Automobile-Innovation im Software-Abo

„Ein wichtiger Meilenstein“

Die Möglichkeit, automobile Funktionalität zunehmend auf der Basis von Software statt Hardware bereitzustellen, erlaubt es Autoherstellern, den Verbrauchern viele ihrer Innovationen einfach im Abonnement anzubieten und zusätzliches Business zu generieren. Im Interview beleuchtet Oleksandr Odukha, Vice President Delivery, Mobility bei Intellias, die Trends in diesem Bereich.

Oleksandr Odukha, Intellias

Oleksandr Odukha hat einen Master-Abschluss in Computer Science der Nationalen Polytechnischen Universität Lwiw.

MOB: Herr Odukha, Software und IT steuern immer mehr das moderne Auto und seine Fähigkeiten auf dem Weg zum autonomen Fahren. Worin bestehen die aktuellen Herausforderungen? Was sind häufige Stolpersteine?
Odukha: Die Digitalisierung des Fahrzeugs ist in vollem Gange. Schon in den vergangenen Jahren haben Fahrzeugsensoren, lokale drahtlose Netzwerke, Navigationssystemtechnologie und Netzwerkkonnektivität in Verbindung mit Software-definierten Architekturen ein hohes Maß an Innovation im Fahrzeug ermöglicht. Die wachsende Anzahl von elektronischen Steuergeräten, Sensoren und Zeilen von Software-Code erhöht jedoch auch die Komplexität und Kosten bei der Fahrzeugherstellung. Automobilhersteller und OEMs streben deshalb danach, Komplexität zu reduzieren, Effizienz zu erhöhen und gleichzeitig für die Verbraucher ein einzigartiges Fahrerlebnis zu schaffen. Auch wenn autonomes Fahren den Zielhorizont für die Automobilindustrie markiert, legen Verbraucher aktuell mehr Wert auf Sicherheit als auf selbstfahrende Fahrzeuge. So zeigen beispielsweise laut einer Umfrage der American Automobile Association (AAA) 77 Prozent der Amerikaner mehr Interesse an verbesserten Fahrzeugsicherheitssystemen als an vollständig autonomen Fahrzeugen. Dazu gehört z.B. die Adaptive Cruise Control, die die Fahrzeuggeschwindigkeit in Echtzeit den äußeren Bedingungen anpasst. Sie erhöht heute schon die Sicherheit für die Fahrenden, markiert aber technologisch gleichzeitig den Übergang vom assistierten zum autonomen Fahren. Die Automobilindustrie hat dabei Autonomiestufe 3 im Blick, die nicht nur ein wichtiger Meilenstein ist, sondern auch den Weg für die sichere Bereitstellung von mehr Unterhaltungsdiensten für Fahrer und Passagiere ebnet.

MOB: Welche technischen Entwicklungen erlauben es den Automobilherstellern oder OEMs, innovative Funktionen per Software-Abo bereitzustellen?
Odukha: Fahrzeuge werden heute schon für assistiertes und automatisiertes Fahren und für attraktives Infotainment mit Hochleistungsrechnern ausgestattet. Intelligente Sensoren sind in der Lage, umfangreiche Daten aus der realen Umgebung und den angeschlossenen Systemen zu erfassen und zu verarbeiten. Die E/E-Architekturen werden ausgereifter und ermöglichen eine Software- statt Hardware-basierte Bereitstellung von Fahrerassistenzfunktionen, also Advanced Driver Assistance Systems (ADAS), und Infotainment-Diensten. Diese Entwicklung von Hardware- zu Software-basierter Funktionalität im Auto erlaubt Autoherstellern und OEMs neue Businessmodelle und Einnahmequellen. Infotainment- und ADAS-Komfortfunktionen sind bei Verbrauchern gefragt und ermöglichen OEMs aufgrund geringerer Vertriebskosten und kürzerer Kaufzyklen – im Vergleich zu Hardware-basierten Produkten – neue und höhere Umsätze. Autofahrer profitieren dabei von der Flexibilität, innovative Fahrfunktionen einfach und flexibel im Abo zum Auto hinzubuchen und nutzen zu können. Bei den ADAS-Systemen gehören z.B. Einparkhilfe, autonome Notbremsung, Nachtsichtgeräte, Systeme zur Erkennung des toten Winkels oder Seitenwindstabilisierung zu den Funktionen, die sich viele Verbraucher wünschen.

MOB: Für welche Funktionen im Auto würden Konsumenten extra ein Abo bezahlen? Welche abonnierbaren Services erwarten Sie?
Odukha: Auch bei der Navigation wünschen sich viele Verbraucher Verbesserungen, die Anbieter im Abonnementmodell bereitstellen könnten. Für verbesserte Navigationsfunktionen wie aktuelle Informationen über Verkehrsstaus und vorgeschlagene Alternativrouten, Vorschläge für sicherere Routen sowie Aktualisierungen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit und zur Vermeidung möglicher Kollisionen können sich viele sogar eine Zusammenarbeit mit OEMs vorstellen. So ergab die Global Automotive Consumer Study 2022 von Deloitte, dass weltweit mehr als die Hälfte der Autofahrer bereit ist, ihre Fahrzeugdaten im Tausch gegen andere Daten weiterzugeben. Gerade Besitzer von Elektroautos und potenzielle Neueinsteiger wünschen sich aufgrund verbreiteter Sorge um die Reichweite eine intelligente Routenplanung, die beispielsweise No-Return-Szenarien vermeidet. Smarte Navigationsfunktionen für E-Mobilität sind also gefragt und deshalb im Aboportfolio von OEMS zu erwarten. In-Vehicle-Infotainment-Systeme (IVI) profitieren heute schon stark von integrierter Konnektivität: Fast 95 Prozent der neuen Fahrzeuge sind vernetzt und bieten dem Fahrer eine Reihe von Diensten für Navigation, Diagnose und Unterhaltung. Moderne IVIs verfügen über breite Touchscreen-Displays, die eine Reihe von Handgesten auf dem Bildschirm und mehrere Benachrichtigungsmodi unterstützen. Luxusfahrzeuge kombinieren schon ein angeschlossenes Mobilgerät, die Fahrzeughaupteinheit, das Head-up-Display und die Displays auf den Rücksitzen zu einem vernetzten System, das ablenkungsfreies Fahren unterstützt. Viele Fahrer nutzen im Auto gerne die Sprachsteuerung, die aber wegen hoher Geräuschpegel oft Schwierigkeiten hat, Befehle zu erkennen. 76 Prozent der Anwender würden Sprachassistenten häufiger nutzen, wenn diese Erfahrungen verbessert würden – so der Report „Voice on the go“ von Capgemini Research Institute. Neue Künstliche-Intelligenz-Modelle (KI) wie OpenAI Whisper arbeiten mit einer um 50 Prozent höheren Genauigkeit als frühere Modelle, können verschiedene Akzente besser erkennen und funktionieren auch bei starken Hintergrundgeräuschen. Auch hier sind ebenfalls Innovationen und neue Abo-Angebote zu erwarten.

MOB: Inwieweit wäre dieser Ansatz auch für Firmenwagen und damit Unternehmen interessant?
Odukha: Hochauflösende Navigationskarten, also HD-Mapping, gepaart mit höchster Konnektivität wird an Bedeutung gewinnen, denn sowohl assistiertes als auch autonomes Fahren braucht präzise 3D-Karten, um den Fahr- und Navigationsprozess zu steuern und zu optimieren. Gerade für E-Fahrzeuge gewinnt die Navigation ja immer mehr an Bedeutung. Solche detaillierten Kartensysteme unterstützen beispielsweise auch das moderne Flottenmanagement von Unternehmen in Industrie und Logistik: Telematikdaten des Fahrzeugs lassen sich in die Disposition oder Routenplanung des Unternehmens integrieren und Routen, wenn nötig, zeitnah anpassen. Hier sind Aboservices möglich, die sich für viele Businessszenarien lohnen können. Ein weiterer Bereich sind eingebettete Autoversicherungen. Eingebettete Versicherungen ermöglichen Versicherern ihre Produkte, die ohnehin schon oft über die Autohäuser angeboten werden, jetzt technologiebasiert über APIs im Autos verfügbar zu machen. Auf dieser Basis kann auch der angebotene Versicherungsschutz flexibler gestaltet werden, da viele Versicherer inzwischen eine Pay-As-You-Drive-Deckung (PAYD) auf der Grundlage von Telematikdaten unterstützen. Im nächsten Schritt ließen sich Kfz-Policen um präventive Versicherungskomponenten erweitern, die gutes Verhalten im Straßenverkehr, aber auch regelmäßige Fahrzeugwartung und rechtzeitige Wartung einbeziehen. Tanken oder Aufladen, Parken, Mautgebühren bezahlen – Autofahrer müssen dafür bald nicht mehr zur Geldbörse greifen, denn die Technologie für Zahlungen im Auto verbreitet sich. Die neuesten Fahrzeugmodelle verfügen bereits über BLE-, RFID- und NFC-Konnektivität. Viele haben auch eingebaute Geldbörsen, in denen – wie beim Smartphone – die Zahlungsmittel des Fahrers gespeichert werden können, so dass das Auto im Grunde zu einem Zahlungsgerät wird. Autovermieter, Mobilitätsdienste wie Car-Sharing oder Fahrzeug-Leasing-Unternehmen können mit eingebetteten Zahlungen den Bedienungskomfort für ihre Kunden erhöhen. Unternehmen könnten solche Services ihren Mitarbeitern für ihre Dienstwagen anbieten, aber auch selbst Angebote für einen solchen E-Commerce über das Auto schaffen.

Bildquelle: Intellias

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