Mobile Szene Berlin

Eine neue Unternehmergeneration

Längst ziehen nicht nur Schwaben in die deutsche Hauptstadt, der Zustrom ist international. Junge, talentierte Entwickler, Kreative und Gründer mit Ideen in der Tasche kommen aus aller Herren Länder nach Berlin. Die neue Gründerzeit befeuert die digitale Branche, auch Großunternehmen wie Microsoft kommen nicht mehr an Berlin vorbei.

  • Die Start-up-Investitionen deutscher und ausländischer Wagniskapitalgeber im Jahr 2012 betrugen in Berlin 133 Mio. Euro.

  • Die alte Piano-Fabrik bietet neben dem repräsentativen Standort in Berlin-Mitte die Möglichkeit, dass alle Töchter der Aperto AG unter einem Dach sitzen und entsprechend sehr eng zusammenarbeiten können.

  • „Neben den vielen kreativen Menschen wäre es wünschenswert, wenn sich noch mehr Industrie und Kunden dem Standort Berlin zuwenden würden,“ so Marie-Louise Sadakane, Geschäftsleitung Aperto Move.

  • „Die Vielfalt der beruflichen und persönlichen Profile, die man in Berlin antrifft, ist einzigartig. Berlin bietet (noch) für viele Menschen eine gute und erschwingliche Lebensqualität“, so Anne-Sophie Lanier, VP Content & Marketing, Txtr GmbH.

Berlin ist nach wie vor die Stadt in Deutschland, die Menschen aus aller Welt mit ihrem vielfältigen Angebot anzieht. „Hier werden Unternehmungen ins Leben gerufen, Ideen umgesetzt, es wird einfach viel ausprobiert. Als kreativer Hotspot zieht die Stadt auch die Industrie auf internationaler Ebene an. Für uns als Agentur wirkt sich dies positiv hinsichtlich spannender Projektanfragen und beim Thema Personal aus“, erklärt Marie-Louise Sadakane, Geschäftsleitung Aperto Move. Die Mobile-Agentur ist Teil der Aperto-Gruppe und arbeitet von Berlin aus für Kunden wie Telekom, Siemens, WWF, Volkswagen, PostFinance und American Express.

„Die Anziehungskraft von Berlin auf junge, qualifizierte Leute aus Europa und der ganzen Welt ermöglicht es uns, hervorragende Mitarbeiter in der Software-Entwicklung zu beschäftigen. 14 Nationalitäten sind unter unseren 60 Mitarbeitern vertreten“, bestätigt Anne-Sophie Lanier, VP Content & Marketing, Txtr GmbH, die Internationalität der digitalen Branche. Ihr Arbeitgeber hat eine E-Reading-Lösung entwickelt, mit der Drittunternehmen unter der eigenen Marke ihren Kunden E-Reading-Services anbieten können. Ende 2012 kam das Lesegerät „Txtr Beagle“ auf den Markt. Lanier lobt auch die drei Universitäten und vielen Hochschulen in Berlin: „Berlin ist ein guter Standort, um engagierte studentische Hilfskräfte und Praktikanten in den verschiedensten Unternehmensbereichen einzustellen.“

Standortvorteil für Berlin sind also auch billige und willige Arbeitskräfte. Ganz so einfach scheint die Personalsuche dennoch nicht immer: „Wie wahrscheinlich überall in Deutschland mangelt es in ­Berlin auch an Fachpersonal – wir sind ständig auf der Suche“, sagt Christina Ostrowski vom Technologieunternehmen Sevenval, welches Softwareprodukte für Responsive Web­ und Mobile­-Lösungen entwickelt.

Standortvorteile für Berlin

Ein weiterer Standortvorteil für die Hauptstadt ist ihr Image. Der Mythos von der rotzigen, subversiven Metropole mit geringen Lebenshaltungskosten, in der sich Kunst, Kultur, Politik und digitale Branche gegenseitig inspirieren, ist ungebrochen ein starkes Argument: „Berlin ist für (potentielle) Mitarbeiter, Kunden oder Partner interessant. Das merken wir auch daran, dass unsere Kunden von außerhalb uns gerne besuchen kommen“, erzählt Ostrowski. Sie arbeitet schon länger in der Hauptstadt: „Unsere Unternehmenshistorie hat uns 2007 nach Mitte verschlagen. Zentral am Alexanderplatz haben wir jeden Tag einen 360-Grad­-Rundumblick vom Fernsehturm zum roten Rathaus, entlang ‚Unter den Linden‘ vis-à-vis dem Berliner Dom über die gesamte Museumsinsel vorbei an der Charité bis hin zum Scheunenviertel genossen.“ Aber nun zieht Sevenval um, denn seit Mitte 2013 ist das Unternehmen wieder losgelöst von der YOC Group. „Wir freuen uns schon sehr auf unser neues Altbaubüro in Kreuzberg. Weniger touristisch, dafür authentisch und inmitten der Mediaspree“, sagt Ostrowski.
 
Mediaspree ist – schon seit über zehn Jahren – eines der größten städtebaulichen Investorenprojekte in Berlin. Ziel ist die Ansiedlung von Kommunikations- und Medienunternehmen entlang eines Teils des Spreeufers. Dort sollen Bürogebäude, Lofts, Hotels und andere Neubauten entstehen. Das Projekt ist umstritten: Initiatoren propagieren große Chancen für den Osten Berlins, Kritiker wollen „Mediaspree versenken“. Überhaupt, die Berliner Großprojekte. Hat jemand Flughafen gesagt? Ja, Anne-Sophie Lanier von Txtr findet: „Ein richtiger internationaler Flughafen, um direkt in die USA zu fliegen, wäre nicht schlecht! Wir haben selbst ein Büro in New York und arbeiten mit amerikanischen Kunden und Verlagen zusammen. Leider sind die Reisen meistens ein wenig umständlich.“

100.000 neue Arbeitsplätze durch Start-ups

Vielleicht hat sich die Situation ja bis 2020 verbessert. Bis dahin könnten in Berlin über 100.000 neue Arbeitsplätze durch Start-ups entstehen, prognostiziert das Beratungsunternehmen McKinsey & Company in seiner neuen Studie mit dem Titel „Berlin gründet – Fünf Initiativen für die Start-up-Metropole Europas“. Katrin Suder, Verfasserin der Studie und Leiterin des Berliner McKinsey-Büros, mahnt jedoch an: „Um zu den international führenden Start-up-Standorten aufzuschließen, muss Berlin seine guten Potentiale noch stärker nutzen. Bei der Förderung von Gründern und Talenten, bei der Kapitalbeschaffung für Gründer in der Wachstums­phase sowie bei der Vernetzung der Start-ups mit etablierten Unternehmen kann Berlin noch besser werden.“ Sollte dies gelingen, könnte ­Berlin im Wettbewerb der euro­päischen Topgründungs­standorte von aktuell Platz fünf hinter Tel Aviv, London, Paris und Moskau deutlich aufholen.
 
„Während es bei der Gründungsfinanzierung schon ganz gut aussieht, gibt es in Berlin bei der Finanzierung von Start-ups in der Wachstumsphase noch Nachholbedarf“, sieht auch Jens Begemann, Geschäftsführer des Spieleherstellers Wooga aus Berlin, noch Luft nach oben. Etablierte Unternehmen und private Geldgeber sollen sich seiner Meinung nach diesbezüglich stärker engagieren.

Trotz solcher Verbesserungsvorschläge ist das Stimmungsbild in der digitalen Branche in Berlin mehr als positiv: „Was die digitale Branche betrifft, kann man auf keinen Fall von einer Blase reden. Die Digitalisierung ist ein realer und fundamentaler Trend, der alle Wirtschaftsbereiche berührt. Und Berlin wird zu einem immer wichtigeren Standort für diesen Wandel. Eine neue Generation von begabten Unternehmern entsteht, die wiederum andere Talente anzieht. Je mehr Leute in Berlin an verwandten ökonomischen und technischen Herausforderungen arbeiten, desto attraktiver wird die Stadt für neue Unternehmensgründer“, ist Lanier überzeugt.

Believe the Hype!

Möglicherweise ist das Gerede von einer digitalen Blase in Berlin, die platzen könnte wie nach der Jahrtausendwende der Neue Markt, auch nur eine verzerrte Wahrnehmung der Branche von außen. „Die Frage ist doch: Was bekommen wir mit? Start-ups, die sexy sind und damit medial präsent, sind oftmals (noch) nicht nachhaltig genug. Die Unternehmungen hingegen, die Nachhaltigkeit vorweisen, z. B. im Commerce-Bereich, bekommen weniger Berichterstattung“, so Marie-Louise Sadakane. Sie ist gespannt, wie es weitergeht: „Berlin hat ja schon einige erfolgreiche Exits, wie Jamba, Brand4Friends etc., hervorgebracht und es werden sicherlich noch einige folgen. Und mit ca. 180 Mio. Euro Venture-Capital-Funding bereits 2012 in Berliner Start-ups scheinen auch die Investoren an den Standort Berlin zu glauben. Spannend bleibt, wie es mit Start-ups wie Soundcloud, EyeEm und Lieferheld weitergeht, welche neu hinzukommen und wie sich die Agenturszene darin behauptet.“

Viel Entwicklungspotential bei Investoren und Start-ups in Berlin sieht auch Hartwig Bentele vom digitalen Kunst­unternehmen und App-Entwickler Kunstmatrix: „Momentan sehe ich die digitale Branche in Berlin in der dritten Liga spielen, wobei das Silicon Valley und London die erste Liga darstellen.“ Um dorthin aufzusteigen, braucht es den Antrieb, riskante neue Ideen selbstständig umzusetzen. „In Deutschland klingen diese Ideen aber manchmal so fremd, dass es durchaus einen Hype um dieses ‚seltsame‘ Thema gibt – einen Medienhype.“ 

Bildquelle: Thinkstock/ iStock; Aperto Move, Txtr

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