Start-up-Kooperationen

Digitales Ackern

Im Interview gewähren Torsten Klimmer, Manager Business Strategy beim Landtechnikspezialisten John Deere, und Laura Stephan, Product Manager beim App-Entwickler Solorrow, einen Einblick in die Digitalisierung der Landwirtschaft und erläutern, welche Möglichkeiten hier Start-up-Kooperationen bieten können.

  • Torsten Klimmer

    Torsten Klimmer ist Manager Business Strategy bei John Deere. ((Bildquelle: John Deere))

  • Displays in Traktorkabine

    Ein Software-Produkt muss sich nahtlos in die Infrastruktur und die Prozesse des Landwirts einfügen lassen. ((Bildquelle: John Deere))

  • Laura Stephan

    Laura Stephan ist Product Manager bei Solorrow. ((Bildquelle: Solorrow))

MOB: Herr Klimmer, inwieweit ist die Landwirtschaft anno 2020 vernetzt?
Torsten Klimmer:
Moderne Flotten von Lohnunternehmern oder landwirtschaftlichen Betrieben sind heute bereits vollends vernetzt, um maschinenspezifische und agronomische Daten untereinander oder aber auch mit einer stationären Einsatzzentrale auszutauschen. Wir nennen das „Landwirtschaft 4.0“. Durch vernetzte Maschinen können Arbeitsabläufe und Logistikketten optimiert, Zeit wie auch Betriebsmittel eingespart und somit die Produktivität erheblich gesteigert werden.

MOB: Welche Rolle spielen hierbei bislang die Expertise, Technologien und Anwendungen von Start-ups?
Klimmer:
Häufig fokussieren sich Start-ups mit innovativen Technologien auf einen speziellen Anwendungsfall im Gegensatz zu großen Firmen, die ein breites Portfolio abdecken. Dadurch können Start-ups eine Sachexpertise in diesen Technologien entwickeln, die die Industrie zur Anwendung bringen kann. Im Gegenzug profitieren Start-ups von der bei großen Firmen bereits bestehenden Infrastruktur, wie Vertrieb und Marketing, oder auch von ergänzender Expertise. Eine Kooperation ist also eine klassische Win-Win-Situation.

MOB: John Deere kooperiert bereits seit vielen Jahren mit zahlreichen Start-ups. Aus welchen Branchen und Regionen kommen diese jungen Unternehmen generell? Welche digitalen und mobilen Technologien kommen hier beispielsweise zum Einsatz?
Klimmer:
John Deere arbeitet mit Start-ups aus allen Bereichen, primär natürlich aber mit Unternehmen, die einen Bezug zur Landwirtschaft haben. Das können Firmen sein, die reine digitale Anwendungen anbieten, aber auch Firmen, die agronomische Sensoren oder agrartechnische Steuerungen im Markt einsetzen. Beispielsweise haben wir Kooperationen mit Start-ups, die anhand von Satelliten- oder Drohnenbildern Insekten auf einem Feld identifizieren oder mittels eines Feldroboters den Zustand einer Pflanze erkennen um dann unsere Landmaschinen entsprechend zu steuern.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 05-06/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo. 

MOB: Wie kam konkret die Kooperation mit dem deutschen Start-up Solorrow zustande?
Klimmer:
Um kleine und große Unternehmen bei der Integration in das John Deere Operations Center zu unterstützen, lädt John Deere einmal jährlich etwa 150 Firmen mit digitalen Portalen zu einer „Develop with Deere“-Konferenz ein. Auf dieser Konferenz teilen wir Informationen über uns als Partner, die Vorteile der Integration, helfen aber auch bei der technischen Anbindung in verschiedenen Workshops. Bei der Marktuntersuchung zur Identifikation der Teilnehmer sind wir vor einigen Jahren auf Solorrow gestoßen. Wir denken, dass das Start-up durch seine einfach zu bedienende mobile Anwendung und tiefe Integration in das Operations Center unseren Vertriebspartnern und Kunden einen smarten Einstieg in die Präzisionslandwirtschaft bieten kann.

MOB: Frau Stephan, wie läuft die Zusammenarbeit mit John Deere?
Laura Stephan:
Das Unternehmen ist für uns ein starker Partner, der uns über sein Vertriebspartnernetzwerk und durch seine digitale Infrastruktur, das Operations Center, Zugang zu Landwirten gibt, die bereit sind, auf „Landwirtschaft 4.0“ umzusteigen. Durch die Anbindung an das Operations Center wird das drahtlose Senden von Solorrow-Applikationskarten an John-Deere-Maschinen möglich. Dies macht es für Landwirte wesentlich unkomplizierter, die Karten anzuwenden. Zudem gewinnen wir an Bekanntheit, dadurch dass wir unter „More Tools“ auf der Plattform gelistet sind. Auf der Konferenz 2019 hatten wir als Software-Anbieter zudem die Chance, mit Vertriebspartnern aus ganz Europa und angrenzenden Regionen in Kontakt zu kommen, ihnen unsere Lösung vorzustellen und potenzielle Kooperationen anzustoßen. Dies war für uns ein sehr positives Erlebnis und hat uns darin bestärkt, dass wir mit unserem unkomplizierten Ansatz auf dem richtigen Weg sind. Für die Zukunft stehen beispielsweise gemeinsam betreute und durchgeführte Tests unserer App mit landwirtschaftlichen Betrieben auf dem Programm, um noch mehr Feedback über die Erfahrungen von Landwirten mit der Anwendung in der Praxis zu sammeln.

MOB: Wie kommt im Rahmen Ihrer Lösung Satellitentechnologie auf dem Feld konkret zum Einsatz?
Stephan:
Feldpotenzialkarten, basierend auf langfristigen Satellitenanalysen, teilen das Feld in Potenzialzonen mit historisch unterschiedlichen Biomasseentwicklungen. Diese dienen als Basis für die Applikationskarten, die der Landwirt nun für seine Felder erstellt und dabei für jede Zone eine entsprechende Dosierung an beispielsweise Dünger zuteilt. Dadurch kann er anstatt konstant nun präzise, also teilflächenspezifisch ausbringen. Diese Karte exportiert er über einen Industriestandart an das Operations Center. Dort wählt er die entsprechende Maschine aus, mit der er arbeiten möchte. Sobald er sich mit der Maschine auf das Feld begibt, wird über den GPS-Empfänger erkannt, in welcher Zone er sich gerade befindet, und dann ganz automatisch die korrekte, vordefinierte Dosierung für die jeweilige Zone ausgebracht.

MOB: Herr Klimmer, mit welchen Herausforderungen bzw. Stolpersteinen hatten Sie bei den Start-up-Kooperationen bislang zu kämpfen?
Klimmer:
Herausforderungen spornen uns an, mit richtigen Stolpersteinen hatten wir es bislang noch nicht zu tun. Chancen sehen wir aber gelegentlich im Bereich Qualität, dem Einhalten von Zeitplänen oder Budgetzielen. Hier können wir uns gegenseitig unterstützen und gemeinsam erfolgreich sein.

MOB: Inwieweit profitieren die Anwender von John-Deere-Maschinen von Ihren Kooperationen?
Klimmer:
Übernehmen wir innovative Technologien in unsere Landmaschinen, profitiert der Kunde von einem höheren Grad der Automatisierung seiner Landmaschine, der Verfügbarkeit von neuen Informationen und der Unterstützung bei landtechnischen oder agronomischen Entscheidungen. Dies steigert Erträge und senkt Kosten, führt also zu einer Steigerung der Produktivität.

MOB: Stichwort „Strategische Partnerschaften“: Inwieweit investieren Sie in die Start-ups, mit denen Sie kooperieren, und was versprechen Sie sich davon?
Klimmer:
Wir investieren in Start-ups, wenn wir von der Innovation, der Nachhaltigkeit der Technologie und den Talenten der Mitarbeiter überzeugt sind. Durch das Bereitstellen neuer Lösungen in Zusammenhang mit unseren Landmaschinen versprechen wir uns, dass wir die Marktführerschaft halten können und auch in Zukunft erfolgreich sind. In der Vergangenheit konnten wir dies mehrfach unter Beweis stellen.

MOB: Welchen Einfluss übt die derzeitige Corona-Krise auf die (Digitalisierung in der) Landwirtschaft aus?
Klimmer:
Selbstverständlich bleiben auch wir nicht von Corona verschont. Aber die Landwirtschaft ist systemrelevant und Nahrung wird auch in Zeiten einer Pandemie benötigt. Der Agrarsektor muss weiterhin funktionieren, gerade auch wegen der starken saisonalen Abhängigkeit. Wenn wir über den Einfluss im digitalen Bereich in der Landwirtschaft reden, stellen sich gerade in diesen Zeiten die Vorteile der Digitalisierung dar. Mit unseren Telematiklösungen können sich z.B. unsere Vertriebspartner auf die Displays in den Traktor- oder Mähdrescherkabinen unserer Kunden aufschalten und aus der Ferne bei Fragestellungen behilflich sein. Desweiteren steht den Händlern die Möglichkeit der Ferndiagnose zur Verfügung. Somit können Fehlerbilder auf den Maschinen frühzeitig erkannt und abgestellt werden – und das unter Einhaltung der derzeitigen Abstandsregeln.

John Deere ...

... ist mit über 74.000 Mitarbeitern in über 30 Ländern der Weltmarktführer im Bereich „Landtechnik“. Außerhalb der USA hat John Deere seinen größten Standort in Mannheim. Zur Produktpalette gehören neben landwirtschaftlichen Traktoren, Mähdreschern, Feldhäckslern und Ballenpressen, auch spezielle Maschinen und intelligente Technologien zum Pflanzenschutz, zur Bodenbearbeitung und zur Saat. Daneben produziert das Unternehmen forstwirtschaftliche Maschinen, Baumaschinen und Geräte zur Rasen- und Grundstückspflege. Als Technologieführer verbindet John Deere Menschen, Geräte und Technik, um die Präzisionslandwirtschaft voranzutreiben.

Torsten Klimmer ...

... ist Manager Business Strategy bei John Deere und Experte für Start-up-Kooperationen. Seine Aufgaben umfassen Strategie, Portfolio-Management und Business-Development im Bereich der Präzisionslandwirtschaft in West und Osteuropa sowie Nordafrika.

Laura Stephan ...

... ist Product Manager bei Solorrow und verantwortlich für alles rund um die Geschäfts- und Produktentwicklung sowie Vermarktung der App. In dieser Rolle fungiert sie als Schnittstelle zwischen der technischen Entwicklung und strategischen Leitung auf Seiten des Start-ups und den Landwirten.

 

Bildquelle: John Deere

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