Gesundheitswesen

„Digitalisierung darf nicht nur Selbstzweck sein“

Im Gespräch mit MOBILE BUSINESS äußert Roland Wien, Vorstand der Viactiv Krankenkasse, seine Meinung zum Digitale-Versorgungs-Gesetz (DVG), Gesundheits-Apps, KI in der Medizin sowie Videosprechstunden.

Roland Wien, Vorstand der Viactiv Krankenkasse

„Die Interessen der Patienten sollten noch mehr in den Vordergrund gerückt werden“, fordert Roland Wien, Vorstand der Viactiv Krankenkasse.

MOB: Herr Wien, am 7. November 2019 wurde im Bundestag das Digitale-Versorgungs-Gesetz (DVG) beschlossen, das den Patienten zugutekommen soll. Die Meinungen dazu sind zwiegespalten. Wer profitiert Ihrer Ansicht nach tatsächlich von diesem Gesetz und warum?
Roland Wien:
Das BMG wirbt mit dem Slogan „Digital versorgt – gesünder vernetzt“ für eine „bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation“. Dabei geht es im Wesentlichen um folgende Punkte: Ärzte sollen zukünftig Gesundheits-Apps verschreiben dürfen. Patienten sollen die Möglichkeit bekommen, ihre Daten in einer elektronischen Patientenakte speichern zu lassen. Und Telemedizin soll leichter nutzbar werden. Das allein ist noch nicht der Durchbruch in der digitalen Gesundheitsversorgung, regelt aber die Grundlagen und den rechtlichen Rahmen. Digitale Entwicklungen finden bereits jetzt statt: z.B. Telemedizin bei Herzinsuffizienz, KI verbessert die Suche nach Krebs im Darm, digitale OP für die Chirurgie der Zukunft. Profitieren können alle Menschen, die z.B. unter chronischen Erkrankungen leiden und offen sind für die neuen Entwicklungen.

MOB: Wer sind auf der anderen Seite die „Verlierer“ und warum?
Wien:
Aus meiner Sicht gibt es keine Verlierer.

MOB: Wie steht die deutsche Bevölkerung digitalen Anwendungen im Gesundheitswesen anno 2019 überhaupt gegenüber?
Wien:
Versicherte schätzen den Komfort digitaler Angebote, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Das sehen wir an unserer App. Seit April dieses Jahres verzeichnen wir über 30.000 Downloads und etwa 150 Neuregistrierungen pro Tag. Mit der in die App integrierten elektronischen Gesundheitsakte von IBM können Versicherte demnächst über ihr Smartphone direkt auf ihre Gesundheitsdaten und medizinische Informationen zurückgreifen. Sie bietet eine Übersicht der ärztlichen Behandlungen, Medikamente, Impfungen und Diagnosen. Ob im Krankenhaus, beim Arzt oder im Urlaub: Versicherte haben ihre Gesundheitsdaten auf ihrem Smartphone damit stets zur Hand und könnten sich belastende Doppeluntersuchungen ersparen, sofern der Arzt mitspielt.

MOB: Inwieweit können Gesundheits-Apps Ihrer Ansicht nach die Versorgung der Patienten verbessern?
Wien:
Es gibt bereits jetzt Apps, die in der Patientenversorgung eingesetzt werden können, z.B. Apps für Patienten mit Herzinsuffizienz oder Apps für Menschen mit psychischen Problemen. Andere Apps helfen Menschen mit Diabetes, ihren Lebensstil erfolgreich und dauerhaft zu verändern sowie ärztliche Therapieempfehlungen im Alltag umzusetzen.

MOB: Welches Potenzial besitzt Künstliche Intelligenz (KI) im medizinischen Bereich? KI als automatisierte Zweitmeinung – wäre das denkbar?
Wien:
KI kann schon heute helfen, Krankheiten im Frühstadium zu erkennen. Es gibt bereits Anwendungen bei bildgebenden Verfahren, die den Arzt wesentlich unterstützen. Die Möglichkeiten werden sich in diesem Bereich sehr schnell entwickeln.

MOB: Inwieweit halten Sie Videosprechstunden für sinnvoll?
Wien:
Gerade in ländlichen Regionen, in denen der Patient weit entfernt zum nächsten Arzt wohnt, ist Telemedizin eine erhebliche Erleichterung. Bei Hauterkrankungen gibt es schon heute Modellprojekte, die es ermöglichen, dass der Arzt per Smartphone Bilder bewerten kann. Telemedizin sollte es aber nicht „on top“ geben, sie kann ergänzend genutzt werden.

MOB: Stichwort „Elektronische Patientenakte“: Inwieweit werden Versicherte hier zukünftig überhaupt noch über ihre Daten bestimmen können?
Wien:
Die Interessen der Patienten sollten noch mehr in den Vordergrund gerückt werden. Bislang können sie z.B. nicht mitbestimmen, welche Funktionen die elektronische Patientenakte zuerst erhält. Der Versicherte aber bestimmt, ob er überhaupt eine ePA haben möchte. Und er alleine entscheidet, wer die Daten einsehen darf.

MOB: Wo sehen Sie noch Lücken im DVG, die zeitnah geschlossen werden sollten?
Wien:
Die Regelungen zum Datenschutz machen Änderungen im SGB V erforderlich und werden derzeit durch einen Referentenentwurf erarbeitet. Deshalb kommen die weiteren Regelungen zur Patientenakte nicht im Digitalisierungsgesetz, sondern in einem eigenen Gesetz. Hier werden die Datenschützer sehr genau hinsehen. Insgesamt fehlt es dem Gesetz an einer klaren strategischen Ausrichtung. Digitalisierung darf nicht nur Selbstzweck sein.

Bildquelle: Viactiv

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