Kommentar von Christian Paul Stobbe, Kontrast Communication

Digitales Deutschland?

Die subjektive Wahrnehmung, dass Zeit immer schneller vergeht beruht zum Großteil auf der fortschreitenden Digitalisierung des Lebens. Durch die Vielzahl an neuen, leistungsfähigen Geräten und Medien wird Zeit effektiver genutzt, Kommunikation und Logistik sind schneller geworden.

Christian Paul Stobbe ist Director Strategy bei Kontrast Communication Services in Düsseldorf. Er möchte Fehlentwicklungen bei der Digitalisierung entgegenwirken.

Schöne neue digitale Welt, möchte man meinen. Aber dem ist nicht so. Wenn ich das vergangene Jahr Revue passieren lasse und mir Themen, Entscheidungen und Ereignisse ansehe, muss ich mich fragen, ob wir dieses Jahr wirklich Fortschritte bei der Digitalisierung gemacht haben. Oder in den Jahren zuvor. Neuregelung des Datenschutzes? Fehlanzeige. Edward Snowden? Sitzt immer noch in Russland. NSA? Abhörskandal? Nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung, Regierung und der Großteil scheinen sich nicht daran zu stören. Neue Innovationen im Digitalbereich? Fehlanzeige in Deutschland. Erfolgreiche Start-ups und Internet-Konzerne? Erfolgreiche Beispiele der digitalen Transformation im Bereich Medien/Verlage? Nicht vorhanden. Verbreitung und Akzeptanz von digitalen Themen, Social Media und Co. in Unternehmen und Agenturen? So lala. Zuletzt war ich unter anderem auf der Dmexco in Köln und der Neocom in Düsseldorf, zwei ausgewiesene Fachmessen zu den Themen Digital, Mobile und E-Commerce. Die Gespräche, die ich dort geführt habe bzw. die ich mitbekommen habe, erinnern mich aber eher an 2006 als an 2014.

Wo bleibt der Digitalisierungsfortschritt?

Digital ist immer noch Neuland. Leider nicht nur für Frau Merkel, sondern für einen Großteil der Bevölkerung, für weite Teile der Politik und Gesellschaft, für die Mehrheit der deutschen Unternehmen und Agenturen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich bin kein Digital-Dogmatiker. Ich besitze aktuell weit über 800 Bücher, wohlgemerkt hauptsächlich Hardcover. Ich liebe es, abends in einem Ohrensessel zu sitzen und ein gutes Buch zu lesen. Ich liebe die Haptik, den Geruch und die Fokussierung auf ein Medium, ein Thema ohne Ablenkung, Notifications, Messenger-Nachrichten oder dergleichen. Ich fotografiere noch analog, treffe mich offline mit Menschen und spiele Brettspiele. Auch sitze ich gerne stundenlang an der Nordseeküste ohne ein digitales Gerät zu nutzen.

Der digitale Wandel Deutschlands, die Transformation in eine digitale Gesellschaft und Wirtschaft sind enorm wichtig. Man mag meinen, dass uns Deutschen das klar ist, schließlich sind wir das Land der Dichter, Denker und Ingenieure. Das Land der Patente, der Exportweltmeister, die erfolgreichste Volkswirtschaft in Europa. Aber dem ist leider nicht so.

Wir versuchen mit aller Kraft die Annehmlichkeiten der analogen Vergangenheit in eine digitale Zukunft zu retten. Weil wir sie brauchen, weil sie uns ernähren, weil wir sie zu schätzen gelernt haben oder aus rein romantischen Motiven. Aber das kann nicht funktionieren und hat auch noch nie funktioniert. Natürlich ist es schöner und umweltfreundlicher mit der Pferdekutsche zur Arbeit zu fahren. Aber machen wir das deswegen? Nein. Natürlich sind handgeschriebene und kunstvoll gebundene Bücher schöner und wertiger als gedruckte Paperbacks. Und dennoch kaufen wir immer mehr E-Books und E-Reader. Schallplatten und analoge Röhrenverstärker haben einen besseren Klang. Stimmt, MP3, iPod und Spotify dominieren den Musikmarkt.

Verlage klagen über einbrechende Auflagen und Werbeeinnahmen, sinkende Abozahlen und das böse Internet und das noch bösere Google. Statt sich zu wehren und zu erkennen, dass auch ihr Geschäftsmodell endlich ist, weigert man sich, seine analoge Komfortzone mit Verweis auf die eigene Wichtigkeit zu verlassen und stattdessen durch Lobbying den Gesetzgeber zur Schaffung eines Leistungsrechts zu bewegen. Jahrelang wurden neue Medienunternehmen ignoriert.

Wer hat denn die Verlage gezwungen, all ihre Inhalte, die am Kiosk verkauft werden, im Internet zu verschenken? Niemand. Im Gegenteil. Ich behaupte, dass Unbeweglichkeit und Arroganz der Verlagshäuser Schuld an der heutigen Misere ist. Zuerst hat man das Internet ignoriert und dann, als man es doch begann zu nutzen, nicht verstanden. Und massiv unterschätzt. Nun, da das Kind im Brunnen liegt und die Erosion der Erträge schneller die Entwicklung zielführender Gegenmaßnahmen stattfindet, kämpft man ums Überleben und schreit nach Hilfe vom Gesetzgeber. Der erlässt ein „Leistungsschutzrecht für Presseverleger (§ 87f ff. UrhG)“. Oder die Zeitungsbranche soll durch eine Stiftung gerettet werden. Egal, Hauptsache jemand anderes finanziert den Verlegern die Korrektur eigener Fehler.

Leistungsschutzrecht. Das hört sich nach Naturschutz oder Artenschutz an, gesetzliche Maßnahmen um eine Spezies vor dem Aussterben zu schützen. Das mag bei einer Vogelart sinnvoll sein, schließlich können sich diese Tiere nicht wehren. Aber ein Schutzrecht für Verleger? Demnächst noch eins für Taxifahrer und Banken? Ist es sinnvoll, alte Geschäftsmodelle unter Artenschutz zu stellen? Man stelle sich einmal vor, die Klöster und Ordenshäuser hätten nach Aufkommen von Gutenbergs Buchdruck einen „Interessenverband klösterlicher Kopisten“ gegründet und eine Art Leistungsschutzrecht oder eine Bestandsgarantie für ihren Berufsstand eingefordert und durchgesetzt? Immerhin war ja ihr Geschäftsmodell und ihr Wissensmonopol bedroht, der Buchdruck war für die Schreiber eine ähnlich disruptive Technologie wie Amazon später für den Buchhandel.

Konservierung ist keine Strategie

Ich teile die Meinung von Thomas Koch, der vor kurzem sagte, dass deutsche Verlage keine Antwort auf die Digitalisierung haben und keine erfolgsversprechenden Konzepte für den digitalen Medienkonsum entwickeln. Statt Inhalte und Titel für neue Geräte und Medien zu entwickeln, werden bestehende Printprodukte als PDF oder 1:1-Umsetzung in meist schlechten Apps auf den Markt geworfen. Jedes Medium hat seine Spielregeln, seinen gestalterischen und erzählerischen Rahmen. Gerade die Digitalen bieten unzählige Vorteile für Rezipient und Absender, sofern diese eben richtig verstanden und genutzt werden. Und verstanden haben das Verlage immer noch nicht. Das ist wie ein Schiffbauer, der feststellen muss, dass nun Autos angesagt sind und statt sein Geschäftsmodell grundlegend anzupassen, dann einfach Räder an seine Boote schraubt und diese an Konsumenten als „vollkommen neues Erlebnis“ verkauft.

Natürlich können Unternehmen selbst entscheiden, wie sie auf Disruption und digitalen Wandel reagieren. Entscheiden, wann, wie und wo seine Produkte verkauft werden, ob nun exklusiv im eigenen Store, bei Partnern oder breit im Handel. Selbstverständlich kann sich ein Unternehmen auch gegen E-Commerce stemmen und den Versuch unternehmen, den Onlinehandel mit seinen Produkten zu unterbinden. Sollten sie dann aber in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, sehe ich weder Staat noch Bürger in der Pflicht, diese Unternehmen dann zu retten. Auch wenn es bitter ist, Arbeitsplätze und Traditionen zu verlieren.

Aber aus welchen Gründen agieren so viele Unternehmen so? In allen mir bekannten Fällen ist es eine konservative Motivation, man versucht sein alteingesessenes Geschäftsmodell, seine Strukturen zu sichern und Margen zu retten. Eine Strategie ist nicht vorhanden, nur Verteidigungsmaßnahmen. Faszinierend sind besonders die Unternehmen, die selbst von den Annehmlichkeiten einer digitalisierten und globalisierten Welt profitieren, aber ihren Kunden und Konsumenten vorschreiben wollen, doch bitte brav weiter den alten Weg zu gehen. Ich als Konsument soll weiter 150 Euro für das Paar Markensportschuhe zahlen, während der Hersteller das Produkt für 20 Euro inklusive Logistik in Asien fertigen lässt?

Immer wieder höre, lese und erlebe ich, wie B2B-Unternehmen gegen Wandel argumentieren. Gerne fallen dann Sätze von „Wir machen nur B2B, wir brauchen kein Social Media“ oder „In der B2B-Welt spielt die Webseite/E-Commerce keine Rolle“ bis hin zu „Wir sind B2B, da muss die Webseite nicht responsive sein“.

Das ist aberwitzig. B2B-Einkäufer und -Entscheider sind auch „normale“ Menschen. Mit Familie und Kindern, mit einem Privatleben und Hobbys. Diese Menschen nutzen wie wir selbstverständlich im Privatleben neue Medien, Geräte und technologische Standards. Aber am nächsten Morgen im Büro geben sie diese Erfahrungen am Empfang ab und freuen sich wieder darauf, in ihrem Büro vor einem stationären Rechner zu sitzen, in ein Blackberry zu sprechen, Informationen von Partnerunternehmen oder deren Produkte nicht im Netz, sondern in gedruckten Katalogen zu recherchieren? Nicht wirklich, oder? Diese Menschen erwarten diese Standards, Annehmlichkeiten und Vorteile der Technologien auch in den Unternehmen und ihrer Geschäftswelt. Consumerization nennt man das, Ansätze wie „Bring your own device“ sind Folgen einer solchen Entwicklung.

Natürlich hat die Regierung Merkel mittlerweile erkannt, dass sie das Thema Digitales Deutschland nicht länger ignorieren kann ohne die nächste Wahl zu riskieren. Für Frau Merkel brennt es an allen Ecken, ob aus Richtung Infrastruktur und Breitbandausbau, Verbraucher- und Datenschutz oder den Geheimdiensten, die alles was nicht bei Drei auf seinem analogen Baum sitzt, abhören. Allerdings bin ich mit den Aktivitäten rund um die Digitale Agenda, die aus dieser Erkenntnis erwachsen sind, nicht annähernd zufrieden. Und das aus vielen Gründen.

Da wäre zum Beispiel die Tatsache, dass das Thema Internet und Digitaler Wandel dem Verkehrsministerium, korrekter dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, unterstellt wurde. Ein Ministerium, das nicht wirklich durch Innovation, Strategie und erfolgreiche Umsetzung von Großprojekten überzeugen konnte. Für eine solch wichtige Aufgabe muss ein eigenes Ressort geschaffen werden. Oft wird in diesem Zusammenhang von einem Internetminister gesprochen, doch allein der Begriff zeigt, dass hier einiges nicht verstanden wurde. Es geht nicht nur ums Internet und den Breitbandausbau. Es geht um den digitalen Wandel, um ein digitales Deutschland, folglich müsste der Minister bzw. sein Ministerium einen Namen wie „Minister für Medienkompetenz und digitalen Wandel“ oder „Minister für digitalen Wandel“ tragen.

Dieses Ministerium muss mit allen notwendigen Befugnissen und Kompetenzen ausgestattet werden, bis hin zu einer Art Einmischungsrecht in andere Ressorts und einer Priorisierung von Digitalisierungsaspekten gegenüber anderen innerhalb von Projekten. Das Budget dieses Ministeriums müsste eines der größten im Bundeshaushalt sein, wenn wir wirklich im Weltvergleich aufholen wollen. Und statt weiter der Telekom und anderen Telekommunikationsunternehmen Geld und Subventionen hinterher zu werfen, sollte der Fehler der Privatisierung wieder rückgängig gemacht werden. Infrastruktur gehört in die Hände der Bürger und des Staates, nicht in die Hände von auf Profit ausgerichteten, börsennotierten Unternehmen. Eine staatliche Netzgesellschaft wäre für Betrieb und Ausbau des Netzes verantwortlich und alle Anbieter würden Lizenzen und Kapazitäten bei dieser Gesellschaft kaufen.

Einige von Ihnen werden jetzt aufschreien und die Wettbewerbskeule herausholen. Lassen Sie stecken. Es gibt genug Gründe, Argumente, Belege und auch Beispiele wie die USA, die klar zeigen, dass Privatisierung von Infrastruktur wie Telefon/Daten, Strom, Gas, Wasser, Schiene und Straßen nicht funktioniert. Die Netze verfallen, Kontrolle über Ausbau, Nutzung und Servicequalität sind fast nicht möglich, ein Ausbau findet kaum bis gar nicht statt, da jede Investition gegenüber Aktionären und Investoren verantwortet werden muss – und letztere fürchten langfristige Investitionen in Infrastruktur genauso wie der Teufel das Weihwasser. Infrastrukturprojekte, gerade langfristige Projekte wie die flächendeckende Versorgung mit leistungsfähigen Netzen bis ins letzte Kuhdorf, lassen sich mit Realtime-Börsenkursen und Denken in Quartalsergebnissen nur sehr schwer vereinbaren.

Und es gibt, um auf die Wettbewerbskeule zurückzukommen, genügend Möglichkeiten für Wettbewerb und Differenzierung. Vielleicht würde dann ja Servicequalität und Mehrwertdienste endlich zu den entscheidenden Faktoren in der Wahl des Providers werden und nicht mehr die Tatsache, dass man in Neuss (keine 10 km von Düsseldorf entfernt) keinen, nur sehr schlechten LTE-Empfang oder 3G bzw. Edge hat. Und wir brauchen Wettbewerb, wir brauchen aber auch Internet in Kleinkleckersdorf. Warum? Zum einen hat das etwas mit Solidarität zu tun. Kennen Sie diesen Begriff noch? Dann wäre dort noch die Landflucht und die Entvölkerung ganzer Landstriche, die sich zwar nicht durch DSL aufhalten lässt, aber ein wichtiger Faktor ist, seine Entscheidung zur Großstadt noch einmal zu überdenken. Auch sitzt die deutsche Wirtschaft, die zum Großteil aus kleinen und mittelständischen Unternehmen besteht und somit die meisten Arbeitsplätze in Deutschland schafft, nicht nur in Düsseldorf oder im Speckgürtel rund um Berlin. Und zuletzt noch die nicht überprüfte, aber naheliegende Grundannahme, dass Innovation eben nicht nur in „Hipster Town“ entsteht, sondern auch auf dem Lande.

Zusammengefasst finde ich, dass Solidarität, Gleichberechtigung, Chancengleichheit, Arbeitsplätze, eine gesunde Bevölkerungsverteilung und Innovationskraft genügend Argumente für einen flächendeckenden Infrastrukturausbau sind. Und einem dazugehörigen, eigenständigen Ministerium mit Befugnissen und Finanzmitteln. Diese Neuordnung müsste sich natürlich auch in Europa und der EU widerspiegeln und dort fortgesetzt werden. Mit Verlaub, ich finde es unerträglich, dass ein Politiker wie Günther Oettinger EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft wird. Ich kenne den Mann nicht persönlich, aber politisch. Dieser Mann ist immer wieder durch seine Inkompetenz und seinen Hang zu Fehltritten aufgefallen, angefangen bei seiner Filbinger-Trauerrede („Er war ein Gegner des NS-Regimes", 2007) über seine Aussagen zur Wettbewerbssituation und Notwendigkeit von Kriegen („Das Blöde ist, es kommt kein Krieg mehr“, ebenfalls 2007) und seine Rolle bzw. die seiner Frau im Großprojekt Stuttgart21 bis hin zu seinen Ausführungen zu Sprachkenntnissen („Englisch wird die Arbeitssprache. Deutsch bleibt die Sprache der Familie und der Freizeit, die Sprache, in der man Privates liest.“) oder zur Türkei („…auf Knien nach Ankara robben, um die Türken zu bitten, Freunde, kommt zu uns.“, 2013). Erinnere sie sich an irgendwelche Erfolge in seiner Zeit als Energiekommissar? Ich nicht. Und dieser Mann soll nun den Digitalen Wandel in Europa führen. Wohl kaum.

Aber man soll ja nicht nur auf andere zeigen und die Schuld auch bei sich selbst suchen. Ich arbeite in einer Werbeagentur und kann nach über 10 Jahren Berufserfahrung sagen, dass diese Branche auch genug Angriffsfläche bietet. Dabei möchte ich jetzt nicht einmal auf das mangelnde Bewusstsein der Werber für Datenschutz und Persönlichkeitsrechte eingehen, auch wenn das ein wichtiges aber eben auch riesiges Thema ist. Mir geht es eher um Akzeptanz von Technologie innerhalb der Bevölkerung und welche Rolle wir Werber und die Auftraggeber darin spielen.

Negativbeispiel QR-Code

Ein sehr gutes Beispiel für „Technologieakzeptanzvernichtung“ bei Konsumenten sind QR-Codes. Ja, genau, diese kleinen hässlichen Dinger, die Print und Digital zusammenbringen (können). QR-Codes besitzen nahezu keine Akzeptanz in Deutschland. Dafür gibt es gute Gründe, aber diese liegen bestimmt nicht ausschließlich in der Technologie begründet. Sondern in dem was wir – damit meine ich Unternehmen, Medien und Agenturen – daraus gemacht haben.

„Warum scannt denn nur keiner unsere QR-Codes?“ ruft der verzweifelte Projektmanager beim Betrachten der Zahlen. „Weil ihr zum Henker keinen erkennbaren Mehrwert bietet.“ ruft da der bis dahin eigentlich zugeneigte Konsument zurück. Was ist mit dieser kleinen Anekdote gemeint?

Ich spreche über QR-Codes, die fehlerhaft auf Werbeträgern positioniert sind, deren Link-Ziele die Startseite eines Unternehmens sind. Oder auf den aktuellen Werbeclip der Marke auf YouTube verweisen – Spots, die der Konsument schon dreißigmal im linearen TV gesehen hat. Und ganz am Rande: Warum sollte der Konsument, der im TV mit Beginn der Werbepause sofort wegzappt, an der Bushaltestelle sein Gerät entsperren, eine App starten (oder sogar noch laden), den Code scannen und das Öffnen des Links zulassen, wenn er dafür den Spot sieht, den er im TV schon nicht sehen wollte? Oder um auf www.domain.de zu landen?

Man gewinnt sehr häufig den Eindruck, dass die Entscheidung für die Verwendung eines QR-Codes von Menschen getroffen werden, die selbst weder QR-Codes nutzen, noch genau wissen, was das Teil kann und wie man es sinnvoll nutzen könnten. Wenn der Berater und der Kreative schon eine Technologie nicht verstehen oder selbst anwenden, wie und warum sollte der Konsument dann anders reagieren oder sich im Umgang mit der Technologie unterscheiden?

Oder noch schlimmer: Menschen, deren Hang zu QR-Codes eher dem eigenen (Marken-)Ego gewidmet sind, als denn dem Bedürfnis, seinen Konsumenten einen Mehrwert zu bieten. So ungefähr kann man sich die Gedanken vorstellen: „Hallo, du dummer Konsument. Wir sind jetzt total digital und cool. Also nutzt jetzt unsere QR-Codes – auch wenn sie keinen Sinn ergeben oder einen Mehrwert bieten. Wir sind hip, wir sind cool, wir sind digital!“

Wenn ein Konsument jemals bereit war, QR–Codes auszuprobieren, dürfte er nach der Erkenntnis, dass das Scannen gefühlt ewig dauert, dreier QR-Code-Apps und mehrerer Versuche bedarf und er sich sogar teilweise körperlich verrenken muss, um an die Botschaft zu kommen, zu dem Schluss kommen, dass er QR-Codes nicht wirklich braucht oder von der Zeit, die er zusätzlich in die Werbefläche investiert sich, nicht profitiert. Ähnliche Erfahrungen machen Konsumenten auch mit anderen Technologien wie Augmented Reality, Apps, NFC oder auch Facebook-Fanseiten. Alles eher digitale Strasssteinchen auf dem Ego als denn wirkliche Bestandteile einer ausgefeilten digitalen Strategie.

Wie sieht die Lösung aus? Nun, abgesehen davon, dass es nicht DIE Lösung gibt, ist dieser Artikel zu kurz und ich auch nur ein einzelner Mensch, der sich Gedanken macht. Ich spreche nicht für meine Agentur, eine Partei oder gar für eine Bevölkerungs- bzw. Interessengruppe. Aber trotzdem fallen mir sofort ein paar Maßnahmen ein, die ich für extrem sinnvoll erachte.

Über Infrastruktur habe ich bereits gesprochen, hier muss investiert werden. Viel, schnell und unabhängig vom Wohnort der betroffenen Bürger. Wir brauchen flächendeckend eine leistungsfähige Infrastruktur, auch in ländlichen Gebieten. Neben dem Investment in Hardware muss auch in die Software investiert werden, damit meine ich die Menschen. Das beginnt in den Schulen, wo dringend neue Schulfächer flächendeckend eingeführt werden müssen, die weg vom klassischen Informatikunterricht und hin zu Medienkompetenz und digitaler Gesellschaft gehen. Wir haben Sportunterricht, Hauswirtschaftslehre, Religionsunterricht, aber keine ernsthafte Auseinandersetzung mit und Vorbereitung der Schüler auf den digitalen Wandel und seine Konsequenzen. Gleiches gilt für Unternehmen und deren Mitarbeiter. Hier müssen Anreize für eine kontinuierliche Schulungen und Weiterbildungen in Medienkompetenz und Technologie geschaffen werden. Wissen muss in die Köpfe.

Eine weitere Großbaustelle sind mehr, viel mehr Geld- und Fördermittel für Gründungen und eine einfachere Vergabe dieser Gelder an Start-ups, eine Entschlackung von Bürokratie und Gesetzgebung, damit Unternehmensgründungen schneller und leichter stattfinden können. Auch brauchen wir eine neue Kultur im Umgang mit Gründern und auch gescheiterten Gründungen. Jemand, der mit einer Unternehmensidee gescheitert und sogar in die Insolvenz geraten ist, sollte nicht bestraft, sondern gefeiert werden. Er sollte seine Erfahrungen und Fehler weitergeben können, ohne dass wir mit dem Finger auf ihn zeigen und „Versager“ rufen.

Die Politik täte nicht schlecht daran, sich selbst zurückzunehmen und sich Experten an Bord zu holen, die den digitalen Wandel auf gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und menschlicher Ebene begleiten und gestalten und nicht weiter altgediente Parteisoldaten auf solche Posten abschiebt. Ich persönlich würde lieber die Jury- und Investorengruppe aus „Die Höhle der Löwen“ auf VOX am Ruder sehen, als denn unseren Bundesverkehrsminister.

Ist es zu spät für uns? Nein! Warum? Weil Fortschritt nicht endlich ist, zumindest nicht in menschlicher Zeitrechnung. Es wird also immer etwas geben, was erfunden, verbessert, verfeinert, anders oder neu gedacht werden kann. Auch, weil wir Menschen uns verändern und anpassen, uns auf eine neue Entwicklungsstufe heben, die wiederum neue Möglichkeiten bieten. Die Tatsache, dass man heute als Unternehmen von Smartphonehüllen und Accessories leben kann, hätte vor 20 Jahren kaum einer geglaubt. Und das geht nur, weil die Menschen Smartphones akzeptiert haben und sie Teil ihres Lebens geworden sind, der Wunsch entstanden ist, diese Geräte zu schützen und zu pimpen.

Wir werden bald keine Banken mehr brauchen. Keine Verlage, keine terrestrischen TV- und Radiosender, keine Taxiunternehmen, keine Post, keine Schulen oder Universitäten.

Das ist Disruption. Das ist Dynamik. Das ist Digital.
 
Wacht auf, findet euch damit ab und macht das Beste draus. Glänzt durch Wissen und Medienkompetenz, durch Ideen, nicht durch Abkupfern, Ablehnung oder gefährliches Halbwissen. Unsere Aufgabe als Mensch, Bürger und Konsument ist es, diese Veränderung zu verstehen, sich mit ihr zu arrangieren und bewusst und verantwortungsvoll damit umzugehen. Damit wir und unsere nächsten Generationen in einer besseren Welt leben und nicht in einer schlechteren.



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