Plattform-Ökonomie

Digitale Wissenslücken bei Geschäftsführern

Plattformen sind in den USA und China erfolgreich, bei deutschen Unternehmen aber eher unbekannt.

Es wirkt häufig so, als diskutiere alle Welt über Plattformen. Leider nicht: 62 % der Geschäftsführer und Vorstände von deutschen Unternehmen haben keine Ahnung und noch nie von den Begriffen Plattform-Ökonomie, Plattform-Markt und digitale Plattform gehört. Das ist recht erstaunlich, denn auf immer mehr Märkten etablieren sich digitale Plattformen. Amazon beispielsweise baut sein Angebot immer weiter aus, in zwei Richtungen: Auf der einen Seite sorgt das Unternehmen für horizontale Vernetzung, in dem es Marktplätze aller Art für Drittanbieter etabliert. Auf der anderen Seite stärkt es die vertikale Integration, in dem es eine eigene Lieferkette aufbaut - zuletzt Frachtflugzeuge.

Solche Plattformen für Endanwender, aber auch für Unternehmen zeigen ein enormes Wachstum. Vor gut einem Jahr hat das Center for Global Enterprise (CGE) in seiner Studie „The Rise of the Platform Enterprise“ den Gesamtwert des Plattform-Marktes auf 4,3 Billionen US-Dollar geschätzt. Dabei stellte sich heraus, dass die mächtigsten Plattformen zwar in den USA sitzen, die größte Anzahl aber in Asien und dort vor allem in China. Dass sich die Plattform-Ökonomie in Asien mit einer enormen Geschwindigkeit entwickelt, wird an der aktuellen Situation deutlich: Die chinesischen Unternehmen Sina, Weibo, Baidu und Alibaba entwickeln sich mit enormer Geschwindigkeit.

Der vom Netzökonom Dr. Holger Schmidt entwickelte Plattform-Index zeigt dies deutlich. In dem Aktienindex finden sich die 15 wichtigsten, börsennotierten Plattform-Unternehmen der Welt. Die Kursentwicklung seit Mitte des Jahres 2016 ist insgesamt sehr positiv - trotz Trump-Schock, der dem Index einen ordentlichen Knick verpasste. Weibo beispielsweise konnte das nicht viel anhaben, es hat an der Börse um 66 Prozent Wert gewonnen.

Dieses enorme Wachstum liegt am Prinzip der Plattform-Ökonomie. Ganz grundsätzlich übernimmt eine digitale Plattform die Vermittlung zwischen Anbietern von Produkten und Dienstleistungen und den möglichen Kunden. Ihr Betreiber stellt keine Waren her oder bietet Dienste an, er verdient Geld, indem er für jede erfolgreiche Transaktion einen kleinen Umsatzanteil einstreicht. Auf der Basis dieses Grundmodells gibt es eine Vielzahl von Abwandlungen, die aber alle eine Gemeinsamkeit haben: Sobald die Anzahl der Nutzer einer Plattform eine gewisse Schwelle überschritten hat, entstehen positive Netzwerkeffekte, die sich gegenseitig selbst verstärken. Mehr Nutzer bedeutet mehr potentielle Kunden bedeutet mehr Anbieter bedeutet noch mehr Nutzer …

Unternehmen brauchen eine Plattform-Strategie

„Plattformen können bestehende Märkte von Grund auf verändern. Neue Unternehmen aus völlig anderen Branchen können die etablierten Platzhirsche verdrängen, wenn diese die Chancen der Digitalisierung nicht erkennen“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. Plattformen bieten für alle Beteiligten viele Vorteile, stellen sie aber auch vor neue Herausforderungen. So verlieren die Anbieter zum Beispiel den direkten Kundenkontakt, da die Plattform zwischengeschaltet ist.

Trotzdem findet Rohleder, das alle Unternehmen gut beraten sind, eine individuelle Plattform-Strategie zu entwickeln. Dabei ist es nicht unbedingt notwendig, dass Unternehmen eine eigene Plattform anbieten. Es ist für viele kleinere Unternehmen bereits eine gute Strategie, auf allen wichtigen Plattform in der Branche vertreten zu sein. Denn die Anbieter von Produkten oder Dienstleistungen erhalten auf der Plattform Zugang zu einer großen Zahl von Kunden, die sie sonst nur mit einem deutlich höheren Aufwand ansprechen können.

Ein Beispiel: Amazon Alexa ist ein Sprachassistent, der unter anderem auch für die Steuerung eines Smart Homes eingesetzt werden kann, also etwa für intelligente Lichtanlagen oder Heizungssysteme. So ist es für die in Deutschland meist mittelständischen Hersteller sehr sinnvoll, ihre Geräte mit IoT-Funktionen aufzurüsten und über spezielle Programme („Alexa Skills“) an die Sprachsteuerung anzuschließen.

Bisher ist vor allem der Handel in der Plattform-Ökonomie angekommen. 78 Prozent der befragten Handelsunternehmen kennen relevante Plattform-Anbieter. Unter den Dienstleistern sind es nur 43 Prozent, in der Industrie sogar nur 35 Prozent. Und von diesen Unternehmen, die für das eigene Unternehmen relevante Plattformen identifiziert haben, sagen wiederum 82 Prozent, dass sie darauf selbst Waren oder Dienstleistungen anbieten. Umgekehrt kaufen dort 71 Prozent Waren bzw. Dienste ein. Und 14 Prozent geben an, eine eigene Plattform zu betreiben.

Bildquelle: Thinkstock

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok