„Dr KI“ & Apps auf Rezept

Ein Spiel mit der Gesundheit?

Im November dieses Jahres wurde im Bundestag ein Digitalisierungsgesetz für das Gesundheitswesen verabschiedet, das den Patienten zugute kommen soll. Die Meinungen dazu sind allerdings zwiegespalten. Wer profitiert hier wirklich von dem Gesetz?

  • Animation Herzbeutel

    Das von Gesundheitsminister Jens Spahn vorgestellte Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) bringt etliche Neuerungen mit sich – doch dienen sie alle dem Wohl der Patienten? ((Bildquelle: Getty Images / iStock))

  • Wieland Dietrich, FÄ-Bundesvorsitzender und Dermatologe

    „Verlierer sind vor allem die Patienten, deren Datenschutz ausgehöhlt wird und die auf die Dauer zu Objekten ökonomisch orientierter ‚Versorgungssteuerung‘, darüber hinaus womöglich zu Opfern der interessierten Gesundheitswirtschaft werden, wenn die Daten immer weiter verbreitet werden“, sagt Wieland Dietrich, FÄ-Bundesvorsitzender und Dermatologe. ((Bildquelle: Freie Ärzteschaft))

  • Roland Wien, Vorstand der Viactiv Krankenkasse

    Roland Wien, Vorstand der Viactiv Krankenkasse, betont: „Versicherte schätzen den Komfort digitaler Angebote, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Das sehen wir an unserer App. Seit April dieses Jahres verzeichnen wir über 30.000 Downloads und etwa 150 Neuregistrierungen pro Tag.“ ((Bildquelle: Viactiv))

  • Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse

    „Es ist wichtig, dass Ärzte und Krankenhäuser an die Telematikinfrastruktur – die Datenautobahn im Gesundheitswesen – angebunden werden. Bildlich gesprochen gilt hier das gleiche wie im Straßenverkehr: Eine Datenautobahn kann nur funktionieren, wenn sie umfassend ausgebaut ist und von allen genutzt werden kann“, konstatiert Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse. ((Bildquelle: Techniker Krankenkasse))

  • Philipp Butzbach vom BVDW

    „Es gibt jetzt schon zahlreiche Anwendungen, die Patienten etwa beim Abnehmen helfen oder Diabetiker unterstützen, Ernährung und Insulin aufeinander abzustimmen“, weiß Philipp Butzbach vom BVDW. ((Bildquelle: BVDW))

  • Emily Andreae von Adesso

    „Verlierer im DVG ist sicherlich die elektronische Patientenakte (ePA) und somit der Patient“, meint Emily Andreae von Adesso. ((Bildquelle: Adesso))

  • Daniel Nill, CEO von Turbine Kreuzberg

    „KI ist in der Medizin nicht nur denkbar, sondern für den diagnostischen Fortschritt unerlässlich“, so Daniel Nill, CEO von Turbine Kreuzberg. ((Bildquelle: Turbine Kreuzberg))

Das von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgestellte Digitale-Versorgung-Gesetz, kurz DVG, ist seit dem 7. November 2019 beschlossene Sache. Es soll den Weg für die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens ebnen, sprich digitale Lösungen sollen zukünftig einfacher in die Gesundheitsversorgung eingebunden werden können und die Forschung darf sich über einen leichteren Zugriff auf Gesundheitsdaten von Patienten freuen. Der Bundesverband Digitale Wirtschaft e.V. (BVDW) begrüßt den Regulierungsvorstoß und erwartet eine „radikale Veränderung des Gesundheitswesens zum Positiven“. Doch darf sich auch die Bevölkerung über das Gesetz freuen? Eine aktuelle, repräsentative Studie von Kantar TNS im Auftrag des BVDW zeigt zumindest, dass die Deutschen digitalen Anwendungen im Gesundheitswesen mehrheitlich offen gegenüberstehen.

Gleiches bestätigt Emily Andreae, Head of Business Development Health bei Adesso und Vorsitzende des Arbeitskreises E-Health beim Bitkom e.V.: „Die Akzeptanz bei den Versicherten in Bezug auf E-Health-Anwendungen hat sich in den vergangenen Jahren ungemein geändert. Das liegt vor allem daran, dass im Privatleben viele digitale Anwendungen nicht mehr wegzudenken sind.“ Eine aktuelle Umfrage des Bitkom zeige beispielsweise, dass zwei Drittel der Befragten die elektronische Patientenakte (ePA) nutzen wollen und bereits zwei von drei Smartphone-Nutzern Gesundheits-Apps besitzen. Auch im Bereich der Prävention seien Versicherte vielfach aufgeschlossen. Wieland Dietrich, Bundesvorsitzender Freie Ärzteschaft (FÄ) und Dermatologe in Essen, vertritt an dieser Stelle einen komplett anderen Standpunkt. Seiner Meinung nach sei die Bevölkerung völlig unzureichend über die Risiken informiert und „in der Praxis ist das Interesse jener an der Digitalisierung viel geringer, als es von den Protagonisten wie Herrn Spahn oder der übrigen IT-Lobby im Gesundheitswesen gebetsmühlenartig vorgetragen wird“.

Apps auf Rezept

Nichtsdestotrotz wird die Digitalisierung des Gesundheitssektors nun durch das DVG tatsächlich einen Schub bekommen, denn das Bundesministerium für Gesundheit (BMG), das mit dem Slogan „Digital versorgt – gesünder vernetzt“ wirbt, fokussiert mit dem Gesetz im Wesentlichen folgende Punkte:

  • Ärzte sollen zukünftig Gesundheits-Apps verschreiben dürfen.
  • Patienten sollen digitale Angebote wie die ePA möglichst bald flächendeckend nutzen können.

Dass sich Patienten direkt von ihrem Arzt geprüfte und für sie passende Gesundheits-Apps verschreiben lassen können, in etwa so, als ob sie vom behandelnden Arzt Medikamente verschrieben bekommen, sieht Daniel Nill als Vorteil. „Schon heute nutzen vor allem Menschen mit chronischen Krankheiten solche Apps, weil sie den Krankheitsverlauf und die Behandlung einfacher und langfristig dokumentieren und kontrollieren können“, weiß der CEO der Digitalagentur Turbine Kreuzberg. So gibt es beispielsweise Applikationen, die Diabetiker unterstützen, Ernährung und Insulin aufeinander abzustimmen. Ferner gibt es „Apps für Patienten mit Herzinsuffizienz oder für Menschen mit psychischen Problemen“, ergänzt Roland Wien, Vorstand der Viactiv Krankenkasse. Nicht zuletzt soll es auch im Bereich der Arzneimittelunverträglichkeit einige gute Anwendungen geben.


Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11-12/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo. 

Wenn es solche Gesundheits-Apps zukünftig auf Rezept gibt, bleiben die Kosten dafür nicht mehr am Patienten, sondern folglich an dessen gesetzlicher Krankenversicherung hängen. Damit das möglichst unbürokratisch möglich ist, wird laut dem BMG der Zugang für Hersteller erleichtert, d.h., nachdem eine entsprechende App vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auf Datensicherheit, Datenschutz und Funktionalität geprüft wurde, werde sie ein Jahr lang vorläufig von der gesetzlichen Krankenversicherung erstattet. In dieser Zeit müsse der Hersteller beim BfArM nachweisen, dass seine App die Versorgung der Patienten verbessert.

Sprechstunde per Videokonferenz

Der Vorstoß zur Videosprechstunde wiederum birgt laut Daniel Nill einen Vorteil, der vor allem Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder in ländlichen Gegenden zugutekommen dürfte. Allerdings werde eine Videosprechstunde deutlich mehr Arztzeit im Vergleich zur echten Behandlung erfordern, gibt Wieland Dietrich zu bedenken, weil ärztliche Diagnostik, Beratung und Therapieempfehlungen wesentlich länger dauern würden. „Im Vergleich zur echten Behandlung bedingen Videosprechstunden grundsätzlich ein Qualitätsdefizit, das man gar nicht wegdiskutieren kann“, so der Dermatologe. „In meiner Praxis – ich behandle etwa 4.000 Patienten jährlich – gibt es praktisch keine Nachfrage.“ Allerdings soll es schon heute Modellprojekte bei Hauterkrankungen geben, die es ermöglichen, dass der Arzt per Smartphone Bilder bewerten kann, wirft Roland Wien an dieser Stelle ein.

Neben Gesundheits-Apps und Videosprechstunden nimmt auch Künstliche Intelligenz (KI) eine immer wichtigere Rolle in der Medizin ein. „Das Potenzial ist enorm“, versichert Philipp Butzbach, stellvertretender Vorsitzender der Fokusgruppe Connected Health im BVDW. KI als automatisierte Zweitmeinung sei nicht nur denkbar, sie sollte seiner Meinung nach gar eine Verpflichtung sein. Wenn eine Software die Chance signifikant erhöhe, etwa anhand bestehender Befunde Krebs zu identifizieren, könne sie Leben retten. Auch Daniel Nill hält KI für den diagnostischen Fortschritt für unerlässlich: „Es gibt Beispiele von Start-ups, die mithilfe neuronaler Netze den Aufwand pathologischer Zelldiagnostik von einer halben Stunde pro Mikroskopie auf weniger als zehn Sekunden reduzieren können.“ Dabei sollen sie statistisch sogar weniger Fehler als ein Pathologe mit 30 Jahren Berufserfahrung machen. Solche offensichtlichen Verbesserungen der Versorgung sollten gefördert werden, meint Nill.

Aber das ist laut Emily Andreae genau das Einsatzszenario, vor dem viele Ärzte noch Angst haben. Dabei gehe es gar nicht darum, den Arzt in irgendeiner Art und Weise zu ersetzen, sondern auf einer Datenbasis qualifizierte Zweitmeinungen oder Unterstützungs-Tools für Diagnosen zu nutzen, um eine bessere Entscheidungsfindung für die Behandlung herbeizuführen. Das sieht auch Nill so: „Mit reinen Ergebnissen können Laien wenig anfangen, für die Interpretation braucht es nach wie vor Ärzte.“ Außerdem dürfe man den menschlichen Faktor und seinen psychologischen Effekt auf Patienten nie vernachlässigen.

Verpflichtendes digitales Netzwerk

Ein weiterer Punkt, der im Rahmen des Digitale-Versorgung-Gesetzes in den Fokus der Diskussion gerückt ist, ist die Telematikinfrastruktur (TI), die alle Beteiligten im Gesundheitswesen miteinander vernetzen und medizinische Informationen, die für die Behandlung der Patienten benötigt werden, schneller und einfacher verfügbar machen soll. Das BMG verpflichtet Apotheken (bis Ende September 2020) und Krankenhäuser (bis 1. Januar 2021), sich an die TI anschließen zu lassen. Für Hebammen und Physiotherapeuten sowie Pflege- und Rehabilitationseinrichtungen wäre das freiwillig. Ärzte wiederum, die sich weiterhin nicht anschließen wollen, müssen laut BMG einen erhöhten Honorarabzug von 2,5 Prozent ab dem 1. März 2020 in Kauf nehmen. Bisher soll er bei einem Prozent gelegen haben. An dieser Stelle ist zu überlegen, inwieweit solch ein verpflichtendes digitales Netzwerk den Datenschutz und die Privatsphäre der Bürger attackiert.

„Die Telematikinfrastruktur erfüllt alle gesetzlichen Datenschutz- und Datensicherheitsanforderungen auf höchstem Niveau und ist laut Aussage des Gesundheitsministeriums das größte IT-Projekt der Welt“, weiß Emily Andreae zu berichten. „Ich glaube, ich brauche an dieser Stelle nicht zu erklären, wie unsicher das Fax ist, das momentan noch eines der meistgenutzten Kommunikations-Tools im Gesundheitsbereich ist.“ Das hohe Schutzniveau der TI bestätigt denn auch Philipp Butzbach vom BVDW: „Wir müssen uns vor allem den Nutzen eines solchen Netzwerks ins Gedächtnis rufen: Die Datenbasis für Diagnosen und Krankheitsbilder wird deutlich erweitert.“

Apropos Datenbasis: Nicht nur die Freie Ärzteschaft kritisiert stark, dass Spahn mit dem DVG generell den Weg für die größte Sammlung von Patientendaten in Deutschland freimachen will. Dem Gesetz zufolge sollen die Sozialdaten von gesetzlich Versicherten an eine zentrale Sammelstelle beim GKV-Spitzenverband gehen, der sie dann pseudonymisiert der Gesundheitsforschung zur Verfügung stellt. Es handle sich hierbei um Patienteninformationen wie Alter, Geschlecht, Wohnort und verordnete Behandlungen. Gesetzlich Versicherte können der Weitergabe an das Forschungsdatenzentrum nicht widersprechen, heißt es. „Hier entsteht erstmals eine zentrale Sammelstelle für Gesundheitsdaten in staatlicher Hand und mit einer langen Liste von Nutzungsberechtigten“, warnt FÄ-Vizevorsitzende Dr. Silke Lüder in einer kürzlich veröffentlichen Pressemitteilung. „Der Überwachung und dem Missbrauch werden damit Tür und Tor geöffnet. Und weder Patienten noch Ärzte sollen sich dagegen wehren können – das darf in unserer Demokratie nicht sein.“

ePA als zentrales Element

Mehr Einfluss sollen Patienten allerdings beim Thema „elektronische Patientenakte“ haben, dem zentralen Element der vernetzten Gesundheitsversorgung und der Telematikinfrastruktur. Laut Roland Wien von der Viactiv Krankenkasse bestimmt der Versicherte selbst, ob er überhaupt eine ePA haben möchte. Und er allein entscheide, wer die Daten einsehen dürfe. Gleiches bestätigt Emily Andreae: „Gemäß der elektronischen Patientenakte nach § 291 a SGB V ist der Patient alleiniger Herr seiner Daten und nur er entscheidet, was in die Akte kommt und was er mit Ärzten, Apothekern oder Kliniken teilt.“ Die Erteilung der Zugriffsberechtigung erfolgt dann über die ePA-Anwendung des Versicherten oder direkt in der Arztpraxis beim Einlesen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) inklusive PIN-Eingabe.

Wie geht es mit der elektronischen Patientenakte, die zum 1. Januar 2021 eingeführt werden soll, konkret weiter? Laut dem BMG muss dafür im SGB V datenschutzrechtlich noch vieles angepasst werden. Denn die gesetzlichen Grundlagen zur Patientenakte seien teilweise mehr als 15 Jahre alt. Man wolle hier zeitnah eine umfassende Lösung vorlegen. Deshalb werden die weiteren Regelungen zur Patientenakte nicht im Digitalisierungsgesetz, sondern in einem eigenen Datenschutzgesetz vorgelegt. Daniel Nill hält es in jedem Fall für notwendig, „die elektronische Patientenakte zeitnah voranzutreiben“. Denn Patienten und Ärzte bräuchten endlich Klarheit darüber, wie hochsensible Patientendaten in Zukunft digital gespeichert werden und wie der Datenzugriff ermöglicht wird – ganz zu schweigen von der Definition einheitlicher Standards dafür.

Und was das DVG anbelangt – es wird sich in der Praxis beweisen müssen. Der Einschnitt ist laut Philipp Butzbach „so radikal, dass sich sehr viel verändern wird“. Falls es Lücken zu schließen geben sollte, werde sich das sehr bald zeigen. „Sehen wir es einfach als eine erste Version getreu dem Motto: Lasst uns aufhören, nur darüber zu reden, und es tun!“, so der Connected-Health-Experte abschließend.

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