„Im letzten Jahr haben sich die vielen Vorteile von dezentralem Arbeiten gezeigt“, so Peer Stemmler von Zoom.
MOB: Herr Stemmler, kürzlich feierte die Covid-19-Pandemie ein trauriges Jubiläum. Wie haben sich im Vergleich dazu die Homeoffice-Nutzerzahlen in Deutschland in den vergangenen Monaten entwickelt? Wo stehen wir aktuell?
Peer Stemmler: Laut einer Studie zu den wirtschaftlichen Effekten von Heimarbeit, die wir bei der Boston Consulting Group in Auftrag gegeben haben, wächst die Homeoffice-Akzeptanz stetig weiter. Selbst Behörden und öffentliche Verwaltungen stehen dezentralen Arbeitsmodellen offen gegenüber. Lockdown und Homeoffice-Empfehlung der Bundesregierung halten weiterhin viele Menschen von den Büros fern.
MOB: Sind es eher die Groß- oder Kleinunternehmen, die verstärkt auf Homeoffice setzen?
Stemmler: Wir sehen da keinen großen Unterschied. Sowohl KMU als auch große Unternehmen setzten 2020 zu gleichen Teilen auf Homeoffice. Das lässt sich aus unserer Studie klar herauslesen, wenn man die Nutzung von Videokonferenzen in Relation zu dezentralem Arbeiten setzt. Auch die Prognosen der befragten Unternehmen für 2022 unterscheiden sich nicht.
MOB: Inwieweit haben sich die „neuen“ Prozesse im Leben der Arbeitnehmer nach nun gut einem Jahr Pandemie eingespielt?
Stemmler: Auf digitaler Ebene ist vieles selbstverständlich geworden, was vor der Pandemie noch Ausnahme war, z.B. eben Zoom-Konferenzen statt physischen Meetings. Auf menschlicher Ebene scheint es nach wie vor Unsicherheiten zu geben. Gesundheit und Work-Life-Balance sind da ein Stichwort. Wer von zu Hause arbeitet, dem fällt es oft schwer, Freizeit und Arbeit klar voneinander zu trennen.
MOB: Welche mobilen/digitalen Tools sind im Rahmen der Homeoffice-Offensiven in den Fokus gerückt und erweisen seitdem nützliche Dienste?
Stemmler: Die Sparte an nützlichen Tools ist groß. Unabdingbar sind Videokonferenzplattformen geworden, das beweist auch die Nachfrage nach Zoom. Software für schnelle, einfache interne Unternehmenskommunikation sind definitiv auch von Vorteil. Gleiches gilt für Programme zur Projektplanung. Ich denke, jedes Tool, das virtuelle Kommunikation vereinfacht und verbessert, ist ein nützliches. Was am Ende genutzt wird, ist oft einfach Geschmacksache und von den konkreten Anforderungen abhängig.
MOB: Was waren und sind noch jetzt häufige Stolpersteine bei der Arbeit im Homeoffice?
Stemmler: Nach wie vor ist Datenschutz ein großes Thema. Da gibt es einfach noch zu viele Unsicherheiten und auch Unstimmigkeiten. Viele Nutzer unserer Lösung wissen z.B. nicht, dass Zoom DSGVO-konform ist. Außerdem muss man beachten, dass Homeoffice nicht für jeden möglich ist. Schlechtes Wlan, zu kleine Wohnungen oder Lärm sind einige Gründe, warum Homeoffice nicht pauschal die bessere Lösung ist. Aus diesen Gründen sind flexible Modelle so wichtig. Und zu guter Letzt sind es meistens die Unternehmen selbst, die Homeoffice nicht ermöglichen wollen – das ist wahrscheinlich der größte und häufigste Stolperstein.
MOB: Inwieweit bremsen die Unternehmen selbst das effektive Remote-Arbeiten ihrer Mitarbeiter durch beispielsweise Kontrollverlustängste und das Bestehen auf Präsenz aus?
Stemmler: Das ist aus meiner Sicht ein ganz entscheidender Punkt. Wenn Unternehmen von vorneherein sagen, das probieren wir erst gar nicht, weil zu viele Vorurteile herrschen, wird es den Arbeitnehmern praktisch unmöglich, Wünsche durchzusetzen. Das führt zu einer enormen Frustration. Flexibilität anzubieten, gibt den Mitarbeitern dagegen ein Stückweit Eigenermächtigung, um sich auszuprobieren. Es gibt so unterschiedliche Arbeitstypen, dass eine pauschale Abneigung gegen Remote Work dem Unternehmen nur schaden kann. Dafür müssen Unternehmen aber auch bereit sein, erstmal in eine gute Netzwerkinfrastruktur zu investieren.
MOB: Inwieweit bereiten sich die Unternehmen bereits auf die Post-Covid-19-Ära vor und entwerfen Konzepte für die Zukunft der Büroarbeit?
Stemmler: Wir sehen da branchenübergreifend einen Trend. Es wäre ja auch nicht nachhaltig, die ganzen Innovationen, deren Treiber Covid-19 ist und war, nach den Kontaktbeschränkungen wieder abzubauen. Facebook z.B. hat einen Director of Remote Work eingestellt. Ich denke, viele Unternehmen freunden sich gerade mit flexiblen Arbeitsmodellen an und verlieren ihre Scheu davor. Laut unserer Studie mit der Boston Consulting Group sind sich 79 Prozent der befragten Unternehmen sicher, auch nach der Pandemie mit Videokonferenzen zu arbeiten. Wir gehen also davon aus, dass viele digitale Umbrüche anhalten werden.
MOB: Wie gestalten sich mittlerweile die Wünsche der Mitarbeiter und inwieweit werden diese bei den Planungen berücksichtigt?
Stemmler: Es ist der Wunsch vieler Arbeitnehmer, zukünftig im Büroalltag besser geschützt zu werden. Deshalb statten sich Unternehmen mit digitalen Lösungen aus, die die Gesundheit der Mitarbeiter schützen – Zoom Rooms ist beispielsweise eine Möglichkeit von vielen. Auch berücksichtigt werden sollten, wie schon angedeutet, flexible Arbeitsmodelle und individuelle Wünsche.
MOB: Wie könnte eine ganzheitliche Strategie für die Arbeitswelt nach der Pandemie aussehen, mit der sowohl die Arbeitgeber als auch die Arbeitnehmer zufrieden sind?
Stemmler: Ein wichtiges Stichwort ist hier Vertrauen. Unternehmen mit starren hierarchischen Strukturen sind nicht mehr zeitgemäß. Kommunikation und ein ehrlicher Austausch auf Augenhöhe sind essentiell für eine gute Zusammenarbeit. Das in Kombination mit guten IT-Lösungen, um Flexibilität und effizientes Arbeiten zu garantieren, sehe ich als unabdinglich.
MOB: Ist Remote Work letztlich gekommen, um zu bleiben?
Stemmler: Hier kann ich ganz klar mit „Ja“ antworten. Im letzten Jahr haben sich die vielen Vorteile von dezentralem Arbeiten gezeigt und viele Hürden konnten aus dem Weg geräumt werden. Ich denke nicht, dass Unternehmen, die Remote Work verweigern, obwohl es organisatorisch möglich ist, wettbewerbsfähig sein werden. Das zeichnet sich auch in unserer Studie ab.
Bildquelle: Zoom