durchstufen verfügt. Dieser nutzt die im X1 Yoga eingebaute Stifttechnologie von Wacom voll aus und lässt sich in der Systemsteuerung sehr fein konfigurieren. So ist z. B. selbst die Neigungswinkelempfindlichkeit einstellbar. Was Grafiker z. B. für die Steuerung von Gravureffekten sehr zu schätzen wissen. Der Active Pen 2 verfügt außerdem über drei Tasten, die mit benutzerdefinierten Funktionen belegt werden können.

Das X1 Yoga bietet als Windows-10-Notebook Windows Ink, die jüngste Kulmination der von Microsoft seit den Anfängen mit „Windows for Pen-Computing“ und dem Tablet-PC durchlaufenen Lernkurve. Neben der vollen Steuerbarkeit von Windows über den Stift, bietet Windows Ink eine sehr gute Handschrift-erkennung mit komfortablen Korrekturmöglichkeiten. Neben den obligatorischen Sticky Notes, dem um 3D-Funktionen erweiterten Paint und der als Ergänzung der Handschrifterkennung gedachten Formeleingabe, hat Lenovo enttäuschenderweise keine zusätzliche Software-Unterstützung für die Stifte installiert. Immerhin sind die Microsoft-Anwendungen Word, Excel und Powerpoint sowie OneNote vorinstalliert und arbeiten gut mit den Stiften zusammen.

Android auf Samsung Galaxy Tab Active 2 mit S-Pen

Nimmt man das Tab Active 2 zur Hand, merkt man gleich, dass das kein normales Tablet ist. Eine dicke Gummihülle umgibt das Gerät und anders als bei den sonstigen Stiftgeräten von Samsung wird der ebenfalls deutlich dickere S-Pen nicht in das Gehäuse gesteckt, sondern in die Hülle. Das hat seinen guten Grund. Das Tab Active 2 und der zugehörige S-Pen sind wasserdicht nach IP68. Da kann der Baustellenleiter schon mal im Regen stehen, um ein Aufmaß aufzunehmen, das Tab Active 2 steckt das ebenso weg, wie die Hülle ein gelegentliches Fallenlassen des Gerätes.

Das Tab Active 2 verfügt mit Samsung Notes und PenuUp über für die Stiftgeräte von Samsung üblichen Anwendungen. Samsung Notes ermöglicht von schnellen Notizen (auch bei gesperrtem Gerät) bis zu einfachen Grafiken das ganze Spektrum der Stifteingaben und profitiert auch von der guten Handschrifterkennung durch Android. Pen Up ermöglicht es, Stiftzeichnungen über eine Cloud zu veröffentlichen. Für Business-Nutzer ist das weniger wichtig, aber die werden ohnehin spezielle Apps auf ihren Stiftgeräten einsetzen (siehe Kasten).

Fazit und Ausblick

Apple hat mit der Unterstützung des Apple Pencil in Pages, Numbers und Keynote einen wesentlichen Schritt nach vorne getan, aber mit den anderen Anbietern von stiftbasierten Systemen noch nicht gleich gezogen. Größtes Manko ist nach wie vor die Handschrifterkennung, bei der Samsung in puncto Erkennungsrate und Windows Ink in Bezug auf die Nutzerfreundlichkeit die Nase vorne haben. Bei grafischen Arbeiten ist der Apple Pencil gleichwertig zu professionellen digitalen Stiftwerkzeugen. Apple meint es aber ernst mit der Stiftunterstützung, das zeigen schon die vielfältigen Gerüchte um einen Apple Pencil 2. Die Entwicklung und Verbreitung der digitalen Stifte wird fortgeschrieben – die Stiftwelle weiter rollen.

Der unmittelbare Nutzen digitaler Stifte für Geschäftsanwender lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Zeitersparnis. Digitale Stifte erlauben schnelle Skizzen zu jeder Zeit und an jedem Ort. Grafische Notizen, die mehr sagen als tausend Worte, jederzeit elektronisch weiterverarbeitet und verschickt werden können. Das volle Geschäftspotential digitaler Stift schöpfen spezielle Anwendungen aus, die für den jeweiligen Einsatz optimiert sind. Ob Patientendokumentation im Krankenhaus, Stücklistenverwaltung in der Lagerhaltung, Ladelistenmanagement in der Logistik oder Planänderungen auf Baustellen – spezielle Stiftanwendungen gibt es von Spezialanbietern für eine Vielzahl von Branchen. Die Annotierung vorhandener Daten mit dem Stift ist in vielen mobilen Situationen deutlich schneller, als die Eingabe per (Bildschirm-)Tastatur. Sind grafische Dokumente wie Baupläne Grundlage der Arbeit, liegt deren handschriftliche Markierung ohnehin nahe. Und auch bei Anwendungsfällen, in denen Listen nicht nur auf Vollständigkeit abgehakt, sondern auch Abweichungen dokumentiert werden müssen, kommen immer mehr digitale Stifte zum Einsatz.

Bildquellen: Apple, Huawei, Samsung, Lenovo

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