Open Banking

„Eine App macht noch keine Digitalisierung"

Im Interview plädiert Martijn Hohmann, Gründer und CEO von Five Degrees, für eine Öffnung des Banking-Ökosystems und erklärt, warum Open Banking die Grundlage für das Mobile Banking von morgen ist.

Martijn Hohmann, CEO von Five Degrees

Martijn Hohmann, CEO von Five Degrees, sieht die Zukunft im Open Banking.

Herr Hohmann, woran liegt es, dass anno 2019 viele klassische Bankhäuser und Finanzdienstleister die digitale Transformation noch nicht gestemmt haben?
Martijn Hohmann:
Wenn es um die Hindernisse digitaler Transformation geht, dann geht es vor allem um Kernbankensysteme. Diese „Betriebssysteme“ der Banken sind teilweise vor Jahrzehnten entwickelt worden und wurden im Laufe der Zeit um neue Funktionen erweitert. Eine echte und nachhaltige digitale Transformation setzt eine Erneuerung dieser althergebrachten „Legacy-Systeme“ im sprichwörtlichen „Kern“ voraus. Das ist aber eben sehr zeitaufwändig, kostenintensiv und nicht ohne Risiko. Leider liegt die kostenrechnerische Amortisierung solcher Projekte gerade bei großen Banken jenseits der Laufzeit von Fünfjahresverträgen in der Chefetage. Somit kann die langfristige Incentivierung der Führungsebene ebenfalls starken Einfluss auf solche Projektentscheidungen haben. In der Vergangenheit wurde daher gerne lieber ein wenig rumgebastelt und das bestehende System oft um sogenannten „Spaghetticode“ erweitert, anstatt den radikalen Schnitt zu machen und den Neuanfang mit einem komplett digitalen Kernbankensystem anzugehen.

Inwiefern ist dies auch eine Mentalitätsfrage?
Hohmann:
Die großen Vorteile der traditionellen Banken, das Filialnetz, die Nähe zu den Kunden, aber auch das Vertrauen, das viele Menschen in ihre Hausbank haben, verlieren immer mehr an Wert. Digitales Banking ist gefragt, bei allen Altersschichten. Eine Kontoeröffnung in der Filiale mit anschließendem Hin und Her auf dem Postweg ist heute schlicht undenkbar für viele Kunden. In den Chefetagen der Banken herrscht aber weiterhin die Vorstellung, eine App alleine reiche, um mit der Digitalisierung Schritt zu halten.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.


Wie kann hier eine Öffnung interner IT-Prozesse Abhilfe schaffen?
Hohmann:
Ganz davon abgesehen, dass mit der PSD2-Richt-
linie nun Schnittstellen für Drittanbieter geschaffen werden müssen, ist Open Banking ein wichtiger Vorteil für Banken in Zukunft. Aber hierfür muss auch die interne IT-Struktur angepasst werden. Gerade mit Blick auf Schnittstellen ist ein zukunftsfähiges Kernbankensystem entscheidend. Dadurch sinkt die Fehleranfälligkeit und die Zugriffszeit kann beschleunigt werden. Eine Öffnung für Angebote Dritter kann eigene Angebote ergänzen und so den Service und Nutzen für den Verbraucher erhöhen.

Immer mehr Nutzer möchten ihre Finanzen jederzeit und von überall aus steuern können – was bedeutet Open Banking für das immer vernetztere und mobilere Banking?
Hohmann:
Es ist die Voraussetzung dafür, dass wir wirklich von vernetztem und mobilem Banking sprechen können. Nur wenn die Infrastruktur von Banken Zugang zu einem offenen Ökosystem bietet, entsteht Open Banking. Größe und Qualität dieses Open-Banking-Ökosystems wird für Nutzer ein wichtiges Kriterium bei der Banksuche werden. Die Open-Banking-Umwelt deckt sowohl aktuell bekannte und verwendete Kanäle wie Web, Apps und andere Programme ab, muss aber für die Zukunft Kanäle und Services abdecken können, die wir heute noch nicht einmal kennen.

Wie werden Ihrer Einschätzung nach Bankgeschäfte im Jahr 2040 aussehen?
Hohmann:
In Zukunft wird das Konto noch viel stärker zum zentralen Ausgangspunkt für das finanzielle Leben. Banken werden sich einen Wettbewerb liefern, wer am meisten Apps, Programme und Funktionen in der Open-Banking-Umwelt für seine Kunden anbieten kann. 

Bild: Five Degrees

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