Trotz aller Unsicherheiten

DVG – eine großartige Chance?

Emily Andreae, Head of Business Development Health bei Adesso und Vorsitzende des Arbeitskreis E-Health des Bitkom e.V., sieht trotz aller Unsicherheiten im DVG eine „großartige Chance, den Anschluss an andere europäische Länder aufzuholen und die Versorgung der Patienten durch digitale Lösungen zu verbessern“. Sie hofft hierbei, dass das Thema „Datenspende“ in einem folgenden Gesetz zielführend umgesetzt wird, damit der Nutzen für die Versicherten und damit die Akzeptanz weiter steigen.

Emily Andreae, Head of Business Development Health bei Adesso und Vorsitzende des Arbeitskreis E-Health des Bitkom e.V.

„Verlierer im DVG ist sicherlich die elektronische Patientenakte (ePA) und somit der Patient“, meint Emily Andreae von Adesso.

MOB: Frau Andreae, am 7. November 2019 wurde im Bundestag das Digitale-Versorgungs-Gesetz (DVG) beschlossen, das den Patienten zugutekommen soll. Die Meinungen dazu sind zwiegespalten. Wer profitiert Ihrer Ansicht nach tatsächlich von diesem Gesetz und warum?
Emily Andreae:
Es wird vielfach behauptet, das DVG sei ein Konjunkturpaket vor allem für die Digitalwirtschaft im Gesundheitswesen. Wer aber über den deutschen Tellerrand schaut, versteht sehr schnell, dass es darauf abzielt, dass unsere gesamte Gesundheitsbranche zukunftsfähig wird. Mit der Einführung der Telematikinfrastruktur wurde ein Grundstein für eine sichere und funktionierende Datenautobahn gelegt. Was es nun bedarf, sind Anwendungen, die darauf laufen, damit der Mehrwert auch für die Patienten spürbar wird. Dafür hat das DVG erste gute Schritte definiert und es wird nicht das letzte Gesetz aus dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) zu digitalen Gesundheitslösungen sein. Selbstverständlich freut sich die Gesundheitsindustrie darüber, dass sie nun auch erstattungsfähige E-Health-Anwendungen auf den deutschen Markt bringen kann und bezüglich einheitlicher und vor allem internationaler Standards und Schnittstellen mehr Investitionssicherheit bekommt.

MOB: Wer sind auf der anderen Seite die „Verlierer“ und warum?
Andreae:
Verlierer im DVG ist sicherlich die elektronische Patientenakte (ePA) und somit der Patient. Hier konnte man sich im ersten Schritt – aufgrund von Datenschutzvorbehalten zu geplanten weiteren Regelungen zur ePA – nicht einigen. Somit sind auch Anwendungserweiterungen der ePA, wie beispielsweise Impfausweis, Mutterpass oder Zahnbonusheft, wieder herausgenommen worden, sollen aber in einem folgenden Gesetz zeitnah aufgenommen werden. Die ePA in ihrer Grundfunktionalität wird jedoch – wie bereits mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) verabschiedet – zum 1. Januar 2021 für jeden gesetzlich Versicherten zur Verfügung stehen.

MOB: Wie steht die deutsche Bevölkerung digitalen Anwendungen im Gesundheitswesen anno 2019 überhaupt gegenüber?
Andreae:
Die Akzeptanz bei den Versicherten in Bezug auf E-Health-Anwendungen hat sich in den vergangenen Jahren ungemein verändert. Das liegt vor allem daran, dass im Privatleben viele digitale Anwendungen nicht mehr wegzudenken sind. Eine aktuelle Umfrage des Bitkom zeigt beispielsweise, dass zwei Drittel der Befragten die elektronische Patientenakte nutzen wollen und bereits zwei von drei Smartphone-Nutzern Gesundheits-Apps besitzen. Auch im Bereich der Prävention sind Versicherte vielfach aufgeschlossen. Deswegen bleibt zu hoffen, dass das Thema „Datenspende“ in einem folgenden Gesetz zielführend umgesetzt wird, damit der Nutzen für die Versicherten und damit die Akzeptanz weiter steigen.

MOB: Welche konkreten Vorteile und Möglichkeiten ergeben sich durch das DVG für die Patienten?
Andreae:
Am interessantesten für den Patienten ist sicherlich die Möglichkeit, sogenannte Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), die bereits als Medizinprodukt der Klasse I und IIa zugelassen sind, bald vom Arzt auf Rezept erhalten zu können. Die Umsetzungsidee ist tatsächlich sehr mutig vom Gesetzgeber und so noch nirgends zu finden, weswegen es nach Bekanntwerden des Gesetzesentwurfes auch viele Anfrage aus dem Ausland zur Umsetzung gab. Ein spannender Punkt dabei ist, wie die DiGAs tatsächlich ihren Weg in die Versorgung finden werden. Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte soll innerhalb von drei Monaten nach Antragstellung der Hersteller entscheiden, ob eine Leistung durch die gesetzlichen Krankenkassen erstattet wird. Die dazugehörige Rechtsverordnung, die weitere Festlegungen trifft, wie beispielsweise positive Versorgungseffekte aussehen, die im ersten Jahr nachzuweisen sind, ist noch nicht veröffentlicht. Wenn die ersten DiGAs dann zugelassen sind, stellt sich immer noch die Frage, wie der Arzt oder Patient davon erfahren. Es wird zwar ein Verzeichnis geben, in dem die zugelassenen Anwendungen für den Arzt aufgelistet sind, aber die Verbreitung wird sicherlich einige Zeit in Anspruch nehmen und auch bei den Ärzten eine andere Art der Informationsbeschaffung mit sich bringen. Trotz aller Unsicherheiten, die noch bestehen, ist es eine großartige Chance, den Anschluss an andere europäische Länder aufzuholen und die Versorgung der Patienten durch digitale Lösungen zu verbessern.

MOB: Inwieweit können Gesundheits-Apps Ihrer Ansicht nach die Versorgung der Patienten verbessern?
Andreae:
Gerade Anwendungen, die das Selbstmanagement des Versicherten betreffen, können auch heute schon einen hohen Mehrwert in Bezug auf die Adhärenz und die Therapietreue des Patienten haben. Es gibt indikationsspezifische Patienten-Support-Programme, die mithilfe digitaler Anwendungen dem Patienten helfen, seine Erkrankung, mögliche Medikamentennebenwirkungen und oder seine Einflussmöglichkeiten auf die Erkrankung – wie beispielsweise Diabetes – zu verstehen. Auch im Bereich der Arzneimittelunverträglichkeiten gibt es einige sehr gute Anwendungen. Bei denen ist aber derzeit noch der Patient gefragt, seine eingenommenen Arzneimittel einzupflegen. Hier wird mit dem E-Rezept und der ePA ein großer Schritt in Richtung Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) gemacht. Liegen vollständige Daten zum Patienten, seiner medizinischen Historie und seinem Lebenswandel vor, können Ärzte Erkrankungen sehr viel besser verstehen, einordnen und behandeln. Der Patient und seine Mitarbeit spielen damit eine immer größere Rolle.

MOB: Welches Potenzial besitzt Künstliche Intelligenz (KI) im medizinischen Bereich? KI als automatisierte Zweitmeinung – wäre das denkbar?
Andreae:
Das ist genau ein Einsatzszenario, vor dem viele Ärzte noch Angst haben. Dabei geht es gar nicht darum, den Arzt in irgendeiner Art und Weise zu ersetzen, sondern auf einer Datenbasis qualifizierte Zweitmeinungen oder Unterstützungstools für Diagnosen zu nutzen, um eine bessere Entscheidungsfindung für die Behandlung herbeizuführen. Nehmen wir das Beispiel von seltenen Erkrankungen, die ein Arzt vielleicht nur ein- oder zweimal in seinem Leben zu sehen bekommt. Die meisten Patienten durchlaufen unglaublich viele Diagnoseprozesse und es können Jahre vergehen, bis wirklich klar ist, woran der Patient erkrankt ist. Studien haben hier gezeigt, dass mit Künstlicher Intelligenz seltene Krankheiten effizienter und zuverlässiger diagnostiziert werden können. Im Bereich bildgebende Verfahren und Diagnostik wird KI heute schon vielfach eingesetzt und auch für den Bereich personalisierte Medizin ist eine enorme Entwicklung mit großen Potenzialen für eine gezieltere Versorgung zu erwarten.

MOB: Inwieweit halten Sie Videosprechstunden für sinnvoll?
Andreae:
Die Videosprechstunde ist ein ungemein sinnvolles Medium, um zum einen medizinische Versorgung an Orte zu bringen, an denen sie nicht ausreichend vorhanden ist. Zum anderen ist sie eine Entlastung für die Arztpraxen im Bereich der Nach- und Weiterversorgung von Patienten. Auch zur Erleichterung von Hausbesuchen, die beispielsweise durch eine ausgebildete Medizinische Fachangestellte (MFA) oder Pflegefachkraft assistiert stattfinden können, wird die Videokonsultation eingesetzt. In vielen anderen Ländern sehen wir hier seit Jahren bereits sehr positive Entwicklungen in der Versorgung und sind froh, dass Deutschland nun endlich auch die gesetzlichen Grundlagen geschaffen hat. In Frankreich bekommt ein Arzt übrigens genauso viel für eine „normale“ Sprechstunde wie für eine Videosprechstunde.

MOB: Apotheker, Krankenhäuser und Co. sind dazu verpflichtet, sich an die Telematikinfrastruktur (TI) anzuschließen. Inwieweit attackiert solch ein verpflichtendes digitales Netzwerk den Datenschutz und die Privatsphäre der Bürger?
Andreae:
Die Telematikinfrastruktur erfüllt alle gesetzlichen Datenschutz- und Datensicherheitsanforderungen auf höchstem Niveau und ist laut Aussage des Gesundheitsministeriums das größte IT-Projekt der Welt. Dazu sind alle medizinischen Anwendungen für den Versicherten freiwillig. Die elektronische Gesundheitskarte leistet sogar eher einen Beitrag dazu, dass die Datensicherheit für die Patienten erhöht und die Rechte der Versicherten gestärkt werden. Ich glaube, ich brauche an dieser Stelle nicht zu erklären, wie unsicher das Fax ist, das momentan noch eines der meistgenutzten Kommunikations-Tools im Gesundheitsbereich ist.

MOB: Stichwort „Elektronische Patientenakte“: Inwieweit werden Versicherte hier zukünftig überhaupt noch über ihre Daten bestimmen können?
Andreae:
Die Frage ist relativ einfach beantwortet: Gemäß der elektronischen Patientenakte nach § 291 a SGB V ist der Patient alleiniger Herr seiner Daten und nur er entscheidet, was in die Akte kommt und was er mit Ärzten, Apothekern oder Kliniken teilt. Die Erteilung zur Zugriffsberechtigung erfolgt über die ePA-Anwendung des Versicherten oder direkt in der Arztpraxis beim Einlesen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) inklusive PIN-Eingabe.

MOB: Wo sehen Sie noch Lücken im DVG, die zeitnah geschlossen werden sollten?
Andreae:
Das Thema weiterer ePA-Anwendungen und -Regelungen wurde auf einen Gesetzesentwurf verschoben, der noch in diesem Jahr erwartet wird. Welche Lücken sich zu den bestehenden Inhalten des DVG auftun, wird sich sicherlich erst in der Umsetzung zeigen. Dann gilt es beispielsweise zu klären, wie sich positive Versorgungseffekte für die DiGAs innerhalb eines Jahres nachweisen lassen oder wie überprüft werden kann, dass Krankenkassen wirklich bis zu zwei Prozent ihrer Finanzreserven im Rahmen einer Kapitalbeteiligung zur Entwicklung digitaler Innovationen investieren. Ich glaube entscheidend ist, dass das BMG nach eigenen Aussagen im Moment sehr agil unterwegs ist und auch bereit ist, im Sinne einer Fail-fast-Kultur, Anpassungen an den Gesetzen vorzunehmen, wenn sich herausstellt, dass etwas nicht wie geplant umsetzbar ist.

Bildquelle: Adesso

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