Dr. Bernhard Kirchmair, Vinci Energies
MOB: Was sind die Hauptcharakteristika einer Smart City?
Dr. Bernhard Kirchmair: Die Stadt ist zuallererst eines: Ein Lebensraum. Und „smart“ bedeutet aus unserer Perspektive: Lösungen, durch die sich die Lebensqualität dort steigern lässt. Also wie lässt sich die Stadt effizienter, technologisch fortschrittlicher, umweltfreundlicher und sozial inklusiver gestalten. Dabei wird gerne die Technologie in den Vordergrund gestellt. Letztendlich dient diese aber nur als Enabler, um den Bürgern das Leben, der Gemeinde die Arbeit und allen ihr Miteinander zu erleichtern. Für eine Smart City gibt es kein Patentrezept, weil jede Stadt ihre individuellen Herausforderungen und Anforderungen hat.
MOB: Inwieweit trägt die intelligente Vernetzung städtischer Infrastrukturen zu mehr Nachhaltigkeit bei?
Kirchmair: Da gibt es viele Aspekte, die genutzt werden können. Drei wichtige Ziele im Rahmen der Nachhaltigkeit sind die Reduzierung von CO2-Ausstoß, Feinstaubbelastung und Lärmemission. Im Bereich der Mobilität werden dazu bereits in einigen Städten die Hebel in Bewegung gesetzt. Auf Basis einer intelligenten Vernetzung entstehen beispielsweise intermodale Mobilitätskonzepte oder neue Lösungen zur Parkraumbewirtschaftung mit Mehrwertdiensten, E-Payment und deutlicher Reduzierung des Verkehrsaufkommens für die Parkplatzsuche. Davon profitieren Bürger, Verwaltung und Umwelt.
MOB:Viele Smart-City-Szenarien sind derzeit nur in urbanen Strukturen denkbar – bleibt also der ländliche Raum „dumm“?
Kirchmair: Es besteht zwar die Gefahr, dass der ländliche Raum an Attraktivität verliert, er muss aber nicht „dumm“ bleiben. Ein erster sinnvoller Schritt ist der zügige Aufbau der Breitbandverfügbarkeit. Die Verfügbarkeit muss hier nicht „flächendeckend“ sein – sie muss Lebensräume abdecken. Dabei steht dann tatsächlich die Technologie im Vordergrund, eben weil sie an vielen Stellen noch fehlt.
Wenn die technische Infrastruktur gegeben ist, dann funktionieren Smart-Village-Szenarien nicht anders als auch bei Smart Cities. Die Menschen die dort leben, sollten zusammenkommen, um zu überlegen: „Was haben wir, was wollen wir, was brauchen wir. Wie können wir vorhandene Technologien sinnvoll nutzen, um unsere Lebensqualität zu steigern?“ In ländlichen Gebieten kommt gegebenenfalls noch eine weitere Frage hinzu: „Wie können wir durch smarte Lösungen, unseren Lebensraum für neue Gemeindemitglieder öffnen und attraktiv gestalten?“
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11-12/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Es gibt kreative Beispiele, von denen sich Deutschland inspirieren lassen kann. Eines davon ist der Einsatz von autonomen Bussen im Umland von Helsinki. Diese Busse sollen im Rahmen des ÖPNV die letzte Meile erschließen. Derzeit läuft ein Pilotprojekt, um sie parallel als rollende Supermärkte zu nutzen. Die Fahrzeuge touren mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs durch den ländlichen Raum und können gezielt abseits gelegene Stationen oder Häuser anfahren.
MOB: Welche Rolle spielt die politische/organisatorische Teilhabe der Bürger bei solchen Smart-City-Projekten?
Kirchmair: Ohne adäquate Bürgerbeteiligung gibt es keine Smart City. Bürgerbeteiligung ist für solche Projekte ein essenzieller Erfolgsfaktor, sie kann zum Beispiel durch analoge und digitale Beteiligungsplattformen ermöglicht werden. Eine Smart City wird nur gelingen, wenn ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt wird, der die Interessen aller Akteure einer Stadt berücksichtigt. Dafür sind ein dauerhafter Dialog und Interessensabgleich zwischen allen Beteiligten nötig. Bürger sollten von Anfang an bei der Definition der Anforderungen und der Strategieentwicklung beteiligt werden. So entstehen praxisrelevante Ansätze, die dann auch nach der Umsetzung eine entsprechende Akzeptanz finden.
MOB: Mit welchen Lösungen und Projekten unterstützt Ihr Unternehmen die smarte Transformation von Städten?
Kirchmair: Als Vinci Energies Netzwerk engagieren wir uns in über zehn Themenbereichen rund um Smart Cities. Dabei liegt einer unserer Schwerpunkte im Bereich der Mobilität und ihrer flankierenden Infrastrukturen. Ein paar Beispiele aus der Praxis: In Kooperation mit den Stadtwerken Lemgo und Fraunhofer IOSB-INA entwickelte unser Netzwerkunternehmen Omexom den intelligenten Lichtmast WE-Light Open. Dieser ermöglicht unter anderem eine dauerhafte Versorgung von Access-Points, Kameras, Sensoren und Elektrofahrzeugen mit Energie. Weiterhin unterstützen wir die Entsorgungsfachbetriebe der Stadt Solingen beim Aufbau ihrer Smart-Waste-Management-Lösungen für die öffentlichen Abfalltonnen und den Wertstoffhof. Für die Stadt Wolfenbüttel entwickelte Axians eine Smart-Payment-Lösung zur Vernetzung aller an Zahlungsprozessen beteiligten Verwaltungsprozesse und Softwaresysteme, um die Zahlungsabwicklung zwischen Bürgern und Verwaltung zu vereinfachen.
MOB: Weshalb ist es Ihnen als Unternehmen wichtig, an derartigen Smart-City-Bestrebungen mitzuwirken und was bedeutet für Sie die Zusammenarbeit mit Foren wie der „La Fabrique de la cité“?
Kirchmair: Vinci Energies gehört zu einem der weltgrößten Baukonzerne. Das bedeutet, wir entwickeln und gestalten Infrastrukturen – mit unseren Dienstleistungen schaffen wir Lebensraum für Menschen. Deshalb sehen wir uns in der Verantwortung, diese Lebensräume angesichts der großen Herausforderungen unserer Zeit nachhaltiger und effizienter zu machen, um dadurch die Lebensqualität zu erhöhen. Das gelingt am besten durch Austausch und Dialog, deshalb suchen wir aktiv die Nähe zu Think Tanks und Forschungseinrichtungen. Mit „La Fabrique de la Cité“ haben wir einen eigenen Think Tank ins Leben gerufen, der sich mit den Zukunftsfragen in urbanen Räumen beschäftigt.
MOB: Wie lange wird Ihrer Einschätzung nach dauern, bis wir hierzulande die ersten „echten“ Smart Cities sehen werden – oder wird der Wandel gar so fluide sein, dass die Bewohner keine Zäsur spüren werden?
Kirchmair: Wir sehen einen großen Handlungsdruck, der sich auch in verschiedenen neu aufgelegten Förderprogrammen des Bunds wiederspiegelt. Allerdings werden nicht alle Aspekte, die zu einer „echten“ Smart City gehören, überall mit der gleichen Dringlichkeit angegangen. Städte sind unterschiedlich weit, oftmals muss dort erst noch an der grundlegenden Infrastruktur nachgebessert werden. Für die Umsetzung von Smart-City-Konzepten ist die Kooperation der unterschiedlichen politischen Ebenen (Kommune, Land, Bund), aber auch von Wissenschaft und Wirtschaft erforderlich, um sich gegenseitig zu unterstützen.
Die Entwicklung hin zu smarten Städten wird also eine Evolution – keine Revolution. Jedoch begleitet von Leuchtturmprojekten, die durchaus revolutionären Charakter haben können. Im Bereich der Mobilität herrscht da schon einige Bewegung. Beispielsweise vereinfacht München mit einem einzigen Login die Nutzung verschiedenster kommunaler Dienste, Apps und Services. Die Stadt Augsburg bietet seit kurzem die multimodale Nutzung mehrerer Mobilitätsformen aus einer App an – mit einem übergreifend gültigen Ticket für ÖPNV, Carsharing und Rad.
Bildquelle: Vinci Energies