Smart Cities

„Eine smarte Stadt fährt eine offensive Datenstrategie"

Willi Kaczorowski ist Smart-City-Experte und Buchautor. ("Die smarte Stadt - Den digitalen Wandel intelligent gestalten Handlungsfelder - Herausforderungen - Strategien"). Im Interview berichtet er über aktuelle Entwicklungen der Smart Cities.

Willi Kaczorowski

Willi Kaczorowski, Strategieberater für Digitale Transformation von Staat und Verwaltung

Wer meint eigentlich was, wenn er von einer „Smart City“ spricht?
Willi Kaczorowski:
Die Smart-City-Bewegung hat mehrere „Jünger“. Für die großen Technologiekonzerne steht Smart City für eine intelligente Stadt, deren Infrastrukturen vernetzt sind und gemeinsam gesteuert werden. Sensoren und andere digitale Messgeräte helfen, den Echtzeit-Zustand einer Stadt zu erfassen, Daten zu generieren, zu analysieren im Hinblick auf künftige Entwicklungen Muster zu erkennen und vorherzusagen.

Die Umwelt- und Klimaschützer verbinden mit der Smart City Konzepte für eine klimaneutrale Stadt, die die Energiewende befördert. Hier stehen Maßnahmen zur Energieeinsparung und -effizienz, Energieverlagerung auf grüne Energieträger und intelligentes Energiemanagement durch Smart Grids und Smart Metering Angebote auf der Agenda.

Schließlich gibt es noch eine dritte Gruppe, die ich die Demokratieförderer nenne. Für die Gruppe bedeutet die smarte Stadt eine Stadt, in der Bürger auch als Sensoren wirken können, deren Meinungen, Erwartungen und Befindlichkeiten beispielsweise über Smartphones aufgenommen und transportiert werden und durch Politik und Verwaltung in den Willensbildungsprozess einfließen. Dies wird durch Forderungen nach umfassender Transparenz und Partizipation befördert.

Wer profitiert von einer schlauen, vernetzten Stadt?
Kaczorowski:
Abhängig vom Gesamtkonzept gibt es viele Profiteure. Politik und Verwaltung profitieren dadurch, dass sie beispielsweise mit der intelligenten Vernetzung für hochkomplexe und wechselseitig abhängige Infrastruktur für Verkehr und Energie die Auslastung des knappen Verkehrsraumes in Echtzeit besser steuern können. Los Angeles steuert alle Ampeln über ein IP-Netz, sodass die Ampeln flexibel je nach Verkehrslage geschaltet werden können. Das ewige Stop und Go entfällt und so spart auch der Autofahrer Energie und reduziert seinen CO2 Ausstoß.

Die Technologiekonzerne sind an neuen Absatzmärkten interessiert. Die Chancen dafür bieten sich sowohl in den Städten, die vor allem im asiatischen Raum und im Nahen Osten auf der grünen Wiese entstehen. Zugleich erkennen sie zunehmend, dass auch die Umgestaltung und Revitalisierung bestehender Städte und Regionen interessierte Märkte bieten. Diese Chancen können sie aber nur wahrnehmen, wenn sie mit innovativen Städten in Public-Private-Partnerships arbeiten. Dieses Modell wird auch von der EU-Kommission unterstützt.

Welche Chancen ergeben sich für welche Teile der Bevölkerung?
Kaczorowski:
Die Menschen, die in den Städten leben, haben ein gemeinsames Bedürfnis. Sie wollen ihre Lebens-, Aufenthalts- und Arbeitsqualität verbessert sehen.

  • Der 10-jährige Junge wird nach heutigem Stand eine Lebenserwartung von noch 80-90 Jahren haben. Er benötigt ein komplett anderes Bildungssystem als wir es noch hatten. Es wird die Bildungsinstitutionen untereinander vernetzten, digitale Lernplattform schaffen und alle Voraussetzungen für orts- und zeitunabhängiges Lernen bieten müssen. Wir wissen heute, dass fast 50 Prozent der gängigen Berufe durch die Digitalisierung obsolet oder zumindest stark verändert werden. Das Bildungssystem muss lebenslanges, kooperatives Lernen und Anpassungsbereitschaft in den Mittelpunkt stellen.
  • Der junge Entrepreneur profitiert von einer smarten Stadt, wenn aufgrund einer umfassenden schnellen Breitbandversorgung die Bedingungen für schnellen kreativen Austausch und neue digitale Geschäftsmodellen entstehen. Die Bereitstellung offener Daten wird für ihn von großer Bedeutung sein.
  • Der Freiberufler, der nicht zu hause arbeiten kann oder will, sucht den Austausch in untereinander vernetzten Co-Working oder Smart Working Centern, die wir beispielsweise aus den Niederlanden oder Korea kennen. Diese Center sind am Stadtrand mit guten ÖPNV-Verbindungen eingerichtet und bieten für die Nutzer die gemeinsame Nutzung der neuesten digitalen Infrastruktur wie Videokonferenzräume etc. Zusätzlich wird in ihnen Kinderbetreuung angeboten, so dass auch Alleinerziehende durch die Nutzung von Smart Work Center leichter in den Arbeitsprozess integriert werden können.
  • Die hochbetagte Oma will so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben. Für sie sind vernetzte intelligente Infrastrukturen und Anwendungen erforderlich, die wir aus den „Ambient Assisted Living“ Projekten kennen. Die smarte City stellt also für viele Lebenssituationen ein neues Leitbild bereit.

Welche Geschäftsmodelle ergeben sich für große und kleine Firmen?
Kaczorowski:
Neue Geschäftsmodelle ergeben sich vor allem aus der Bereitstellung von maschinenlesbar aufbereiteten offenen Daten. Diese stammen aus dem Schatz der öffentlichen Veranstaltung und verkümmern häufig auf den verschiedenen Servern der Fachverwaltungen. Eine smarte Stadt fährt eine offensive Datenstrategie.

So hat zum Beispiel die Stadt Wien bis 2015 insgesamt 247 Datensätze aus den verschiedenen Bereichen des Konzerns Stadtverwaltung Wien bereitgestellt. Aus denen wurden bis heute 162 Apps geschaffen, von denen einige bereits kommerziell genutzt werden. Die Stadt Wien hat darauf hin durch eine wissenschaftliche Studie ermitteln lassen, dass diese Apps auch für die Stadt Wien einen Mehrwert geschaffen haben, der sich auf 550.000 Euro beläuft.

In Nizza wurde das Smart Parking System in Partnerschaft zwischen der Stadt und Unternehmen realisiert. Die Unternehmen errichteten die Infrastruktur einschließlich der W-LANs, schufen Apps und bauten Parkterminals auf. Sie finanzieren sich über Benutzungsgebühren pro Parker. Zusätzlich bieten sie am Kioskterminal Rabattcoupons an, die die PKW-Nutzer dann im örtlichen Einzelhandel einlösen können. Auf diese Weise wurde auch der örtliche Einzelhandel belebt.

Was lässt sich aus bisherigen, Ihnen bekannten Pilotprojekten für das Thema folgern?
Kaczorowski: Die bisherigen Projekte erinnern mich an die Entwicklung eines E-Government in Deutschlands. Zuerst begann man mit vielen isolierten Pilotprojekten in den Städten, die teilweise auch von Technologieunternehmen unterstützt wurden. Dann entdeckten die Verantwortlichen, dass diese singulären Projekte in ein Gesamtkonzept integriert werden müssten. Danach stellten sie fest, dass für ein medienbruchfreies E-Government gemeinsame infrastrukturelle Voraussetzungen und Standards erforderlich sind. Und schließlich bemerkten sie, dass die schönen E-Government Dienstleistungsangebote von den Nutzern nicht angenommen wurden, weil sie am konkreten Bedarf vorbeigingen.

So ähnlich stellt sich die Situation bei der Smart City dar. Viele isolierte richtige Projektansätze, erste Versuche, ein Gesamtkonzept zu entwerfen. Fehlende Standards zur Kommunikation der Infrastrukturen und Anwendungen untereinander kennzeichnen die Situation. Zudem ist Smart City ein Elitenkonzept, weil sich bei der Entwicklung zwar Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft treffen, die betroffene Stadtgesellschaft aber eher außen vor bleibt. Das es anders geht, zeigt die Stadt Wien. Hier wurde das Konzept zur Digitalen Agenda Wien, das ein Teilbereich der Smart City Wien ist, in einem breiten Partizipationsprozess online und offline erarbeitet.

Insgesamt stellt der Übergang hin zu einer smarten Stadt ein politisch-strategisches Innovationsprogramm für die gesamt Stadt und ihr Umland dar.

Welche grundsätzlichen technischen Voraussetzungen sind nötig?
Kaczorowski:
Schnelles Internet ist die wichtigste Grundlage für eine smarte Stadt. Idealerweise sollte es Glasfaserbreitband sein, weil nur damit sichergestellt sind, dass künftige hochbreitbandige Anwendungen wie Tele Health zum Zuge kommen können. Im neuesten Report des FTTH-Councils Europe taucht Deutschland beim Glasfaserranking unter den ersten 20 nicht einmal auf.

Für die Nutzung mobiler Anwendungen und des umfassenden Einsatzes von Smartphones und anderer digitaler Endgeräte ist der Ausbau des freien WLANs erforderlich. Erfreulicherweise erkennen das immer mehr Politiker. In Köln werden z.B. mehr als 100 neue Hotspots geschaffen und für weitere drei Einkaufszonen eine umfassende Ausleuchtung sichergestellt. Freies WLAN sollte aber auch in allen städtischen Gebäuden wie Verwaltungsstellen, Bibliotheken oder Schulen selbstverständlich sein.

Cloud Computing wird sich bei Infrastrukturen, Anwendungen und Diensten durchsetzen, sobald gelegentliche Datensicherheitsprobleme gelöst werden. Für das mobile Arbeiten und die interaktive digitale Kommunikation ist Cloud Computing ein zentraler Bestandteil in einer Smart City.

Schließlich wird das Internet der Dinge, das Personen, Daten und physische Dinge untereinander verbinden und miteinander virtuell kommunizieren lässt, eine weitere notwendige Basis für eine smarte Stadt, die durch intelligente Netze und Infrastrukturen gesteuert wird, sein.
 
Sind individuelle Daten in einer Smart City gefährdeter als wo anders?
Kaczorowski:
Aus meiner Sicht steht die Diskussion um die Sicherheit persönlicher Daten und die Störungsanfälligkeit von Netzen und Anwendungen in der smarten Stadt erst am Anfang.

Die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung sollten diese Debatte nicht ignorieren sondern in ihr aktiv mitwirken. Erst dies wird die breite Akzeptanz einer Smart City schaffen.
 
Welche Chancen und Risiken ergeben sich aus Smart Cities für die Demokratie?
Kaczorowski:
Die smarte Stadt stellt auf der einen Seite ein Modell zur Revitalisierung der Demokratie dar. Mehr Bürgerbeteiligung bereits im Vorfeld von Planungsprozessen und mehr Transparenz im Hinblick auf das Verwaltungshandeln können das Vertrauen in die Arbeitsweise von Politik und Verwaltung wieder herstellen. Auf der anderen Seite könnte die Smart City auch in ein Demokratiemodell abgleiten, in denen internetaffine Nerds die Mehrheit dominieren, weil sie die Zusammenhänge besser durchschauen und digital ausdrucksfähiger sind.

Deshalb gehört zur Demokratieentwicklung in der smarten Stadt, dass Unterstützungsinfrastrukturen geschafft werden, die sicherstellen, dass die bisherigen Offliner zu Onlinern werden können und dann in die digitalen Partizipationsprozesse eingreifen und ihre Stimme erheben können.

Willi Kaczorowski im Netz: www.wkaczorowski.de und mehr zu seinem Buch: Die smarte Stadt

 

 

 

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